Dokumentierte Munitionshülsen in einem Krisengebiet — Maurice Ressel, 15 Jahre als Krisenfotojournalist

Meine Geschichte

 

Die Füße
Afghanistan, 2010

Von Maurice Ressel · Kapitel 3 von 8 · 12 Minuten Lesezeit

Meine Hände lagen um die Gabel.

Ein Rest Reis darauf, drei Körner vielleicht, und ich hielt sie fest, als gäbe es sonst nichts zu halten.

September 2010. Karukh, Westafghanistan, eine Autostunde von Herat. Zobair saß mir gegenüber in einem Restaurant, dessen Namen ich nie erfahren habe, sein Teller fast leer, meiner auch. Reis, Fleisch, irgendwas mit Kardamom – es schmeckte gut, aber das war egal. Der Himmel durch das Fenster war stahlblau, ohne eine Wolke, ohne einen Schatten, wie jeden Tag hier.

Neun Jahre seit der Psychiatrie. Neun Jahre seit dem Feuer am Hafen. Ich war jetzt hier, um Kindern in einem Kriegsgebiet das Skateboardfahren beizubringen, und Marc hatte mich empfohlen. Der kann das, hatte er zu Titus gesagt, der war Türsteher, die Jungs hören auf den. Ich konnte kein Englisch, war noch nie in einem Krisengebiet gewesen, konnte kaum Skateboard fahren. Aber ich hatte nicht gezögert.

Mir war mein Leben im Prinzip egal. Das muss man schon sagen. Mir ging es so dreckig wegen allem – wegen Karo, wegen der Trennung, wegen dieser drei Wochen, in denen ich nicht aus dem Bett gekommen war – dass ich mir gedacht hatte: Wenn ich nicht zurückkomme, dann ist das egal, passt schon, dann ist das halt so.

Ich konnte nur gewinnen. Ich konnte nichts verlieren.

Draußen vor dem Fenster stand der Toyota, weiß und staubig, die Windschutzscheibe voller Fliegendreck. Zobair fuhr immer. Ich saß daneben und sah zu. Der Kellner kam und räumte die Teller ab, seine Hände braun und rissig, und er sagte etwas zu Zobair, und Zobair nickte, und ich verstand kein Wort.

Dann die Schüsse.

Von links, von der Hauptstraße, eine ganze Salve, und der Klang hallte von den Lehmwänden der Gasse und kam aus allen Richtungen gleichzeitig. AK-47, das tiefe Boom, dieser stotternde Rhythmus.

Meine Gabel stoppte auf dem Weg zu meinem Mund. Da war noch ein Rest Reis drauf.

Zobair stand auf. Sein Stuhl schrammte über den Boden, und sein Gesicht war ruhig, aber seine Augen waren es nicht. Wir müssen sofort los.

Mir ging der Arsch auf Eis. Das war das Komische. Mein Kopf war ruhig – was soll’s, wenn sie mich finden, dann finden sie mich – aber mein Körper gehorchte nicht. Mein Körper wollte rennen.

Ich stand auf. Der Reis fiel von der Gabel. Zobair war schon an der Tür, und draußen hörte ich Schreie und Rufe und das Geräusch von vielen Füßen auf Asphalt. Wir rannten zum Auto.

· · ·

Die Flucht

Der Toyota stand drei Meter entfernt.

Zobair riss die Fahrertür auf. Ich rannte um das Auto herum, riss an meiner Tür. Sie klemmte. Sie klemmte immer. Ich zerrte, sie ging auf, und ich warf mich auf den Sitz, und Zobair hatte den Motor schon an, bevor ich die Tür zuzog.

Vor uns, am Ende der Straße, der Kreisverkehr. Hunderte von Menschen. Ein Schwarm, der sich in eine Richtung bewegte, und die Richtung waren wir – Sandalen auf dem Asphalt, nackte Füße, schwarze Stiefel, flatternde Hosensäume. Über allem der Skandier-Rhythmus, Aufruf und Antwort, eine Stimme und dann hundert, verstärkt durch die Lautsprecher der Moschee.

Marg bar Amrika.

Irgendein Idiot in Amerika hatte gedroht, den Koran zu verbrennen, und jetzt waren Hunderte auf der Suche nach jemandem, den sie dafür umbringen konnten. Dieser Jemand war jeder, der aussah wie ich. Und ich saß in einem weißen Toyota in einer Stadt, die ich nicht kannte.

Zobair legte den Rückwärtsgang ein. Vollgas. Rückwärts. Die ganze Straße. Er sagte kein Wort. Seine Hände lagen ruhig auf dem Lenkrad, und er steuerte den Toyota nur über den Rückspiegel, als wäre das etwas, das er jeden Tag tat.

Ich drehte mich um und griff ins Polster hinter mir und starrte durch die Heckscheibe, und die Straße raste auf mich zu – Lehmwände links und rechts, braun und rissig, der Motor heulte im Rückwärtsgang, und der Diesel stank durch die offene Scheibe.

Schüsse hinter uns. Der Klang hallte von den Mauern und kam aus allen Richtungen gleichzeitig.

Meine Hand verkrallte sich im Polster. Ich spürte den Stoff unter den Fingernägeln, rau und dünn. Ich hielt fest, weil der Körper etwas zum Festhalten brauchte, wenn der Kopf schon aufgegeben hat.

Bremsung. Hart. Der Gurt schnitt mir in die Brust, und Zobair riss das Steuer nach links. Der Toyota schoss in eine Seitenstraße, Mauern links und rechts, braun, rissig, die Lehmziegel brachen an den Kanten.

Kein Mensch. Kein Laut außer dem Motor. Die Gasse war so eng, dass die Spiegel fast die Wände berührten. Zobair fuhr, als hätte er diese Strecke hundertmal gemacht. Links, rechts, links. Ich kannte die Straßen nicht, aber Zobair kannte jede Gasse in dieser Stadt, jede Abzweigung, jeden Durchgang.

Er sagte nichts. Ich sagte nichts. Es gab nichts zu sagen.

Wenn sie mich finden, dann finden sie mich.

Das war nicht Mut, das war der Kopf, der aufgegeben hatte, und der Körper, der trotzdem weitermachte – die Augen auf der Straße, die Hand im Polster, die Füße gegen das Bodenblech gestemmt.

Ich roch verbrannten Gummi und heißen Staub, und irgendwo hinter uns brannten Reifen, und der Rauch trieb flach über die Dächer. Die Straßen wurden stiller. Keine Rufe mehr, kein Skandieren, keine Schüsse. Durch die offene Scheibe kam die Hitze herein, trocken, mineralisch. Sie schmeckte nach Lehm und Diesel und diesem alkalischen Staub, der in Afghanistan überall ist. Der Himmel darüber stahlblau wie immer, als wäre nichts passiert.

Meine Hände lagen noch im Polster, und ich ließ nicht los, obwohl die Schüsse längst hinter uns lagen und die Straße leer war.

Dann hielten wir. Zobair hupte. Einmal. Kurz. Vor uns ein Tor – gewelltes Stahlblech, grau und verbeult, eingelassen in Lehmziegelpfosten, und dahinter eine Mauer, die höher war als das Auto. Jemand rief etwas hinter der Mauer, eine Stimme, die Zobair kannte. Metall auf Metall, ein Scharnier, das quietschte. Das Tor öffnete sich.

Wir fuhren in den Innenhof, und er war klein – zehn mal zehn Meter vielleicht, Betonboden, rissig, ein Brunnen in der Ecke, Plastikstühle an der Wand, und in der Mitte ein Baum, dessen Blätter grau vom Staub waren.

Hinter uns schloss sich das Tor. Metall auf Metall. Das Quietschen der Angeln. Das Klicken des Riegels. Dann eine Stille, die anders war als vorher, weil jetzt eine Mauer zwischen uns und der Straße stand.

Zobair stellte den Motor ab und lehnte sich zurück, die Hände noch auf dem Lenkrad. Er drehte sich zu mir. Wir bleiben hier, sagte er. Bis es vorbei ist. Ich nickte.

Ich stieg aus dem Toyota, und meine Beine waren weich. Der Boden unter meinen Füßen war fest – gestampfte Erde, Beton, rissig –, aber meine Beine fühlten sich an, als wären sie aus Wasser. Mein Hemd klebte am Rücken. Der Schweiß lief mir den Nacken hinunter und sammelte sich zwischen den Schulterblättern, und ich stand da und wusste nicht wohin mit meinen Händen.

Ein Mann kam aus dem Haus, braunes Hemd, Bart. Er schüttelte Zobairs Hand, und sie redeten, und ich stand daneben und verstand kein Wort. Zobair kannte diesen Mann, und dieser Mann hatte sein Tor geöffnet. Das reichte.

Ich lehnte mich an die Mauer neben dem Brunnen. Die Hitze drückte von oben auf den Hof, und ich roch gebackene Lehmziegel und heißen Staub, und aus den Nachbarhöfen kam Kreuzkümmel. Der Himmel über dem Hof war stahlblau wie immer, und der Baum in der Mitte warf einen Schatten, der nicht groß genug war für einen Menschen.

Mein Herz schlug immer noch zu schnell. Ich verschränkte die Arme, löste sie, verschränkte sie wieder. Das Hemd trocknete langsam in der Hitze, der Stoff steif vom Schweiß. Irgendwo hinter der Mauer, weit weg, hörte ich Rufe – der Mob war noch da, aber nicht hier.

Dann sah ich das Tor von innen – gewelltes Stahlblech, grau und verbeult, die Oberfläche heiß von der Sonne. Und unten, zwischen dem Blech und dem Boden, war ein Spalt. Zehn Zentimeter. Ich konnte durch den Spalt die Straße sehen – ein Stück Asphalt, Staub, die untere Kante der Mauer gegenüber.

Sonst nichts. Noch nicht.

Aber ich wusste: Wenn sie kommen, sehe ich ihre Füße, bevor sie mich sehen. Zehn Zentimeter zwischen mir und der Welt.

Irgendwann setzte ich mich auf den Boden, den Rücken an die Mauer, die Knie angezogen. Der Beton war warm unter mir. Die Hitze stieg auf und legte sich auf die Haut wie feuchtes Tuch. Zobair saß im Toyota. Der Mann im braunen Hemd war ins Haus gegangen. Ich war allein mit dem Tor.

Dann legte ich mich hin. Ich weiß nicht mehr, wann – nach einer Stunde vielleicht, nach zwei. Die Zeit hatte aufgehört zu zählen, und es gab nur noch das Tor und den Spalt und das Warten.

Ich lag auf der Seite, das Gesicht auf Höhe des Spalts, und kleine Kiesel drückten sich in meinen Arm und in meine Hüfte, und ich spürte jeden einzelnen, weil der Körper jetzt alles spürte – den Boden unter mir, die Hitze, den Staub auf meinen Lippen, den eigenen Atem.

Eine Handbreit Welt. Draußen: Asphalt, Staub, die untere Kante der Mauer gegenüber. Stille. Kein Fuß, kein Schatten, kein Laut außer dem Wind, der Staub über den Asphalt trieb. Der Staub legte sich auf meine Lippen. Er schmeckte nach Lehm.

Noch nicht. Ich lag und wartete.

· · ·

Die Füße

Dann kamen die Füße.

Zuerst hörte ich sie – Schlurfen auf Asphalt, viele Schritte, keine Eile, aber auch kein Zögern, und ich wusste sofort, das sind Menschen, die etwas suchen.

Dann sah ich sie.

Ledersandalen durch den Spalt. Peshawari Chappal, die Sohlen aus alten LKW-Reifen geschnitten – schwarzes Gummi, das Profil fast abgelaufen, aber noch sichtbar. Ich zählte. Ein Paar, zwei, drei, vier, fünf, sechs – mindestens sechs Männer, und sie bewegten sich langsam, und jeder Schritt wirbelte Staub auf Knöchelhöhe.

Links. Rechts. Ein Fuß hob sich und setzte wieder auf. Staub wirbelte und legte sich.

Ich atmete flach. Mein Herz schlug so laut, dass ich dachte, sie müssten es hören – durch das Tor, durch den Spalt, durch die zehn Zentimeter zwischen mir und dem Tod, und ich drückte mein Gesicht in den Boden und lag still und hörte mein eigenes Blut in den Ohren.

Die Füße blieben stehen. Direkt vor dem Schlitz. Ich hörte auf zu atmen. Meine Finger krallten sich in den Boden. Die Kiesel bohrten sich in meine Handflächen, und ich drückte fester, als könnte ich mich in die Erde graben.

Ich sah die Riemen der Sandalen, braunes Leder, rissig, ausgebleicht von der Sonne, und den Staub auf den nackten Zehen. Ich sah die Sohlen – das schwarze Gummi, das einmal einen Lastwagen getragen hatte. Ich sah jede Rille im Profil, jeden Riss im Leder, weil ich nichts anderes sehen konnte als diese Füße, zehn Zentimeter von meinem Gesicht entfernt.

Einer der Männer sagte etwas, und ein anderer antwortete, und ich verstand kein Wort. Ihre Stimmen waren ruhig. Sie hatten Zeit. Ich hatte Staub auf den Lippen und Kiesel unter dem Brustbein und den Geschmack von Lehm im Mund.

Die Füße bewegten sich nicht. Ich bewegte mich nicht.

Mein Körper wollte aufspringen, jede Faser, aber ich lag da und sah die Füße an und atmete und zählte. Ich zählte meinen Atem – ein, zwei, drei –, ich zählte die Riemen an den Sandalen. Ich zählte alles, was ich zählen konnte, weil Zählen das Einzige war, was ich tun konnte.

Wenn sie mich jetzt finden, dann war’s das.

Ich wusste nicht, ob ich mich gewehrt hätte, und ich wusste nicht, ob ich überhaupt aufgestanden wäre. Mir war ja egal, ob ich zurückkam – aber mein Körper lag da und rührte sich nicht.

Dann bewegten sich die Füße. Sie gingen weiter. Ein Schritt. Noch einer.

Das Schlurfen auf dem Asphalt, weiter die Straße hinunter, weg vom Tor, und der Klang wurde leiser und leiser, bis nur noch Stille war.

Ich atmete aus.

Mein Körper wollte leben.

Ich spürte es erst jetzt – mein ganzer Körper zitterte, und ich lag auf dem Boden und konnte nicht aufhören, die Hände, die Beine, alles, und die Kiesel drückten in meinen Arm, und der Staub lag auf meinen Lippen.

Ganz, ganz, ganz komisches Gefühl.

Die Kiesel drückten in meinen Arm, und der Staub lag auf meinen Lippen, und ich schmeckte Lehm. Meine Hände zitterten immer noch. Der Himmel über dem Innenhof war stahlblau und gleichgültig. Die Füße waren weg. Die Straße war still. Ich lag auf dem Boden eines Innenhofs in Westafghanistan, und die Männer, die mich suchten, waren weitergegangen. Ich atmete.

· · ·

Die Mission

Ich stand auf.

Der Staub fiel von meiner Kleidung. Meine Knie knackten, und meine Hände zitterten immer noch, aber weniger. Zobair stand neben dem Toyota und sah mich an und sagte nichts.

Wir blieben eine Woche. Eine Woche hinter dem gewellten Stahlblech, eine Woche, in der ich den Spalt beobachtete und auf Füße wartete, die nicht mehr kamen, und Zobairs Freund brachte uns Reis und Fleisch und Fladenbrot, und ich aß und schlief und wartete.

Irgendwann hörte ich, dass die Demonstration vorbei war, dass sie einen UN-Mitarbeiter erwischt hatten, dass es Tote gab. Ich fragte nicht, wie viele. Die Tage waren lang und heiß, und ich saß am Tor und beobachtete den Spalt. Abends legte ich mich auf die Seite und sah den Himmel über dem Hof dunkel werden.

Nach einer Woche kam Zobair zu mir. Es ist vorbei, sagte er. Sie sind weg. Er setzte sich neben mich, und die alten Plastikstühle knarrten unter seinem Gewicht.

Willst du nach Hause?

Nach Hause – Deutschland, Münster, die Wohnung, in der niemand auf mich wartete, die Straßen, die ich kannte, das Leben, das ich hinter mir gelassen hatte.

Nein, sagte ich. Wir können das weitermachen.

Zobair nickte, als hätte er nichts anderes erwartet. Am nächsten Morgen brachte er mir eine Burka, hellblau, und der Stoff roch nach Staub und etwas Süßlichem, das ich nicht zuordnen konnte. Ich zog sie über, und der Stoff fiel über mein Gesicht, über meine Schultern, bis zum Boden. Durch das Gitter vor meinen Augen sah ich die Welt in kleinen Rechtecken.

Wir fuhren durch die Straßen von Herat, vorbei an Checkpoints, vorbei an Männern mit Gewehren, und ich saß auf dem Rücksitz und sah durch das Gitter und sagte nichts. Die Hitze drückte durch den Stoff, und mein Atem wurde feucht unter dem Gitter. Niemand hielt uns an. Niemand sah mich an.

Am Skatepark warteten die Kinder schon. Ich stieg aus und zog die Burka aus, und der Stoff fiel auf den staubigen Boden. Ich war wieder der Mann, der Kindern in einem Kriegsgebiet das Skateboardfahren beibringen sollte, und der Staub unter meinen Schuhen war derselbe wie im Innenhof.

Ich stellte mich auf das Brett. Die Kinder sahen zu. Ich fuhr los.

So war es halt. Weiter.

Mir war egal, ob ich zurückkam. Aber als die Sandalen vor dem Spalt standen, lag mein Körper still und atmete flach und wollte leben. Der Kopf hatte aufgegeben. Der Körper nicht.

Maurice Ressel, Survival-Experte und Gründer der Wildnisschule Lupus

Maurice Ressel

Survival-Experte · Kriegs- & Krisenfotojournalist · Autor

25 Jahre Survival-Praxis. 15 Jahre als Kriegs- und Krisenfotojournalist in 22 Krisenländern, mit Einsätzen für Ärzte ohne Grenzen, UNICEF und Cap Anamur. IPA Award 2017. Gründer der Wildnisschule Lupus in der Schorfheide.