Meine Geschichte
Die Wüste
Danakil, Äthiopien
Von Maurice Ressel · Kapitel 4 von 8 · 14 Minuten Lesezeit
Die Kalaschnikow lag auf der Mittelkonsole.
Eine AK-47 mit abgegriffenem Holzschaft, das Metall stumpf von der Sonne. Sie lag auf der Mittelkonsole zwischen dem Fahrer und mir, der Lauf nach hinten, der Kolben gegen das Armaturenbrett. Niemand im Wagen schien sie zu bemerken. Der Fahrer fuhr. Der Übersetzer auf dem Rücksitz kaute Khat, seine Wange ausgebeult wie ein Tennisball, und starrte aus dem Fenster auf die Mondlandschaft. Ich setzte die Kopfhörer auf. Doom Metal. Die Bässe so tief, dass sie im Kiefer saßen.
Afar-Region, Äthiopien, Juni 2022. Ich war hier, um eine zerstörte Klinik zu dokumentieren. Dreihunderttausend Vertriebene, Tigray-Krieg, eine Hilfsorganisation hatte mich geschickt. Der Land Cruiser schob sich durch die Danakil-Wüste, Fenster geschlossen. Zweiundfünfzig Grad. Die Luft draußen war heißer als drinnen – wer die Scheibe runterließ, holte sich die Hitze in die Lunge.
Mein erster Atemzug war wie Feuer in der Lunge, mein zweiter auch. Der Schweiß verdunstete, bevor er tropfen konnte – zwei Prozent Luftfeuchtigkeit, man merkt nicht, dass man austrocknet, bis es zu spät ist. Billiger Tabak und Diesel und verbrannter Staub, das war der Geruch dieser Wüste. Ich betete – ich weiß nicht, zu wem, ich weiß nicht, warum, ich tat es einfach.
Die Straße war rissig unter den Reifen, und draußen lag schwefelgelbes Gestein, grauweiße Salzflächen, Hitzeschlieren über dem Boden wie Wasser, das nicht da ist – der heißeste bewohnte Ort der Erde, und die Afar leben hier seit Jahrhunderten.
Dann der Knall.
Pfeifen, das Auto zog nach rechts, Staub wirbelte hoch. Reifenplatzer. Ich stieg aus, und die Hitze traf mich wie ein Schlag – die Luft so trocken, dass sie in der Kehle kratzte. Ich ging um das Auto, sah mir den Reifen an und öffnete den Kofferraum.
Ein Ersatzreifen. Zwei Wasserflaschen. Drei Männer.
Klassischer Survival-Fehler.
Zweiundfünfzig Grad, kein Schatten, kein Funkkontakt, eine Straße, auf der stundenlang kein Fahrzeug kommt – ein Ersatzreifen für eine Strecke, auf der zwei das Minimum wären, zwei Wasserflaschen bei einem Flüssigkeitsverlust von eineinhalb Litern pro Stunde. Ich rechnete. Ich sagte nichts. Nicht, weil ich höflich sein wollte – sondern weil es nichts geändert hätte.
Der Fahrer wechselte den Reifen, die Sonne im Nacken, und ich stand daneben und sah zu, während der Staub sich auf Haut und Kleidung und Kameragehäuse legte.
Die Chinesen können das reparieren, sagte der Übersetzer. Wenn wir sie finden. Der Fahrer klopfte den Staub von seinen Knien und sagte nichts.
Wir stiegen ein. Die Kalaschnikow lag noch da, wo sie gelegen hatte, das Zielfernrohr falsch montiert – ich hatte es sofort gesehen, es saß verkehrt herum. Aber ich sagte nichts. Noch nicht.
Wir fuhren weiter, und vor uns lag die Wüste, schwefelgelb unter einem weißen Himmel.
· · ·
Die Reise
Der Fahrer fuhr, der Übersetzer kaute, und ich betete und hörte Doom Metal und starrte aus dem Fenster auf die Mondlandschaft. Schwefelgelb und weiß und grau, Hitzeschlieren über dem Boden wie Wasser, das nicht da war – der heißeste bewohnte Ort der Erde, und die Afar nennen ihn das Tor zur Hölle und leben dort seit Jahrhunderten, als wäre das Tor ein Zuhause.
Dann die Taube. Eine Türkentaube auf einem Felsen, zwanzig Meter von der Straße, braunes Gefieder, der schwarze Streifen am Hals. Sie beobachtete uns, als wir vorbeifuhren, und sie bewegte sich nicht. Hier, bei zweiundfünfzig Grad, in einer Wüste, in der nichts leben sollte.
Ich nahm die Kopfhörer ab.
Stopp. Der Fahrer reagierte nicht. Stopp, sagte ich noch einmal. Er trat auf die Bremse, und der Wagen stand.
Die Taube sah zu mir herüber. Ich sah zurück. Kein Wasser, kein Schatten, nichts als Hitze – und dieses Tier lebte hier.
Die krassesten Survival-Spezialisten, die es gibt – das dachte ich damals, und ich denke es heute noch, Türkentauben, die überleben, wo nichts überleben sollte, ohne Wasser, ohne Schutz, einfach da, als hätte ihnen niemand gesagt, dass es unmöglich ist.
Der Fahrer schüttelte den Kopf. Wegen einer Taube. Weiter, sagte ich, und wir fuhren.
Die Checkpoints kamen regelmäßig, alle paar Kilometer einer. Männer mit Waffen, die aus der Hitze auftauchten, unsere Papiere prüften und uns durchwinkten. Die Luft roch nach Diesel und Schweiß.
Ich musterte die Waffen. Es war wie ein Museum – Lee-Enfields aus dem Zweiten Weltkrieg mit rissigen und ausgebleichten Holzschäften, Mosin-Nagants mit langen Läufen aus einer anderen Ära, daneben AK-47s mit schwarzem Kunststoff statt Holz, SKS-Karabiner und PKM-Maschinengewehre, alles durcheinander, alles zusammengewürfelt. Ich erkannte jede einzelne. Ich hatte nie in einer Armee gedient und nie einen Krieg gekämpft, aber ich kannte diese Waffen. Ich wusste, wie sie funktionierten, wie sie sich zerlegten, wie sie sich anfühlten.
An einem Checkpoint hielt ein Mann eine Lee-Enfield in der Hand. Der Schaft war mit Draht umwickelt, wo das Holz gebrochen war, der Verschluss so abgegriffen, dass das Metall glänzte. Die Waffe war älter als er, älter als sein Vater vermutlich. Er bemerkte meinen Blick und merkte, dass ich sie erkannte.
Er sagte etwas zu dem Übersetzer. Der Übersetzer lachte.
Er fragt, ob du Soldat bist.
Ich schüttelte den Kopf. Nur der Fotograf.
Wir fuhren weiter, und die Sonne sank, und das Licht wurde orange, dann rot, dann dunkelrot, die Mondlandschaft verwandelte sich, Schatten krochen über die Felsen, und die Hitze ließ ein wenig nach – ein wenig.
Dann das Dorf. Es tauchte aus der Dämmerung auf, Lehmhütten, ein paar Bäume, Menschen im Schatten. Der Fahrer wurde langsamer.
Da könnte der Feind sein, sagte er, ruhig, wie eine Feststellung, wie etwas, das einfach so war.
Er griff nach der Kalaschnikow und hielt sie mit einer Hand aus dem Fenster, den Lauf nach draußen, während er mit der anderen weiterfuhr. Fünf Kilometer durch die Stadt, ruhig und taktisch. Die Waffe als Signal nach außen, dass jemand in diesem Auto wach war.
Dann waren wir durch. Der Fahrer legte die Kalaschnikow auf die Mittelkonsole zurück und fuhr weiter. Der Übersetzer kaute.
Ich setzte die Kopfhörer wieder auf, Doom Metal, die tiefen Gitarren, aber ich hörte nicht mehr richtig hin. Ich dachte an die Türkentaube auf dem Felsen, an die Waffen an den Checkpoints. Ich dachte an den Mann mit der Lee-Enfield, der gefragt hatte, ob ich Soldat sei.
Nur der Fotograf – das hatte ich gesagt. Ich fragte mich, ob das stimmte.
· · ·
Die Waffe
Wir hielten an. Die Hitze stand über dem Land Cruiser wie eine Glocke, und der Motor tickte, und es war still. Ich sah auf die Kalaschnikow zwischen den Sitzen, auf den abgegriffenen Holzschaft und das stumpfe Metall und das Zielfernrohr, das ich die ganze Fahrt über beobachtet hatte, ohne es anzufassen, und ich wusste, dass ich es nicht länger ignorieren konnte. Jetzt sah ich sie richtig an.
Das Zielfernrohr war verkehrt herum. Es saß so, dass man durch die falsche Seite schauen würde, alles verkleinert statt vergrößert, und wer auch immer das montiert hatte, hatte keine Ahnung gehabt. Im Ernstfall hätte derjenige sein Ziel kleiner gesehen, und er hätte daneben geschossen oder gar nicht erst gefeuert, weil er nicht verstand, was er sah.
Die Waffe war nutzlos so. Ich musste sie mir ansehen. Ich griff danach, und das Metall war heiß von der Sonne, so heiß, dass es in den Händen brannte. Der Holzschaft war rau und abgegriffen von Jahren im Staub. Die Waffe lag schwer in meinen Händen, und sie lag vertraut – das Gewicht, die Balance, der Geruch nach altem Öl.
Ich zog das Magazin raus und sah mir die erste Patrone an. Verbeult – die Hülse eingedrückt, das Messing matt und verkratzt. Die hätte beim Abfeuern klemmen können, oder die Hülse wäre im Patronenlager geplatzt und die Waffe in der Hand desjenigen explodiert, der sie abgefeuert hätte. Ich legte die verbeulte Patrone auf den Sitz, schob den Verschluss zurück und überprüfte das Patronenlager. Leer. Kein Widerstand im Mechanismus, der Verschluss lief sauber.
Ich legte den Sicherungshebel um.
Klick.
Der Laut war laut in der Stille, metallisch und endgültig, und der Fahrer beobachtete meine Hände, und der Übersetzer auf dem Rücksitz hatte aufgehört zu kauen.
Ich löste die vier Schrauben des Zielfernrohrs, eine nach der anderen, und hob es vom Lauf und legte es auf den Beifahrersitz. Das Zielfernrohr war nutzlos – vierfache oder fünffache Vergrößerung, nicht eingeschossen, und selbst wenn man es umdrehte, müsste man es erst einschießen, und dafür fehlte die Zeit und die Munition. Also weg damit. Kimme und Korn, die normale Visierung, das funktioniert immer.
Ich hob die Waffe und visierte über Kimme und Korn an, durch das offene Fenster, auf einen Felsen in der Ferne. Die Wüste lag schwefelgelb dahinter, Hitzeschlieren über dem Boden. Die Waffe lag ruhig in meinen Händen. Ich hielt den Atem an, mein Zeigefinger neben dem Abzug, nicht darauf, und richtete die Visierlinie aus. Die Linie stimmte.
Ich setzte die Waffe ab und drückte das Magazin zurück in den Schacht.
Chunk.
Der Fahrer nickte einmal. Er nickte, wie jemand nickt, der verstanden hat. Er sah mich an, und in seinem Blick war etwas, das vorher nicht da gewesen war. Dann stieg er aus.
Ich legte die Waffe zurück auf die Mittelkonsole, den Lauf nach hinten, den Kolben gegen das Armaturenbrett, an dieselbe Stelle, wo sie die ganze Fahrt gelegen hatte. Nur dass sie jetzt funktionierte. Meine Hände rochen nach Metall und Öl.
· · ·
Später saßen wir unter einem Baum.
Die Hitze war immer noch da, aber der Schatten half, ein wenig. Der Übersetzer hatte Tee organisiert – süß, heiß, in kleinen Gläsern, die zu dünn waren, um sie lange zu halten. Ich hielt meins in beiden Händen und spürte die Wärme durch das Glas, obwohl die Luft um uns herum heißer war als der Tee.
Um uns herum saßen Männer. Afar-Krieger, Qafar, wie sie sich selbst nannten. Staub auf ihren Sandalen, Jile-Dolche an den Gürteln, die gekrümmten Klingen in Lederscheiden, die Griffe aus Horn. Sie saßen im Halbkreis und tranken Tee und redeten leise auf Qafar, und ihre Stimmen klangen wie etwas, das in dieser Landschaft gewachsen war.
Der Fahrer redete mit ihnen. Er zeigte auf mich und machte Handbewegungen – das Drehen der Schrauben, das Anheben der Waffe, das Visieren über Kimme und Korn. Ich verstand die Worte nicht, die er zu ihnen sprach, aber ich verstand, wovon er erzählte. Das Zielfernrohr. Die verbeulte Patrone. Der Klick. Der Chunk.
Die Krieger sahen mich an.
Einer von ihnen war älter als die anderen, und er saß etwas abseits von den Jüngeren. Grauer Bart, tiefe Falten um die Augen, ein Gesicht, das aussah wie die Wüste selbst. Er trug einen Jile-Dolch mit einem Griff aus hellem Horn, die Klinge in einer Lederscheide mit Messingnieten. Er sah mich lange an, und sein Blick war nicht neugierig – er war prüfend, wie der Blick eines Mannes, der andere Männer danach beurteilt, was sie mit ihren Händen können.
Dann sprach er. Der Übersetzer lauschte und wandte sich mir zu.
Jemanden wie dich hätten wir brauchen können.
Ich hielt das Teeglas. Der Zucker klebte am Boden. Die anderen Krieger nickten, und in ihren Blicken war nicht Höflichkeit, nicht Freundlichkeit, sondern Anerkennung – das Erkennen von etwas, das sie in sich selbst kannten.
Ich sagte nichts. Ich hielt das Glas und trank, und der Tee war zu süß und zu heiß, aber ich trank.
Jemanden wie dich.
Ich saß unter einem Baum in der Danakil-Wüste, und ein Mann, der sein ganzes Leben lang gekämpft hatte, sah in mir etwas, das meine eigene Familie nie gesehen hatte – und ich war nicht mehr in Äthiopien, sondern in Nottuln, auf einem Bordstein, zwölf Jahre alt, und Malte kam mit sieben Typen aus der Haustür.
Er war größer als ich und älter, und hinter ihm standen sieben Leute, und ich saß auf dem Bordstein unter einer Straßenlaterne und wusste, was gleich passieren würde. Die Laterne summte über mir. Das Licht fiel auf den Gehweg, und Maltes Schatten war länger als meiner. Du bleibst sitzen. Ich weiß nicht, ob ich mir das selbst gesagt habe oder ob es einfach da war, wie ein Instinkt, der älter war als Angst. Ich blieb sitzen. Dann stand ich auf. Malte kam auf mich zu, und ich packte ihn und hielt ihn fest, und er schlug und ich hielt, und ich ließ nicht los. Der Krieger mit zwölf. Derselbe Mensch, der dreißig Jahre später in der Danakil unter einem Baum saß und Tee trank.
In meiner Familie war Kämpfen eine Sünde. Ich hatte mich zur Bundeswehr gemeldet, und die Bundeswehr hatte mich ausgemustert.
Ich trank den letzten Schluck Tee. Der Zucker war zu süß auf meiner Zunge. Die Sonne stand tief über der Wüste, und der Schatten des Baums wurde länger.
Wenn ich keine Familie hätte, dann würde ich jetzt da bleiben.
Der Gedanke war einfach da, wie die Hitze, wie der Staub, wie die Kalaschnikow im Land Cruiser. Bleiben. Mit ihnen leben. Das sein, was ich immer gewesen war, an einem Ort, wo es keinen Namen brauchte und keine Erlaubnis und keine Entschuldigung.
Aber auf mich wartete zu Hause etwas – Miri, das Kind, das Leben, das ich mir gebaut hatte und das ich brauchte, um nicht zu verschwinden.
Ich sah den alten Krieger an, und er sah mich an, und zwischen uns war der Tee und der Staub und die Stille eines Nachmittags in der Danakil. Er wartete, und ich stellte das Glas auf den staubigen Boden zwischen meine Füße.
Ich war Kämpfer. Ich war Beschützer. Ich war Krieger. Das hatte ich mein Leben lang gewusst. Nur nie ausgesprochen.
· · ·
Der alte Krieger stand auf und bewegte sich langsam, wie ein Mann, der gelernt hat, dass Eile nichts ändert. Er legte mir die Hand auf die Schulter – kurz, fest, der Griff eines Mannes, der andere Männer an ihren Händen erkennt – und ging zurück in die Hitze. Die anderen folgten ihm, einer nach dem anderen, Staub unter ihren Sandalen, und die Jile-Dolche klirrten leise an den Gürteln. Dann waren sie weg.
Ich blieb unter dem Baum sitzen.
Das Teeglas stand zwischen meinen Füßen auf dem staubigen Boden. Leer. Der Zucker klebte am Rand. Um mich herum war nichts als der Schatten und die Hitze und die Stille, die sie hinterlassen hatten. Keine Stimmen mehr, kein Qafar, nur der Wind, der über die Ebene strich und den Staub vor sich hertrieb.
Meine Hände lagen auf meinen Knien. Sie rochen nach Metall und Öl und Tee.
Irgendwo hinter mir tickte der Motor des Land Cruisers. Das einzige Geräusch außer dem Wind. Der Fahrer wartete. Er würde warten, so lange es dauerte – er war ein Mann, der wusste, dass manche Dinge ihre Zeit brauchen.
Dann stand ich auf.
Ich ging zum Land Cruiser. Mit jedem Schritt wurde der Baum kleiner hinter mir und der Schatten kürzer und die Hitze stärker. Ich spürte das Gewicht der Kamera an meinem Hals, das vertraute Ziehen des Gurts gegen die Haut, das Gehäuse, das gegen meine Brust schlug bei jedem Schritt.
Ich hob die Kamera.
Nicht um zu fotografieren – es gab nichts mehr zu dokumentieren – sondern weil die Kamera das Einzige war, das zwischen mir und dem stand, was gerade passiert war: den Bordstein in Nottuln, den Opa mit dem Rauschbart, den Brief auf der Station und den alten Krieger, der in mir etwas erkannt hatte, das dreißig Jahre lang niemand hatte sehen wollen.
Ich hielt sie vor mein Gesicht. Das Gehäuse war warm von der Sonne. Ich sah durch den Sucher auf die Ebene, auf den Staub und den Baum, unter dem gerade noch Männer gesessen hatten, die mich kannten, ohne mich zu kennen.
Nur der Fotograf.
Das hatte ich dem Mann am Checkpoint gesagt, Stunden zuvor, eine halbe Wüste entfernt. Jetzt sagte ich es mir selbst, leise, wie man sich etwas sagt, weil die Alternative zu laut ist.
Ich ließ die Kamera sinken.
Der Fahrer sah mich an. Er nickte. Ich nickte zurück. Wir stiegen ein. Er drehte den Schlüssel, der Motor sprang an, und der Land Cruiser schob sich auf die Piste. Der Übersetzer auf dem Rücksitz kaute. Niemand sprach, und wir fuhren. Zurück durch die Checkpoints, zurück durch die Mondlandschaft. Die Sonne sank, das Licht wurde rot und dann dunkel, und die Männer an den Schlagbäumen winkten uns durch, ohne in den Wagen zu sehen. Ich setzte die Kopfhörer auf. Doom Metal, langsam und schwer. Aber ich hörte nicht hin.
Ich sah aus dem Fenster auf die Wüste, die im Dunkeln verschwand, und ich dachte an nichts. Das war das Kunststück – an gar nichts denken, wenn alles in einem schreit. Fünfzehn Jahre lang hatte ich das geübt, in zweiundzwanzig Ländern, und ich war gut darin geworden.
Die Stille im Land Cruiser war anders als die Stille unter dem Baum. Unter dem Baum war sie voll gewesen – voll von Tee und Blicken und dem Satz des alten Kriegers. Hier war sie leer. Ich hatte sie selbst geleert.
Die Kalaschnikow lag zwischen den Sitzen.
Ich schaute nicht hin.
Am Checkpoint sagte ich: Nur der Fotograf. Am Abend sagte ein Afar-Krieger, der sein Leben lang gekämpft hatte: Jemanden wie dich hätten wir brauchen können. Er sah, was meine eigene Familie nie gesehen hatte.
Maurice Ressel
Survival-Experte · Kriegs- & Krisenfotojournalist · Autor
25 Jahre Survival-Praxis. 15 Jahre als Kriegs- und Krisenfotojournalist in 22 Krisenländern, mit Einsätzen für Ärzte ohne Grenzen, UNICEF und Cap Anamur. IPA Award 2017. Gründer der Wildnisschule Lupus in der Schorfheide.

