Meine Geschichte
Das Messer
Amazonas
Von Maurice Ressel · Kapitel 5 von 8 · 14 Minuten Lesezeit
Der Dreizack lag quer im Boot, als das Wasser zuckte.
Aber das kam später. Die Nachtjagd, das schwarze Wasser, der vierzehnjährige Bootsmann mit Unterarmen wie Taue – das kam alles später. Am Anfang war ich nur der Fotograf.
Eine Hilfsorganisation hatte mich in den Amazonas geschickt, ihre Projekte zu dokumentieren. Militärisches Sperrgebiet, Bundesstaat Amapá, mitten im Regenwald, mitten auf dem Äquator. Ohne die Organisation kam niemand rein, aber mir standen alle Türen offen. Das war das Geniale an diesen Aufträgen – du warst willkommen, und plötzlich warst du mittendrin.
Die Wayapi trugen Lendenschurze, hatten Schrotflinten und Motoren für die Boote und Taschenlampen und Radios, sonst fast nichts. Kein Strom, kein Netz, kein Signal – nur feuchte Hitze und ein Wald, der nie still war.
Siebenundzwanzig, achtundzwanzig Grad, Tag und Nacht kaum Unterschied, siebzig bis neunzig Prozent Luftfeuchtigkeit, und der Schweiß lief, aber er verdunstete nicht – er stand auf der Haut wie ein Film, der nicht trocknen wollte. Zuerst hatte ich Stiefel an, aber die Füße verrotteten da drin. Nach drei Tagen lief ich barfuß in Flip-Flops, wie alle anderen. Der Boden war weich und warm unter den Sohlen und gab bei jedem Schritt nach. Das Kronendach über uns war so dicht, dass das Licht kaum durchkam, grünes Dämmerlicht, selbst mittags.
Wir bewegten uns nur auf dem Wasser. Zu Fuß war es zu gefährlich – Schlangen, Giftpflanzen, Insekten, alles was kriechen und stechen konnte. Die Flüsse lagen teeschwarz unter dem Kronendach, Baumstämme im Wasser, Äste, Gestrüpp. Die Jäger hatten eine Kettensäge dabei, hundertfünfundzwanzig Kubik, Blatt anderthalb Meter lang. Damit hielten sie die Wasserwege offen.
Der Klangteppich schwieg nie – Brüllaffen morgens und abends, neunzig Dezibel, ein tiefes Grollen, das durch den Brustkorb fuhr, Zikaden am Nachmittag, nachts die Frösche, und dazwischen der Screaming Piha, ein Vogel, so laut, als würde jemand in den Wald hinein schreien. Der Geruch war überall, dicker Dunst von Vegetation, verrottende Blätter, feuchtes Holz. Nicht schlecht – der Geruch von etwas, das lebt und stirbt und lebt, gleichzeitig und ununterbrochen.
Die Jäger beobachteten mich, keine gemeinsame Sprache, kein Portugiesisch, nur Handzeichen und Blicke – das reichte. Sie waren skeptisch, ein Weißer mit einer Kamera, der durch den Sucher auf ihre Welt schaute, als wäre sie ein Motiv.
Dann die Regel.
Wenn du nicht mit jagst, kriegst du auch nichts zu fressen.
Sie drückten mir die Schrotflinte in die Hand, alter Lauf, abgegriffener Schaft. Einen Bauchgurt mit Munition hängten sie mir um den Hals. Keine Erklärung. Friss oder stirb. Ich nahm die Waffe, und der Schaft roch nach Öl und feuchtem Holz.
Es gibt ja da keine Dämmerung, sondern in zehn Minuten ist das Licht aus – so ist das am Äquator, Sonne weg, und dann schwarz. Nicht dämmrig, nicht grau – schwarz. Absolute Schwärze unter dem Kronendach, eine Dunkelheit, in der die Hand vor dem Gesicht verschwand.
Der erste Aufbruch war um vier Uhr morgens, Nachtjagd. Der Bootsmann war vierzehn Jahre alt, breite Schultern, Unterarme wie Taue. Ich hatte noch nie einen Vierzehnjährigen gesehen, der so kraftvoll aussah. Zwölf Stunden auf dem Wasser, zwölf Stunden im Dunkeln. Sie jagten vom Boot aus, Taschenlampen ins Schwarz, die Schrotflinte im Anschlag. Die Lichtkegel tasteten über das schwarze Wasser.
Der Dreizack lag quer im Boot. Die Schrotflinte auf meinen Knien, die Munition am Hals, und der Wald schrie, und das Wasser war schwarz.
· · ·
Die Jagd
In den ersten Stunden stellten wir Fallen für die Riesenfische – Schnüre mit Fruchtködern ins schwarze Wasser, dann warten, Taschenlampen in die Bäume, zwei Augen reflektieren im Lichtkegel, Schuss, Stille, das Tier suchen, weiter. Ab achtzehn Uhr die Schrotflinte. Die Kommunikation lief über Hände – eine gespreizte Hand hieß Stopp, ein Fingerzeig hieß dahin, ein Kopfschütteln hieß lass es, und ich brauchte keine Worte, um zu verstehen. Alles vom Boot aus. Alles, was man in Deutschland nicht darf.
Der Geruch von Fischblut und nassem Holz hing über dem Fluss, und die Taschenlampen warfen Kreise auf die Oberfläche, helle Flecken auf Schwarz, und darunter bewegte sich manchmal etwas, ein Schimmern, ein Schatten, und dann wieder nichts. Irgendwo im Kronendach schrie der Piha. So ging es Stunde um Stunde, und der Wald rings um uns schrie und rauschte und schwieg und schrie wieder, und die Nacht hatte kein Ende und keinen Anfang.
Irgendwann hielten wir am Wasserfall. Das Rauschen schluckte den Wald für einen Moment. Die anderen warfen ihre Schnüre aus – keine richtigen Angeln, nur Stöcke, aber so stabil, dass man nicht glauben konnte, was die aushielten.
Wir waren zu fünft im Boot, zwei angelten, einer am Bug, einer am Heck. Die Luft war warm und schwer, die Feuchtigkeit stand wie ein Tuch über dem Wasser, und das Rauschen vom Wasserfall mischte sich mit den Zikaden zu einem einzigen dichten Ton. Ich lag auf der Mittelbank, die Schrotflinte neben mir, und schaute in die Sterne.
Das Boot zuckte. Erst dachte ich: Strömung. Dann zog es wieder, härter, und der Rumpf drehte sich. Etwas hatte angebissen – etwas Großes.
Im Mondschein sah ich, wie einer der Jäger sich gegen den Stock stemmte, mit dem ganzen Gewicht nach hinten gelehnt. Die Schnur hielt, fünf Meter vom Boot, kein Millimeter Spiel. Sie holten sie Meter für Meter näher, und die Schnur lief unter den Rumpf. Alle sprangen auf.
Einer leuchtete ins Wasser. Im Lichtkegel etwas Langes, Dunkles, das sich unter dem Boot wand, so dick wie mein Oberschenkel und so lang wie der Kahn. Alle redeten gleichzeitig in einer Sprache, die ich nicht verstand.
Einer riss den Dreizack unter der Bank hervor – da lag er immer, quer über den Boden – und stach ins Schwarze. Daneben. Der Nächste nahm ihn und stach. Daneben. Die Oberfläche schäumte, und sie stachen hektisch, einer nach dem anderen, und trafen nichts.
Ich sah ihnen zwanzig Sekunden zu. Die kriegen das nicht gebacken.
Ich nahm den Dreizack. Ein Schlag in den Kopf.
Das Tier hörte auf, sich zu bewegen. Ich griff zu, packte es mit beiden Händen und hob es aus dem Wasser – und dann fuhr der Strom durch meine Arme, durch die Brust, durch den Kiefer, durch alles, Schultern hart, Hände verkrampft, der ganze Körper spannte sich, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.
Ich wusste nicht, dass das ein Zitteraal war und dann war der Kaffee auf.
Die Jäger schrien, zeigten auf meine Hände, aufs Tier, ruderten wild mit den Armen. Eins achtzig, vielleicht zwei Meter – so groß wie ich. Ich ließ ihn fallen, und sie sprangen zurück.
An Land nahmen sie die Macheten und schlugen auf den Kopf ein, wieder und wieder, bis es aufhörte zu zucken. Wenn du ihn nicht zerstückelst, gibt er weiter Schläge, auch wenn er tot ist. Essen konnten wir ihn nicht. Schmeckt richtig scheiße. Nur als Köder taugte er – für die Riesenfische, für die wir seit Stunden die Fallen stellten.
Ich saß am Ufer und sah auf meine Hände. Sie zitterten noch. Nicht Angst – der Strom war noch in den Muskeln, irgendwo zwischen den Sehnen, als wollte er nicht gehen.
Die Finger öffneten und schlossen sich von allein, und ich konnte nichts dagegen tun, konnte nur zusehen, wie der Körper etwas tat, was der Kopf nicht befohlen hatte. Es dauerte Minuten, bis die Hände wieder mir gehörten. Die Kiefer schmerzten vom Zusammenpressen, und in den Schultern saß eine Spannung, die nicht nachließ.
Die Jäger zerlegten den Aal bei Taschenlampenlicht. Macheten auf nassem Fleisch, der Geruch scharf und fremd. Keiner sprach mich an. Keiner musste.
Aber sie schauten anders.
· · ·
Die Gefahren
Ich ging mit ins Dickicht.
Nicht weil sie mich einluden. Nicht weil ich musste. Einfach so. Nach dem Zitteraal warteten sie nicht mehr, bis ich nachkam – kein Zeichen, kein Blick zurück. Wenn sie morgens die Boote beluden, war mein Platz einfach da, zwischen den Macheten und den Schnüren. Das war die Einladung.
Die Jäger hatten selbst Angst vor dem Wald. Jede Familie hier hatte drei, vier Kinder verloren, Erwachsene auch, durch Schlangenbisse. Sie hatten einen Heidenrespekt vor der Natur. Ich nicht mehr. Kein Arzt, kein Serum, nichts. Sie gingen trotzdem.
Ich stieg aus dem Boot, und der Boden gab nach unter den Flip-Flops, weich und feucht, verrottende Blätter, und der Geruch hing dicht zwischen den Stämmen, Erde und Fäulnis und etwas Süßliches, das ich nicht zuordnen konnte. Kaum Licht hier unten – was durch das Kronendach fiel, reichte nicht für Schatten. Kein Wind erreichte den Boden. Nur Summen, von überall, als würde der Wald selber atmen.
Einer der Jäger rief. Ich blieb stehen, drehte mich um, verstand nicht. Er zeigte nach vorn, nach unten. Dreißig Zentimeter vor meinen Flip-Flops lag sie – zusammengerollt, flach, den Kopf eingezogen, braun auf braun, und ich hätte den nächsten Schritt gemacht, wäre da nicht dieser eine Ruf gewesen, der einzige Laut, der mich noch vom Biss einer Fer-de-lance trennte. Zwei Meter lang, Fangzähne wie Nägel. Das Blut gerinnt nicht mehr, wenn sie dich erwischt.
Mein Puls lief gleichmäßig. Weiter.
Ein anderes Mal streifte eine Liane mein Gesicht, und der Saft spritzte über die Stirn, über die Wange, und brannte sofort, die Haut schwoll an, wurde taub, und ich kniff die Augen zu, bevor er sie erreichte. Einer der Jäger tippte sich an die Augen, dann an den Mund. Schüttelte den Kopf. Auge, Mund, Nase, ein Riss in der Haut – tot.
Ich wischte mir das Gesicht mit dem Unterarm ab. Sie sagten nichts, wischten sich die Hände an den Oberschenkeln ab und liefen weiter. Weiter.
An einer Sandbank hielten wir, weißer Sand mitten im Schwarzwasser, und die Hitze flimmerte über dem offenen Ufer. Nach Stunden unter dem Kronendach brannte das Licht auf der Haut wie etwas Festes. Ich stieg aus und stand keine Minute, da war etwas an meiner Wade. Bullet Ant. Drei Zentimeter, rotbraun. Ich erkannte sie aus einem Video, wusste was sie konnte – vierundzwanzig Stunden Schmerz, als würde jemand eine Flamme an die Haut halten und nicht wegnehmen. Ich schlug sie weg – eine Bewegung.
Einer der Jäger nickte. Kein Ruf diesmal, keine Geste – nur ein Nicken, und er wandte sich ab und ging weiter, ohne sich umzudrehen.
Weiter.
Ich hatte Krokodile mit der Machete getötet und mit der Schrotflinte in Erdlöcher geschossen, wo Erdpaker drinsteckten. War barfuß durch Unterholz gelaufen, das die Haut an den Schienbeinen aufschlitzte, und irgendwann hatte ich aufgehört, mir Sorgen zu machen, und war einfach mitgegangen. Drei Sachen, die mich in wenigen Wochen hätten umbringen können – die Schlange, die Liane, die Ameise. Ich zählte sie nicht. Wenn ich nicht zurückkomme, dann ist das egal. Passt schon.
Und es war mir egal.
Wie ein Geräusch, das man so lange hört, bis man es nicht mehr hört. Nicht mutig. Nicht hart geworden. Einfach egal. Die Gleichgültigkeit war keine Entscheidung, sie hatte sich eingestellt wie der Schweiß auf der Haut und das Summen im Kronendach, und irgendwann war sie einfach da. Ich funktionierte, und der Grund dafür war dunkel und hatte nichts mit Mut zu tun.
Die Jäger gingen weiter. Macheten in der Hand, Blicke auf den Boden, Schritte ohne Zögern. Ich ging mit.
· · ·
Die Früchte
Die Bäume ließen ihre Früchte ins Wasser fallen, orangene Punkte auf schwarzem Grund, überall zwischen den Stämmen, und die Jäger gingen barfuß hinein, schweigend, bückten sich, griffen zu und warfen alles über die Schultern in die Boote und machten weiter, ohne aufzuschauen. Es stand ihnen bis zu den Knien, warm und dunkel.
Ich stellte die Kamera auf einen Baumstumpf am Ufer, das Gehäuse feucht vom wochenlangen Tragen, den Gurt zusammengerollt daneben. Zum ersten Mal seit ich hier angekommen war kein Gewicht um den Hals, keine Linse zwischen mir und dem, was ich sah, kein Sucher, kein Rahmen, nichts, das trennte.
Ich zog die Flip-Flops aus, legte sie neben die Kamera und ging barfuß hinein, und das Wasser war warm, achtundzwanzig Grad, und es stand still zwischen den Stämmen, der Boden weich unter den Sohlen, Schlamm und verrottende Blätter, die sich um die Zehen legten. Es roch nach Erde und nach Fallobst, schwer und süß, so dicht, dass man es fast anfassen konnte. Nur manchmal ein leises Platschen von oben, wenn eine Frucht die Oberfläche traf. Durch das Blätterdach fiel Licht in Streifen auf die schwarze Fläche, und die Streifen wanderten langsam, als würde jemand sie verschieben.
Ich griff in die Äste, pflückte, was reif war, und warf alles in die Boote, und an den Händen haftete der Saft, klebrig und warm. Keiner schaute zu mir, keiner sagte etwas, und es gab nichts zu sagen. Wir arbeiteten nebeneinander, barfuß im selben Wasser, und manchmal berührten sich unsere Schultern. Es war, als wäre das immer schon so gewesen, als hätte es nie einen Sucher gegeben und nie eine Sprache, die man hätte sprechen müssen.
Und dann kamen die Tränen.
Sie liefen einfach, über die Wangen, am Kinn entlang, und fielen ins Wasser, wo sie verschwanden, und ich heulte, still, während meine Hände weiter in die Äste griffen und die Füße im Schlamm standen und die Tränen liefen, und ich wusste nicht, woher sie kamen, nur dass sie da waren und dass ich sie nicht aufhalten konnte und auch nicht wollte.
Da dachte ich mir wow jetzt bist du mit den Ureinwohnern im Amazonas und sammelst Früchte. Das war ein schöner krass – da auch geweint. Der Gedanke kam mitten in der Bewegung, ohne Stimme, ohne Gewicht, und er blieb, und die Hände griffen weiter, und das Wasser stand still.
Einer der Jäger hob den Blick und hielt kurz inne, und dann bückte er sich nach einer Frucht am Boden und machte weiter, kein Kommentar, kein Blick, der fragte. Die Früchte trieben langsam zwischen uns auf dem stillen Wasser. Am Ufer stand die Kamera auf dem Baumstumpf, das Gehäuse feucht, der Gurt daneben, und das Bild, das sie hätte machen können, gab es nur als Erinnerung.
· · ·
Das Messer
Das Messer hatte keinen Griff mehr.
Ein Küchenmesser, verrosteter Stahl, fleckig bis zur Klinge, der Griff abgebrochen bis auf einen Stummel, den der Jäger mit drei Fingern hielt. Er schnitt damit Fleisch vom Knochen, schälte Rinde, durchtrennte Lianen, dasselbe Messer für alles, ohne zu zögern, ohne hinzuschauen.
Sie hatten fast nichts mitgebracht, ein kleines Köfferchen, die Schrotflinte, die Macheten, den Dreizack, das war alles. Alles andere kam aus dem Wald.
Wir saßen am Ufer, die Boote schräg im Schlamm, und die Jäger arbeiteten, und keiner sprach, und keiner brauchte es. Ich sah zu, wie einer von ihnen einen Rucksack baute – aus Bananenblättern, er riss die Blätter ab, faltete sie ineinander, knotete die Enden, und nach drei Minuten hing ihm das Ding über der Schulter, stabil genug für das erlegte Wild. Ein anderer band ein Räucherdreieck aus frischen Ästen zusammen, mit Lianen, ohne ein einziges Seil. Daneben knotete jemand Angelrouten aus Pflanzenfasern und Tragen aus Holz und Blättern. Was sie brauchten, stellten sie her, in Minuten, mit den Händen, und was sie nicht brauchten, ließen sie stehen.
Und sie waren Profis – nicht wie Leute, die etwas gelernt haben, sondern wie Leute, die nie etwas anderes kannten. Jede Bewegung saß, kein Zögern, kein Nachbessern, kein zweiter Versuch, und das rostige Küchenmesser ohne Griff war präziser als alles, was ich je in einem Outdoor-Laden gesehen hatte.
Ich schaute auf meine eigenen Sachen. Am Anfang hatte ich einen vollen Rucksack dabei, Klamotten, Werkzeug, Dinge, von denen ich dachte, ich brauche sie, und nach einer Woche war der Rucksack weg, nach zwei Wochen die Stiefel, dann die langen Hosen, dann alles andere, Schicht um Schicht war abgefallen, bis ich in Flip-Flops dastand, die Machete in der Hand, die Flinte über der Schulter und die Kamera um den Hals. Es fehlte nichts. Ihr ganzes Gepäck passte in ein Köfferchen.
Ich nahm eines ihrer Messer in die Hand, leicht, Rost an den Fingern, ein Stück Stahl ohne Griff, ohne Scheide, ohne alles. Der Mann, dem es gehörte, konnte damit einen Fisch filetieren, eine Falle bauen, einen Rucksack zuschneiden. Er brauchte nichts weiter.
Die haben einfach mit rostigen Messern gearbeitet und waren Profis.
Die Kamera hing um meinen Hals. Die Flinte über der Schulter.
Ich legte das Messer zurück in den Staub.
Auf dem Rückweg lagen die Boote tief im Wasser, beladen mit dem Wild der letzten Tage. Der Bootsmann lenkte den Bug flussabwärts, der Wald zog vorbei, und keiner sprach. Ich saß zwischen den Macheten und den Schnüren und dachte zum ersten Mal an eine Schule. Nicht an einen Namen. Nicht an ein Konzept. An etwas, das ich weitergeben wollte. An das rostige Messer und an Männer, die mit nichts alles konnten.
Der Wald stand still um uns, und die Bäume spiegelten sich im schwarzen Wasser. Der Motor tuckerte leise. Die Flinte lag quer über meinen Knien, der Gurt der Kamera drückte in den Nacken. Das Wasser teilte sich vor dem Bug und schloss sich hinter uns wieder, als wären wir nie da gewesen.
Ich dachte an die Hände, die nicht zögerten, und an die drei Minuten für einen Rucksack. An den Stummel, den der Jäger mit drei Fingern hielt. An Können, das keinen Griff brauchte.
Das rostige Messer lag im Staub.
Meine Kamera kostete zwölftausend Euro. Sein Messer hatte keinen Griff. Nach sechs Monaten wusste ich, wer von uns beiden besser ausgerüstet war.
Maurice Ressel
Survival-Experte · Kriegs- & Krisenfotojournalist · Autor
25 Jahre Survival-Praxis. 15 Jahre als Kriegs- und Krisenfotojournalist in 22 Krisenländern, mit Einsätzen für Ärzte ohne Grenzen, UNICEF und Cap Anamur. IPA Award 2017. Gründer der Wildnisschule Lupus in der Schorfheide.

