Das Wasser sah gut aus. War es nicht.
Hallo du,
Das Wasser lief klar über hellen Sand und eiszeitlichen Kies. Herbst, die Schwärze bei Eberswalde, unterhalb eines Prallufers, an dem die Erlen ihre freigespülten Wurzelteller in die Strömung hängen. Ich war mit zwei anderen unterwegs, den ganzen Tag zu Fuß. Das Lager für die Nacht stand noch nicht.
Die Flasche war seit dem Nachmittag leer. Unter Last schwitzt der Körper auch bei zehn Grad.
Die Regel kenne ich seit fünfundzwanzig Jahren. Ich unterrichte sie. Aus einem Oberflächengewässer wird nicht getrunken, bevor es aufbereitet ist.
Ich habe trotzdem den Becher genommen, ihn unter die Oberfläche gehalten und getrunken. Zweimal. Das Wasser war kalt, um die zehn Grad, und schmeckte nach nassem Laub. Erdig, weich, nicht faulig. Nichts daran wirkte falsch. Die Strömung stand kräftig, der Grund war hell, das Laub trieb oben und nicht darunter.
Später am Abend zog die Kaltluft von den Feldern in den Talgrund. Über dem Wasser stand Dunst, das Wasser blieb wärmer als die Luft.
Ein paar Tage danach lag ich flach. Es hat eine Weile gedauert, bis das vorbei war.
Was ich bis heute nicht sagen kann: wann es angefangen hat. Ob zwischen dem Becher und dem ersten Tag im Bett acht Stunden lagen oder vier Tage. In meiner Erinnerung stehen die beiden Dinge nicht nebeneinander.
Klares Wasser über hellem Sand, und trotzdem falsch.
Die Regel war nicht das Problem. Sie war da, sie war bekannt, sie war meine eigene. Durst widerlegt eine Regel nicht, er überstimmt sie.
Der Fehler steckt in ihrer Form. Eine Regel bietet im Moment der Entscheidung genau eine Möglichkeit an, und die heißt Verzicht. Wer durstig an einem klaren Bach steht, hat damit nichts in der Hand. Verzicht ist keine Handlung. Er ist das Ausbleiben einer Handlung.
Nützlich ist an dieser Stelle etwas anderes. Nicht eine Regel, sondern eine Kette mit mehreren Gliedern, und an jedem Glied eine Entscheidung, die getroffen werden kann.
Trinkbares Wasser ist eine Frage der Größe.
Drei Erregerklassen kommen in mitteleuropäischen Fließgewässern vor. Protozoen-Zysten wie Giardia und Cryptosporidium messen vier bis zwölf Mikrometer. Bakterien wie Campylobacter liegen bei zwei Zehnteln bis drei Mikrometern. Viren wie Norovirus bei siebenundzwanzig bis vierzig Nanometern.
Ein Filter ist ein Sieb. Er hält zurück, was größer ist als seine Pore, und lässt alles darunter durch. Der übliche Hohlfaserfilter mit 0,1 Mikrometer absoluter Porenweite hält Bakterien und Zysten zuverlässig. Norovirus ist rund hundertmal kleiner als diese Pore. Es geht ungehindert hindurch.
Die Chemie hat die umgekehrte Lücke. Chlor und Jod erledigen Bakterien und Viren. An Cryptosporidium scheitern sie, die Oozyste hat eine Hülle, an der diese Mittel abprallen. Chlordioxid kommt durch, braucht in kaltem Wasser aber rund vier Stunden Kontaktzeit. Kälte verdoppelt die Zeit. Trübung zehrt das Mittel auf, bevor es die Erreger erreicht.
Abkochen hat keine Lücke. Eine Minute sprudelnd reicht, oberhalb von zweitausend Metern sind es drei. Die zehn Minuten, die überall stehen, stammen aus keiner Vorschrift.
Auf das Wort „absolut“ kommt es an. „Nominal“ heißt nur, dass der Durchschnitt der Poren dort liegt. Größere sind dabei.
Der Rest erklärt den Zeitverzug. Giardia braucht meist sieben bis zehn Tage bis zum Ausbruch, Campylobacter zwei bis fünf. Bis die Symptome da sind, hat der Verstand längst das Essen verantwortlich gemacht. Deshalb lernt kaum jemand aus diesem Fehler, auch nicht beim zweiten Mal.
Fließend und klar senkt die Wahrscheinlichkeit. Eine Aufbereitung ist es nicht.
Was der eigene Filter leistet, steht selten auf dem Gehäuse.
Übung
Erst prüfst du, was dein Gerät nicht kann. Dann das Verfahren, das ohne Gerät trägt.
Schlag die Porenweite deines Filters nach. Steht sie nicht drauf, such das Datenblatt. Notiere, ob dort „absolut“ oder „nominal“ steht, und was er nicht entfernt. „Meets US EPA Guide Standard“ oder „NSF Protocol P231“ heißt: auch Viren. „Laborgeprüft“ heißt nichts.
Such die Kontaktzeit deiner Tabletten für kaltes und trübes Wasser. Nicht die Zahl auf der Vorderseite.
Dann der Blasentest. Spül drei Liter durch, bis alle Fasern nass sind, halt den Auslass unter Wasser und drück Luft durch die Membran. Steigen dauerhaft feine Blasen aus einer festen Stelle auf, ist eine Faser gebrochen. Der Filter kommt in den Müll.
Beurteile drei Entnahmestellen, bevor du eine anfasst. Sieh dir zweihundert Meter flussaufwärts an: Weide, Siedlung, Zufluss, Biberstau. Schreib die Beurteilung auf, dann entscheide. Brich ab bei Kadaver im Ufer, bei Algenblüte, bei einem Schaumfilm, der beim Aufstören nicht in kantige Plättchen zerreißt.
Schöpf mit dem Becher unter der Oberfläche, mit Abstand zum Uferschlamm. Kläre durch dicht gewebtes Tuch oder lass absetzen und gieß die klare Phase ab. Dosiere, schüttle, öffne den Verschluss eine halbe Umdrehung, dreh die Flasche um und drück behandeltes Wasser über die Gewindegänge. Dort sitzt das Rohwasser, das dir sonst beim Trinken in den Mund läuft. Erst danach verschließen, erst danach läuft die Uhr. Dann trink.
Drei Marken prüfst du: Eine Druckzeile hinter der gefüllten Flasche muss scharf lesbar sein. Nach der Kontaktzeit muss ein schwacher Chlorgeruch da sein, sonst hat die organische Last das Mittel aufgezehrt. Beim Kochen müssen große Blasen ununterbrochen aufsteigen.
Ob die Erreger weg sind, misst du im Feld nicht. Die Sicherheit kommt aus der Ausführung, nicht aus dem Eindruck.
Sicherheit. Für Schwangere, kleine Kinder, immungeschwächte und chronisch magen-darm-kranke Personen gilt Abkochen, sonst nichts. Schöpfen mit dem Handgefäß ist nach § 43 Brandenburgisches Wassergesetz erlaubnisfrei; Pumpvorrichtungen sind im Landkreis Barnim per Allgemeinverfügung untersagt, bis auf Widerruf.
An der Schwärze sammelt sich im Herbst brauner Schaum auf der Unterstromseite von liegendem Erlenholz. Leicht, erdig, nicht klebrig. Gerbstoff aus zersetztem Laub, kein Eintrag von außen. Zwei Meter weiter läuft das Wasser klar über den Sand, schnell, hell, ohne sichtbare Trübung.
Beides gehört zu demselben Bach. Das eine sagt nichts über das andere, und keins von beidem sagt etwas darüber, was zweihundert Meter weiter oben liegt.
Konsequenz: Schlag die Porenweite deines Filters nach, bevor du am Wochenende losgehst. Steht dort „nominal“, rechne mit größeren Poren, als du gekauft hast.
— Maurice
Maurice Ressel — Survival-Trainer und Krisenfotojournalist
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