Die Innere Ausrüstung

Lagebeurteilung

Mitten auf der Halde sah ich ein Mädchen. Sie war das Bild, das ich im Kopf hatte und nach dem ich auf Dhapa suchte, der Müllhalde von Kolkata, im Frühjahr 2015.

Die Hitze kam von unten durch die Sohlen meiner Wanderschuhe. An der Oberfläche hatte der Boden 60 bis 70 Grad.

Über der Halde lag der Geruch von brennendem Plastik, Fäulnis und Schwefel. Ich trug eine FFP3-Atemschutzmaske und nahm alles um das Mädchen herum als Hintergrund.

Ich hörte Bulldozer, und unter meinen Schuhen knisterten Plastiktüten. Um mich herum arbeiteten Sammler mit Eisenhaken und Sortierstangen, aber ich ordnete die Haken nicht ein: Sie waren ihr Arbeitsgerät, und ich stand mitten in ihrer Arbeit.

Eine Gruppe von ihnen kam auf mich zu. Sie sprachen Bengali, und ich konnte nicht heraushören, was sie meinten. Meine Begleitperson löste die Lage auf.

Ich habe das Mädchen gesehen. Ich habe die Werkzeuge nicht gesehen.

In 15 Jahren als Krisenfotojournalist in 22 Ländern habe ich gesehen, worauf es unter Druck ankommt; das war kein Survival Training, sondern Dokumentation.

Auf Dhapa hatte ich ein Bild im Kopf und habe den Ort nicht gelesen. Die Begleitperson hat ihn für mich gelesen. Die Hilfe war da, und eine Survival-Lage war es deshalb nicht.

Draußen, wo die gewohnte Hilfe fehlt, steht oft niemand neben dir, der den Ort für dich liest. Dann liest du selbst zuerst die Lage und entscheidest danach.

Was passiert um mich herum?

Die Innere Ausrüstung trainiert fünf Kompetenzbereiche, Belastbarkeit, Lagebeurteilung, Zusammenarbeit und Verantwortung, Überlebenswille und Überlebenstechniken, an derselben Übung, in vier Lernstufen vom Kennenlernen bis zum Anwenden unter Belastung.

Zweiter Kompetenzbereich
Was passiert um mich herum?
18 Min. Lesezeit · Zuletzt aktualisiert: Oktober 2026

Was Lagebeurteilung ist (und was nicht)

Du übst, die Lage zu lesen, bevor du handelst. Dazu gehören etwa Wind, Wasser, Wetter und Zeit. Dabei folgst du einer festen Abfolge, vom Beobachten bis zum Nachsteuern.

Draußen führt sie zu zwei Entscheidungen: ob du am Platz bleibst oder weiterziehst, und wohin deine Kraft geht. Die Kraft gehört in das, was sich noch ändern lässt.

Zur Lage gehörst auch du: wo du bist, deine Verfassung, deine Ausrüstung.

Lagebeurteilung meint hier, dass du die Lage für dich selbst liest; den Führungsvorgang, mit dem eine Einsatzleitung für andere entscheidet, meint sie nicht.

Ob Hilfe bald kommt, weiß niemand sicher.

Dokumentarische Aufnahme bei den Waiãpi im Amazonasgebiet. Foto: Maurice Ressel.

Bei den Waiãpi

Das Handwerk habe ich draußen gelernt: 25 Jahre Survival-Praxis, die Zeit als Outdoor-Guide in Schweden und sechs Monate bei den Waiãpi im Amazonas.

Wir stiegen aus dem Boot ans Ufer, und von dort führte der Pfad in den Wald. Ich sah auf den Boden, auf die Wurzeln, über die ich stieg, und auf das Licht, das in Streifen durch das Kronendach fiel.

Einer der Waiãpi rief, kurz. Ich blieb stehen, bevor ich verstand, warum. Erst dann sah ich sie: Wenige Schritte vor mir lag eine Schlange auf dem Pfad.

Er kannte dieses Gelände, und in denselben Wurzeln und demselben Licht, in denen ich einen Pfad sah, hatte er die Schlange gesehen.

Ich blieb stehen, bevor ich verstand, warum.

Was die Handbücher sagen

Der Maßstab ist der Survival-Teil der militärischen Doktrin, vor allem die öffentlichen Handbücher der US Army und der US Air Force. Angepasst habe ich ihn für Zivilisten: ohne Gefangenschaft, ohne Ausweichen vor einem Gegner, mit Ausstieg jederzeit. Ich bin kein Soldat.

Das Handbuch der US Air Force hat einen eigenen Abschnitt „Situation Awareness“ und beschreibt dort vier Schritte:

  1. beobachten und wahrnehmen
  2. auswerten und deuten
  3. entscheiden
  4. handeln und nachsteuern

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Zum Auswerten zählt es auch, vorauszudenken, wie sich die Lage weiterentwickelt. An der Weggabelung rechnest du die Dämmerung schon mit, bevor sie da ist.

In der Forschung an Piloten heißt der Teil bis zum Vorausdenken Situationsbewusstsein: wahrnehmen, was da ist, verstehen, was es bedeutet, und vorausdenken, was als Nächstes kommt.

Was zur Lage gehört

Unter Lagebewusstsein versteht das Handbuch, sich selbst, die eigene Gruppe und die Umgebung, die sich ändert, fortlaufend im Blick zu behalten. Dazu gehört der Ort: Wer weiß, wo er ist, kann besser entscheiden, ob er wartet oder geht.

Auch die Zeit gehört zur Lage, und sie hat zwei Seiten. Ob Hilfe bald kommt, weiß niemand sicher. Das Handbuch rät deshalb, sich vorzubereiten, als käme sie nicht bald. Die andere Seite ist das Tageslicht, das bleibt.

Wie dein Körper auf Kälte, Nässe und Erschöpfung antwortet, ist der Bereich Belastbarkeit.

Erst zur Ruhe kommen

Draußen gilt eine Grundregel: erst zur Ruhe kommen, dann die Lage lesen, dann entscheiden. Die Ruhe kommt vor dem ersten der vier Schritte.

„Zuerst: keine Panik, die Selbstbeherrschung behalten. Setz dich hin, werde ruhig und denk die Lage nüchtern durch“ (AFH 10-644, Abs. 4.7.1). Entschieden wird nach dem Handbuch erst, wenn die Gedanken gesammelt sind und der Kopf klar ist. Wer die Entscheidung liegen lässt, hat sich trotzdem entschieden, für das Nichtstun.

Das Handbuch rät außerdem, wenn es geht, nach dem Ereignis den ersten Schreck abklingen zu lassen, bevor entschieden wird. Warten, bis der Kopf klar ist, ist etwas anderes, als die Entscheidung liegen zu lassen.

Gefühle gehören zur Lage

Für das Handbuch ist es wesentlich, Gefühle zu steuern, um in einer Notlage den Willen zu stärken. Zum Beobachten zählt es auch, auf das innere Gespür zu hören. Vorgefasste Erwartungen, wie mein Bild im Kopf auf Dhapa, machen es schwerer, eine Lage richtig zu deuten.

Emotionsregulation, das Steuern der Gefühle, geht früh, indem du die Lage anders siehst, oder spät, am Körper, etwa über den Atem. Im Kurs ist Achtsamkeit ein Werkzeug, um die Lage zu lesen: Du holst die Aufmerksamkeit zurück, wenn sie wandert.

Was belegt ist und was nicht

Welche Bausteine ins Training kommen, habe ich für den Unterricht entschieden; die Handbuchstellen zeigen, dass ein Inhalt zum Fach gehört, nicht, dass das Training wirkt. Situationsbewusstsein, Emotionsregulation und Achtsamkeit sind gut erforscht.

Die Bausteine, aus denen das Training besteht, stützen sich auf Forschung. Das Ganze, so wie ich es lehre und in Stufen aufbaue, hat niemand in einer Studie geprüft.

Survival ist beides: das Handwerk und der Kopf.

Karte und Gelände bei Nacht, bei der Nachtnavigation im Intensivkurs auf dem Übungsgelände in der Schorfheide. Foto: Maurice Ressel.

Rundum-Scan am Halt

Du stehst in einem Kiefernwald in Brandenburg, an einem Nachmittag im Spätherbst. Es ist wenige Grad über null, Nieselregen fällt, der Wind geht, und in gut einer Stunde wird es dunkel.

Die Gruppe hält. Du setzt den Rucksack ab. Bevor es still wird, sage ich: „Es geht nicht darum, alles zu sehen. Es geht darum, der Reihe nach zu schauen statt zufällig.“

Dann bist du eine Viertelstunde still, ohne Bewegung, ohne zu sprechen. Ich stehe am Rand. In dieser Viertelstunde machst du den Rundum-Scan.

Du schaust, hörst und riechst der Reihe nach. Zuerst nah: das nasse Laub vor deinen Füßen, eine Spur im Boden. Dann mittel: das Gelände, eine Senke, die Sichtlinien zwischen den Kiefern. Zuletzt schaust du in die Ferne, zu den Wolken, zum Wind und zum Licht, das schon nachlässt.

Dieselbe Reihenfolge, nah, mittel, fern, nutzt du bei der Wahl des Lagerplatzes und auf dem Marsch, dort ohne die stille Viertelstunde.

Danach notiert jeder fünf Beobachtungen: Wetter, Gelände, Spuren, Gefahren, Ressourcen. Im Abgleich in der Gruppe zählt eine Frage: Was hat nur einer gesehen?

Vielleicht ist es der Forstweg hinter der Baumreihe, ein Hinweis, dem man nachgehen kann, weil er zu Menschen führen kann. Dann frage ich: „Was würdest du jetzt entscheiden?“

Besprochen wird die Übung, nicht die Lebensgeschichte. In der Nachbesprechung nennst du eine Sache, die nur du gesehen hast, wenn es eine gibt.

Dann sagst du, was du beim nächsten Halt zuerst in den Blick nimmst, als Wenn-dann-Plan: Du legst vorher fest, was du tust, wenn ein bestimmter Moment kommt. „Wenn wir halten, dann zuerst …“

Lagebeurteilung am Handgriff

Ich trainiere den Kopf am Handgriff, nicht daneben. Ein Handgriff ist jede Fertigkeit, die du draußen brauchst, etwa die Abdeckung am Shelter nachspannen.

Den Druck machen Kälte, Nässe, Dunkelheit und Müdigkeit, die Aufgaben dazu stelle ich. Während der Übung sage ich wenig. Danach besprechen wir sie.

Der Scan mit allen Sinnen

Das Handbuch der US Air Force rät, die Umgebung mit allen Sinnen zu lesen. Ebenso rät es, den fernen Geländepunkt so genau zu beobachten wie den geknickten Zweig vor den Füßen. Nachts tragen Gehör, Geruch und der Boden unter den Füßen.

Zum Mitnehmen gibt es eine Taschenkarte mit dem Scan, in derselben Reihenfolge: anhalten, schauen, hören, riechen; nah, mittel, fern.

Im Tageskurs lernst du den Scan kennen. Am Wochenende übst du ihn in Ruhe und machst ihn von dir aus. Ab dem Intensivkurs machst du ihn bei jedem Halt ohne Aufforderung, unter wechselnden Bedingungen.

Zeichen, die zu Menschen führen

Zeichen menschlicher Nutzung können dich zu Menschen führen. Im Brandenburger Wald sind das etwa Markierungen, Leitungstrassen und Reifenspuren. Ein Zeichen ist ein Hinweis, mehr nicht. Ob er zu Menschen führt, wertest du aus, bevor du ihm folgst.

Abweichungen finden

Nach einem älteren Handbuch der US Army hat jede Umgebung einen Rhythmus oder ein Muster. Vorher lege ich fünf bis acht Dinge aus, die nicht in das gewohnte Bild dieses Waldes passen. Du gehst 20 Minuten auf Erkundung und suchst sie. Danach frage ich: „Was hast du nicht gesehen, und warum?“ Die Übung gibt es ab dem Wochenende, als Angebot.

Nachtnavigation

Im Intensivkurs übst du nachts, das Gelände zu lesen statt nur die Karte, wenn du müde bist und es kalt und dunkel ist. Vier Stunden vor Sonnenaufgang sah ich eine Teilnehmerin mit Stirnlampe und Karte, die Stiefel im feuchten Laub. Sie blickte von der Karte auf und ins Gelände.

Ein Vorbild für einen echten Nachtmarsch ist die Übung nicht. Nachts kommt man nach dem Handbuch der US Army deutlich langsamer voran als bei Tag. Im Ernstfall spricht vieles fürs Bleiben. Geübt wird in einem festen Gebiet, mit Funk und Meldezeiten.

Zur Ruhe kommen und hinnehmen

Mit dem Atemanker übst du, zur Ruhe zu kommen, bevor du die Lage liest. Morgens vor der ersten Aufgabe stehst du drei Minuten draußen, die Aufmerksamkeit auf dem Atem; wandert der Kopf, holst du ihn zurück, und zum Schluss nimmst du eine halbe Minute die Umgebung mit offenen Sinnen auf.

Die Augen dürfen offen bleiben. Niemand muss in den Körper hineinspüren. Im älteren Handbuch der US Army ist Entspannung eine Fertigkeit, die sich entwickeln lässt.

Ab dem Wochenende stehst du für die Kälte-Akzeptanz barfuß knöchel- bis wadentief in einem kalten Bach, oder du hältst nur die Hände hinein. Du merkst, dass du dich gegen die Kälte wehren willst, hörst damit auf, atmest ruhig weiter und machst weiter, während sie da ist.

Die Zeit im Wasser hat eine Obergrenze, und du gehst früher raus, wann du willst. Danach: raus, abtrocknen, Hände unter die Achseln, trockene Socken, warm anziehen, ein warmes Getränk.

Ich prüfe vorher die Wassertemperatur. Wir brechen ab bei anhaltendem Zittern, ungeschickten Händen oder Verwirrung. Bei Frost bleibt es bei den Händen.

In der Nachbesprechung, wenn du am Feuer wieder warm bist, frage ich: Was ist geschehen? Was hat dein Körper getan? Was machst du beim nächsten Mal anders?

Im selben Handbuch steht sinngemäß, dass sich die Umstände oft nicht steuern lassen, die Antwort darauf aber schon. Gegen den Regen anzukämpfen hält ihn nicht auf. Am Shelter lässt sich noch etwas ändern: die Abdeckung nachspannen, das Wasser ableiten.

Nach dem Scan frage ich, was du jetzt entscheiden würdest. Draußen führt diese Frage zu der Entscheidung, ob du am Platz bleibst oder weiterziehst.

Am Platz bleiben oder weiterziehen

Für eine echte Lage lehre ich: in der Regel bleiben, weil die Suche dich dort am ehesten findet; weiterziehen erst, wenn Wasser, Schutz und Hilfe sicher erreichbar sind.

Bei Notlagen mit Flugzeug oder Fahrzeug wurden die meisten nahe der Stelle gefunden, an der es geschah. Damit eine Suche dich findet, sagst du vor jeder Tour jemandem, wo du unterwegs bist und wann du zurück sein willst.

Auch hier wird, wenn es geht, nicht direkt nach dem Ereignis entschieden. Für das Handbuch der US Air Force ist es leichtsinnig, einen sicheren Platz bei schlechtem Wetter zu verlassen. Das Handbuch der US Army rät, Bleiben oder Gehen sorgfältig abzuwägen, nach Gesundheit, Wetter, Tageslicht, Vorräten und Verbindung.

Wer bleibt, sorgt nach dem Handbuch der US Air Force dafür, dass man ihn findet: Er baut einen Shelter und hält zugleich nach Rettern Ausschau. Er sucht sich einen sichtbaren Platz und hält das Telefon und eine Pfeife bereit.

Wer geht, soll eine Nachricht hinterlassen, wann, wohin, auf welchem Weg, wie es ihm geht und was er dabeihat, und nicht allein gehen, wenn es sich vermeiden lässt.

Ab dem Intensivkurs steht ihr nach kurzer Nacht an einer Weggabelung; in der Ausbildung wechselt die Lage. Einer aus der Gruppe ist erschöpft, und das Licht reicht nicht mehr lange. Zur Wahl stehen der eine Weg, der andere Weg und, gleichrangig, hierbleiben und das Lager aufschlagen, bis es hell ist.

Ihr nehmt drei Atemzüge und übt dabei, zur Ruhe zu kommen; dann lest ihr die Lage, entscheidet und handelt, und nach einer halben Stunde prüft ihr, ob die Entscheidung noch trägt. Danach frage ich in einer langen Nachbesprechung: „Welche Information fehlte, wann hättet ihr umentscheiden müssen?“ Die Strecke lässt jede dieser drei Möglichkeiten im gesicherten Rahmen, und Wasser ist nie knapp.

Niemand sieht alles. Auch wenn die ganze Gruppe der Reihe nach schaut, kann hinter der Baumreihe etwas liegen, das keiner bemerkt. Der Scan soll das Schauen geordneter machen, vollständig macht er es nicht.

Ein Set zum Feuerbohren im Intensivkurs, auf dem Übungsgelände in der Schorfheide. Foto: Maurice Ressel.

Grenzen und Sicherheit

Aussteigen ist jederzeit möglich, ohne Begründung. Das ist eine Regel für den Kurs.

Allein draußen gibt es nur im Intensivkurs, 24 Stunden, und in der Ausbildung, 48 Stunden, mit Funk, festen Meldezeiten und einem festen, schriftlichen Ablauf bei verpasster Meldung. Warum allein draußen im gesicherten Rahmen geübt wird, gehört zum Bereich Überlebenswille.

Was im Kurs gelingt, gelingt unter Bedingungen, die ich vorher festlege und prüfe: Die Strecke ist gewählt, der Funk steht. Draußen prüft sie niemand vorher, und deshalb sagt der Kurs nichts darüber, was im Ernstfall hält. Auch Bleiben ist eine Regel für die meisten Lagen, keine Garantie.

Wer akut unter Traumafolgen oder einer anderen seelischen Erkrankung leidet, holt vorher ärztlichen oder therapeutischen Rat ein. Das Training ersetzt keine Behandlung.

Gefühle und ihre Steuerung kommen in diesem Training vor, weil sie zur Lage gehören. Geübt wird, die Lage draußen zu lesen; ein Trauma verarbeitet das Training nicht.

Lagebeurteilung in den vier Kursen

Im Kompetenzbereich Lagebeurteilung im Survival Training beginnst du mit dem Scan am Halt und kommst bis zur Entscheidung an der Weggabelung. Eine Lernstufe sagt, was im Kurs geschieht, nicht, was jemand danach kann.

Tageskurs · 1 Tag · Wochenende · 3 Tage, 2 Nächte

Kennenlernen und Einüben

Im Tageskurs machst du den Scan. Benannt werden Achtsamkeit, der Scan und das Lagebild: was du weißt, nachdem du die Lage gelesen hast. Am Wochenende machst du den Scan von dir aus und übst die Kälte-Akzeptanz; benannt wird Akzeptanz. Emotionsregulation übst du in der Nachbesprechung, als Modell gelehrt wird sie nicht.

Intensivkurs · 7 Tage, 6 Nächte

Selbstständig anwenden

Du machst den Scan bei jedem Halt ohne Aufforderung und entscheidest mit der Gruppe an der Weggabelung.

Ausbildung · 12 Monate

Unter Belastung anwenden

Bleiben oder weiterziehen übst du in wechselnden Lagen, auch im Szenario, einer gestellten Situation, in der du die Handgriffe anwendest. Dazu kommen 48 Stunden allein draußen. Weder das Szenario noch die Zeit allein draußen ist eine Prüfung.

Für alle vier Kurse

Einstieg

Anfangen kannst du in jedem Kurs, ohne Vorkenntnisse.

Eine Tierspur, wie sie beim Rundum-Scan auffällt, auf dem Übungsgelände in der Schorfheide. Foto: Maurice Ressel.

Was Lagebeurteilung nicht ist

Achtsamkeit, Coaching, Bauchgefühl und Ziviles Ausweichen liegen nah an der Lagebeurteilung, jedes an einer anderen Stelle, und mit keinem fällt sie zusammen.

Nicht Achtsamkeit

Achtsamkeit und Emotionsregulation sind Bausteine der Lagebeurteilung, nicht ihr Name und nicht ihr Ziel. Achtsamkeit hat ihren eigenen Wert und ihre eigene Lehre; hier nutzt du sie, um die Lage zu lesen. Ruhe ist der erste Schritt, nicht das Ziel.

Nicht Coaching

Hier arbeitest du nicht an Glaubenssätzen. Du übst am Handgriff, in vier Lernstufen.

Nicht Bauchgefühl

Ein schnelles Urteil aus Erfahrung ist verlässlich, wo die Umgebung regelhaft ist und man oft und schnell erfahren hat, ob man richtig lag, so wie der Waiãpi im vertrauten Wald und nicht wie ich auf Dhapa. Ich fühlte mich dort klar. Wie du aus Erfahrung entscheidest, gehört zu den Überlebenstechniken.

Nicht Ziviles Ausweichen

Den eigenen Ort zu verlassen, solange noch Zeit ist, ist Ziviles Ausweichen. Mitten in der Lage am Platz zu bleiben oder weiterzuziehen gehört zur Lagebeurteilung. In den Handbüchern gehört diese Entscheidung zur Fortbewegung, einem der Grundbedürfnisse des Überlebens neben Schutz, Versorgung und Gesundheit.

Die Grenze ist die Hilfe: Solange sie erreichbar ist, fragt Ziviles Ausweichen, ob du deinen Ort verlässt; fehlt sie, bist du im Survival, mit dem Handwerk und der Entscheidung, am Platz zu bleiben oder weiterzuziehen. Dauert das Gehen länger, brauchst du das Handwerk.

Ziviles Ausweichen hat mit dem Ausweichen vor einem Gegner nichts zu tun.

Ein Schritt für heute

Beim nächsten Spaziergang hältst du einmal an und liest der Reihe nach: Wind, Wasser, Wetter, verbleibendes Licht. Dann fragst du dich: Was würde ich jetzt entscheiden? Als Wenn-dann-Plan klingt das etwa so: „Wenn ich anhalte, dann schaue ich zuerst nach dem Wind.“

Und bevor du das nächste Mal losgehst, sag jemandem, wohin du gehst und wann du wieder da sein willst.

Bei Notlagen mit Flugzeug oder Fahrzeug wurden die meisten nahe der Stelle gefunden, an der es geschah.

Lagebeurteilung beginnt schon im Tageskurs mit dem Rundum-Scan. Anfangen kannst du in jedem Kurs, ohne Vorkenntnisse; wer nicht weiß, wie viel er will, nimmt den Tageskurs.

Meinen Einstieg finden →

Du hast den zweiten Kompetenzbereich gelesen

Das Lagebild schließt die Gruppe ein: wer friert, wer erschöpft ist, wer sich zurückzieht. Darum geht es im dritten Bereich, Zusammenarbeit und Verantwortung: „Wie verhalte ich mich in der Gruppe, wenn es darauf ankommt?“

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Häufige Fragen

Lagebeurteilung trainierst du draußen an Übungen mit Handgriffen, also mit Fertigkeiten, die du dort brauchst, etwa beim Rundum-Scan am Halt oder bei der Frage, ob ihr bleibt oder weiterzieht. Das Handbuch der US Air Force beschreibt dafür vier Schritte: beobachten und wahrnehmen; auswerten und deuten; entscheiden; handeln und nachsteuern.

Im Tageskurs lernst du das kennen, am Wochenende übst du es in Ruhe. Im Intensivkurs wendest du es selbstständig an, in der Ausbildung unter Belastung.

Nein, Achtsamkeit ist ein Werkzeug in der Lagebeurteilung, nicht ihr Kern. Im Kurs übst du, die Aufmerksamkeit zurückzuholen, wenn sie wandert, und so zur Ruhe zu kommen, bevor du die Lage liest.

Achtsamkeit widerspricht den Handbüchern nicht: Unter „Zuversicht“ nennt das Handbuch der US Air Force Glaube, Hoffnung, Gebet und Meditation als hilfreich. Worum es geht, bleibt draußen dasselbe: sehen, was um dich herum geschieht, und dann entscheiden.

Im Gelände, das du gut kennst, eher; im fremden Gelände nicht. Ein schnelles Urteil stützt sich auf Erfahrung und ist verlässlich, wo sich Lagen regelhaft wiederholen und du oft und schnell erfahren hast, ob du richtig lagst. In einer Umgebung, die dir fremd ist, liest du die Lage deshalb der Reihe nach und wertest aus, bevor du entscheidest. Wie Entscheidungen aus Erfahrung entstehen, gehört zum Bereich Überlebenstechniken.

Für das Situationsbewusstsein, das Steuern der Gefühle und die Achtsamkeit, die Bausteine der Lagebeurteilung, gibt es Forschung; für das Training als Ganzes nicht. Die Bausteine, aus denen das Training besteht, stützen sich auf Forschung. Das Ganze, so wie ich es lehre und in Stufen aufbaue, hat niemand in einer Studie geprüft. Wo ich ein Handbuch nenne, zeigt das, dass ein Inhalt zur Überlebensausbildung gehört, und keine Wirkung des Kurses.

Ja, denn du liest die Lage hier für dich selbst, und dafür brauchst du keine Einsatzausbildung. Gemeint ist nicht der Führungsvorgang, in dem jemand für eine ganze Einsatzgruppe entscheidet. Geübt wird, was du allein oder mit ein paar anderen draußen brauchst. Für den Spaziergang oder die nächste Tour nimmst du eine feste Reihenfolge mit: erst schauen, dann entscheiden.

Nein, anfangen kannst du in jedem Kurs ohne Vorkenntnisse. Wer nicht weiß, wie viel er will, beginnt mit dem Tageskurs. Lagebeurteilung fängt dort mit dem Rundum-Scan an, einer stillen Viertelstunde am Halt, in der du der Reihe nach schaust. Vor dem Intensivkurs und der Ausbildung führen wir ein persönliches Gespräch.

In der Regel bleibst du am Platz. Damit eine Suche dich dort findet, muss vor der Tour jemand wissen, wo du unterwegs bist und wann du zurück sein willst. Weiterzuziehen kommt erst in Frage, wenn Wasser, Schutz und Hilfe sicher erreichbar sind, und auch dann nicht im ersten Schreck.

Die Grenze ist die Hilfe: Solange sie erreichbar ist, fragt Ziviles Ausweichen, ob du deinen Ort verlässt; fehlt sie, bist du im Survival, mit dem Handwerk und der Entscheidung, am Platz zu bleiben oder weiterzuziehen.

Quellen

Handbücher der Überlebensausbildung: US Air Force, AFH 10-644 (2017), Abs. 2.1.1, 2.3, 3.1, 4.6.1–4.6.3, 4.7.1, 4.7.2, 4.7.4, 4.9.3, 4.14.2, 19.1, 19.1.1, 19.1.4, 19.1.6.1, 19.1.6.2, 19.3.2, 19.6.6 · US Army, ATP 3-50.21 (2018), Kap. 1, Abs. 7-1, 7-86 · US Army, FM 21-76 (1992), abgelöst; aktuell ATP 3-50.21, Kap. 1 und 2. Zitate aus den Handbüchern in meiner Übersetzung.

Forschung: Endsley (1995), Situationsbewusstsein · Endsley und Jones (2012), Designing for Situation Awareness · Gross (1998), Emotionsregulation · Kabat-Zinn (1990), Full Catastrophe Living · Kahneman und Klein (2009), Bedingungen für Intuition aus Erfahrung · Hayes u. a. (1999), Acceptance and Commitment Therapy · Gollwitzer und Sheeran (2006), Wenn-dann-Pläne.

Maurice Ressel, Survival-Experte und Gründer der Wildnisschule Lupus

Maurice Ressel

Survival-Experte · Kriegs- & Krisenfotojournalist · Autor

25 Jahre Survival-Praxis. 15 Jahre als Kriegs- und Krisenfotojournalist in 22 Krisenländern, mit Einsätzen für Ärzte ohne Grenzen, UNICEF und Cap Anamur. IPA Award 2017. Gründer der Wildnisschule Lupus in der Schorfheide.