Dokumentierte Munitionshülsen in einem Krisengebiet — Maurice Ressel, 15 Jahre als Krisenfotojournalist

Meine Geschichte

 

Der Kanal
Philippinen & Berlin

Von Maurice Ressel · Kapitel 7 von 8 · 18 Minuten Lesezeit

Die Schiffe lagen noch da.

Drei Monate nach dem Sturm, und sie lagen immer noch da, Frachter und Fischerboote, hunderte Meter landeinwärts geworfen, als hätte jemand sie hochgehoben und auf die Felder gelegt. Kinder kletterten auf den Aufbauten herum. Sie rannten über die Decks und sprangen von den Relings, barfuß, schreiend, als wären die gestrandeten Schiffe Spielplätze und nicht Grabsteine.

Philippinen. Januar 2014. Ich dokumentierte den Wiederaufbau für Don Bosco Mondo. Taifun Haiyan, achter November, dreihundertfünfzehn Stundenkilometer, sechstausenddreihundert Tote. Neunzig Prozent der Häuser in der Region weg. Drei Monate danach roch es immer noch – Salzwasser, Abwasser, Chemikalien, verwesendes Material unter den Trümmern, das niemand bergen konnte.

Die Dorfbewohner hatten mir aus dem Schutt ein Häuschen gebaut, vier Wände aus geretteten Brettern und Wellblech, kein Dach. Ich lebte seit zweieinhalb Monaten darin. UNHCR-Planen über den Ruinen ringsum, blau und weiß, und darunter die Leute, die versuchten, etwas zusammenzubauen aus dem, was der Sturm übrig gelassen hatte.

Die Hitze war das Schlimmste. Achtundzwanzig Grad, gefühlte vierunddreißig, vierundachtzig Prozent Luftfeuchtigkeit. Die Luft klebte. Man atmete Wasser. Das Hemd sog sich voll, innerhalb von Minuten, und lag dann auf der Haut wie ein zweites Fell, das sich nicht abziehen ließ. Nachts war es nicht besser. Morgens nicht. Man gewöhnte sich nicht daran. Man hörte nur auf, es zu bemerken.

Überall waren Leichen gewesen. Massengräber mit selbstgemachten Kreuzen, Autos wie Stroh in den Feldern, und über allem der Geruch, der nicht wegging, egal wie viele Monate vergingen. Die Generatoren brummten, überall das gleiche monotone Summen, weil der Strom immer noch nicht funktionierte. Hämmern. Sägen. Hähne krähten. Und dazwischen Kinder, die Basketball spielten, barfuß zwischen den Trümmern, mit einem Ball, der kaum noch Luft hatte. Andere spielten auf improvisierten Pool-Tischen. Murmeln auf Beton.

Ich war total erschöpft.

Ich saß in einem der zerstörten Häuser, den Rücken an die Wand gelehnt, die Beine lang, und über mir war nur Himmel, weiß vor Hitze, weil das Dach nicht mehr da war.

Dann der Stuhl.

Mir gegenüber, in der anderen Ecke, stand ein weißer Plastikstuhl, drei Beine im Schutt, eines in der Luft. Und darauf saß ein älterer Herr.

Monobloc. Polypropylen, aus einem Stück gegossen. Drei Dollar fünfzig.

Es gab ihn überall auf den Philippinen – in jedem Haushalt, an jeder Straßenecke, in jedem Katastrophengebiet. Der Stuhl stand schief, weil der Boden nicht mehr eben war. Der Mann saß darauf, als wäre es eine Veranda.

Badehose. Nackte Füße. Um ihn herum fünf Enkel, auch in Badehosen, barfuß, und sie rannten durch die Trümmer und zogen sich gegenseitig durch den Staub und schrien und lachten, und einer warf dem anderen einen Stein zu, und ein anderer schrie etwas, das ich nicht verstand. Der Alte schaute ihnen zu. Er saß auf seinem kaputten Stuhl in seiner kaputten Welt und schaute ihnen zu.

Ich hob die Kamera.

Durch den Sucher sah ich, was ich immer sah. Komposition. Licht. Linien. Den weißen Stuhl gegen den grauen Schutt, die Kinder im Vordergrund, den Mann dahinter – ein Bild, das funktionierte, ohne dass man irgendetwas erklären musste.

Dann sah ich sein Gesicht.

Er sah glücklich aus. Nicht zufrieden, nicht gefasst. Glücklich. So glücklich, wie ich fast niemanden in Deutschland je gesehen hatte.

Kein Haus, kein Dach, kein Strom, und dieser Mann saß da und sah seinen Enkeln zu, und in seinem Gesicht war etwas, das ich nicht einordnen konnte, weil es nicht in mein Bild von dieser Welt passte. Alles kaputt. Alles zerstört. Und er saß da wie jemand, der genau wusste, was er hatte.

Ich nahm die Kamera runter.

Ich saß da und sah ihm zu, ohne den Sucher, ohne den Rahmen, ohne den Apparat, hinter dem ich mich seit Jahren versteckte. Die Frage kam nicht als Gedanke, eher als etwas im Magen, schwer und warm, wie etwas, das man verschluckt hat und nicht mehr loswird.

Was bleibt zum Schluss übrig?

Der alte Mann sah seine Enkel. Die Generatoren brummten. Irgendwo krähte ein Hahn. Die Kinder schrien, der Ball sprang über den Beton, und der Mann saß auf seinem Stuhl und sah zu, und ich saß auf meinem Stück Boden und sah ihm zu, und zwischen uns lag der Schutt und das ganze beschissene Katastrophengebiet, und er hatte etwas, das ich nicht hatte.

Ich wollte Kinder.

Der Gedanke war plötzlich da, nicht als Plan, nicht als Entschluss, eher wie etwas, das schon lange dagewesen war und jetzt einen Namen hatte.

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Der Frauenarzt

Cottbusser Damm. Zweiter Stock.

Altbau, hohe Decken, Stuck an den Rändern, die Treppen hatten geknarrt unter unseren Schuhen, und im Wartezimmer roch es nach Desinfektionsmittel und dem Plastik der Spielzeuge, die in einer Kiste neben den Stühlen lagen. Zeitschriften auf einem Tisch, die niemand las. Miri saß neben mir, die Hand auf dem Bauch. Ein normaler Termin, eine normale Schwangerschaft, alles in Ordnung.

Im Behandlungszimmer lag Miri auf der Liege, und die Ärztin drückte den Schallkopf auf ihren Bauch, und das Gel glänzte unter dem Neonlicht – klar, kühl, leicht bläulich, und es roch nach Alkohol und Kunststoff. Der Monitor stand schräg neben der Liege, fünfzehn Zoll, und auf dem Bildschirm bewegte sich etwas in zweihundertsechsundfünfzig Graustufen. Zwischen Schwarz und Weiß lag ein Kind. Flüssigkeiten dunkel, Knochen hell, dazwischen die Umrisse eines Kopfes, einer Wirbelsäule, einer Hand mit fünf Fingern.

Dann der Herzschlag.

Er kam aus dem Lautsprecher, und er füllte den ganzen Raum. Galoppierende Hufe. Hundertvierzig Schläge pro Minute. Schneller als meiner, viel schneller, und dazwischen ein Rauschen – das Blut in der Plazenta, ein Strömen, kontinuierlich, wie Wasser hinter einer Wand. Der Herzschlag war lauter als alles andere im Raum, lauter als die Ärztin, lauter als das Summen der Neonröhren, lauter als mein eigener Atem.

Die Ärztin zeigte auf den Bildschirm und sagte, hier der Kopf, hier die Wirbelsäule, sehen Sie die Hand, alles im Normbereich. Miri nickte. Ich saß auf einem Stuhl neben der Liege und nickte auch.

Routine. Das hier war Routine.

Ich wollte ein Mädchen.

Das sagte ich nicht, nicht Miri, nicht der Ärztin, nicht mir selbst, nicht laut. Aber der Gedanke war da, bei jedem Termin, bei jedem Ultraschall, bei jedem Bild auf diesem Monitor. Ich hatte Probleme mit Männern, immer gehabt, das Konkurrenzdenken, das Angegriffen-Fühlen bei allem und jedem, die Fäuste, die schneller waren als der Kopf. Und die Angst, die ich niemandem zeigte – dass ein Junge so würde wie ich, so ein Kaliber, mit so viel Problemen.

Das dachte ich nicht als Gedanken. Das saß im Körper, im Magen, in den Händen, die auf meinen Knien lagen und sich nicht entspannten.

Der Herzschlag galoppierte.

Die Ärztin bewegte den Schallkopf und redete, Wochen, Zentimeter, Kurven, Zahlen, die Ordnung versprachen.

Dann sagte sie es.

Es ist ein Junge.

Nebenbei, zwischen zwei Sätzen, als hätte sie vergessen, dass wir es nicht wissen wollten. Wir hatten es ihr gesagt. Sie hatte es vergessen. Voll verkackt. Aber das dachte ich erst später, in dem Moment dachte ich nichts, und die Tränen kamen sofort.

Sie kamen, bevor ich denken konnte, sie liefen einfach, nicht Freude, kein Mensch weint so vor Freude, sie liefen und ich konnte nichts dagegen tun.

Mein Kopf drehte sich, hundertachtzig Grad, der Monitor verschwamm, die Ärztin, das Neonlicht, alles kippte, die Wände rückten zusammen und der Raum wurde klein und was blieb, war der Herzschlag.

Galoppierende Hufe. Hundertvierzig Schläge pro Minute.

Das Herz meines Sohnes, und es schlug weiter, als hätte es keine Ahnung, was es gerade angerichtet hatte. Mein Sohn. Ein Junge. Wie ich.

Ich saß auf dem Stuhl, die Hände auf den Knien, die Tränen liefen, und ich konnte sie nicht aufhalten und ich konnte sie nicht erklären und ich konnte nicht aufstehen und ich konnte nicht sprechen. Der Desinfektionsmittelgeruch stach in der Nase. Der Herzschlag galoppierte weiter. Mein Sohn war am Leben, und ich saß auf einem Stuhl und funktionierte nicht mehr.

Ich weiß nicht, was danach kam, ob die Ärztin etwas sagte, ob Miri mich ansah, da ist ein Loch, wo Bilder sein müssten. Die Erinnerung ist weg. Was bleibt, ist der Herzschlag, die Hufe, das Rauschen, und die Tränen, die nicht aufhörten.

Ich bin irgendwann aufgestanden, ich weiß nicht, ob ich mich verabschiedet habe, ich weiß nicht, ob ich etwas gesagt habe.

Ich ging raus.

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Der Kanal

Das Fahrrad lag auf der Straße.

Ich hatte es geworfen, irgendwo zwischen der Praxis und der nächsten Kreuzung, und es lag auf dem Asphalt und das Vorderrad drehte sich noch. Ich stand da und atmete und wusste nicht wohin. Dann die Laterne. Ich trat dagegen, Schienbein, volle Wucht, und der Schmerz fuhr hoch bis in den Kiefer und ich trat nochmal. Nochmal. Das Metall gab nicht nach. Mein Schienbein schon. Der alte Mechanismus, der immer funktioniert hatte. Wenn es zu viel wird, schlag zu, gegen was auch immer, gegen wen auch immer, Hauptsache, der Körper tut etwas.

Das Schienbein brannte. Ich spürte es kaum. Die Tränen liefen noch. Die Wut war so groß, dass sie keinen Platz hatte. Sie musste raus, durch die Fäuste, durch die Beine, durch den Fuß gegen das Metall.

Ich weiß nicht, wie ich zum Kanal kam.

Zwischen der Laterne und dem Wasser ist nichts, kein Bild, kein Geräusch, kein Schritt, wie eine Seite, die jemand rausgerissen hat. Auf der nächsten Seite sitze ich auf einer Steinstufe am Landwehrkanal. Carl-Herz-Ufer, Berlin-Kreuzberg. Die Füße fast am Wasser.

Der Kanal lag da. Zweiundzwanzig Meter sechzig breit, algengrün, fast braun, und unter der Oberfläche roch es nach Algen und Stein und etwas Fauligem, das man nicht sehen konnte. Trauerweiden hingen über dem Ufer, ihre Spitzen berührten das Wasser. Am anderen Ufer spielten Leute Boule, und die Kugeln klackten auf den Kies, und jemand lachte, und jemand rief etwas. Die U-Bahn ratterte über die Hochbahnbrücke, metallisch, und das Geräusch trug über das Wasser. Möwen kreischten.

Sommer. Hitze, die klebte. Das Pflaster strahlte zurück. Leute tranken Bier am Ufer, hielten ihre Beine ins Wasser, ein Kind fuhr auf einem Roller vorbei. Die Welt war so normal, dass es wehtat.

Ich saß auf dem Stein, die Hände neben den Hüften, und der Stein war warm unter meinen Fingern. Die Tränen waren weg. Was kam, war schlimmer.

Die Ängste kamen nicht als Gedanken, sie kamen als Schläge, einer nach dem anderen, und jeder härter als der davor.

Konkurrenzdenken gegen einen Mann.

Das war der erste. Ich kannte das. Ich hatte es immer gehabt – dieses Messen, dieses Angegriffen-Fühlen bei allem und jedem, die Fäuste schneller als der Kopf. Jeder Mann war ein Gegner, jeder Blick eine Herausforderung, und das hörte nicht auf, egal wo ich war, egal wie alt ich wurde. Und jetzt sollte da einer kommen, der mein Sohn war, und ich wusste, dass ich gegen ihn antreten würde, bevor er sprechen konnte. Dass ich mich bedroht fühlen würde von einem Kind, das noch nicht einmal geboren war.

Das Wasser floss. Eine Möwe landete drei Meter vor mir auf der Oberfläche und trieb davon.

Dass er die gleiche Kindheit hat wie ich.

Der zweite Schlag, und er war schlimmer. Kein Vater. Eine Mutter, die ihn rausschmeißt. Die Straße, die Gewalt, das Zocken bis morgens um vier, weil draußen nichts war. Die Psychiatrie. Ich sah es vor mir. Alles, was ich durchgemacht hatte, noch einmal, in einem anderen Körper, mit meinem Gesicht, und es war kein Gedanke, es war ein Bild, scharf und klar, wie durch einen Sucher. Nicht als Erinnerung, sondern als Prophezeiung.

Die Boule-Kugeln klackten. Jemand klatschte. Jemand machte ein Bier auf.

Den Kreislauf weitergeben.

Der dritte Schlag, der härteste, nicht dass er so würde wie ich, sondern dass ICH es wäre, der es ihm antut. Dass ich der Vater wäre, der schlägt, der schreit, der geht. Dass alles, was mir angetan wurde, durch meine Hände weiterlaufen würde in dieses Kind. Es lag im Bauch seiner Mutter und sein Herz galoppierte, hundertvierzig Schläge pro Minute, und es wusste nichts davon.

Meine Hände lagen auf dem Stein. Ich spürte sie nicht.

Drei Ängste, und keine davon hatte ich kommen sehen, und keine davon hatte einen Ausweg, und zusammen waren sie so schwer, dass ich nicht mehr wusste, wo oben war. Ich hatte in zweiundzwanzig Ländern gearbeitet. Taifune dokumentiert. Bürgerkriege. Dürren. Ich hatte mich durch den Amazonas-Regenwald geschlagen und in Afghanistan unter dem Tor gelegen, während Füße über mir vorbeigingen. Ich hatte Protokolle für Hitze und Kälte und Höhe und Hunger und Schlangenbisse und Dehydrierung und Höhenkrankheit. Für jede Wildnis der Welt gab es ein Protokoll.

Für diese nicht. Ich hatte kein Protokoll für einen Sohn.

Ich saß auf der Stufe und sah das Wasser fließen. Das Wasser wusste nichts von dem, was in mir los war, und die Leute wussten nichts, und die Möwen wussten nichts.

Der härteste Ort zum Überleben war nicht der Amazonas. Nicht Afghanistan. Es war dieser Kanal in Berlin.

Zweiundzwanzig Meter sechzig algengrünes Wasser, anderthalb Meter tief, Steintreppen, Trauerweiden, und Leute, die Boule spielten und Bier tranken und lachten. Und ich saß auf der Stufe und hatte keine Antwort und kein Protokoll und keine Technik, die funktionierte.

Sondern ich hab wie so eine Brechstange gegen mich gearbeitet.

Jahrelang. Gegen alles, was weich war, gegen alles, was nah kam, gegen jeden, der geblieben wäre, wenn ich ihn gelassen hätte. Ich hatte Mauern gebaut und Panzer und Protokolle, und jetzt saß ich hier auf dieser Stufe, und die Mauern waren weg, und die Panzer waren weg, und die Protokolle waren weg, und was übrig blieb, war ein Mann, der nicht wusste, ob er Vater sein konnte.

Das Wasser floss weiter. Die Trauerweiden berührten die Oberfläche und ließen sie wieder los und berührten sie wieder. Die U-Bahn ratterte über die Brücke. Ein Schiff tuckerte vorbei, Musik an Deck, und jemand winkte vom Ufer. Jemand warf eine Boule-Kugel, und sie klackte auf den Kies, und jemand klatschte.

Ich saß auf der Stufe und wusste nicht, ob ich aufstehen konnte.

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Die Entscheidung

Zwei Wege.

Ich konnte aufstehen und gehen. Zum Bahnhof, zum Flughafen, irgendwohin, wo niemand wusste, wer ich war. Ich kannte die Flughäfen dieser Welt besser als die Straßen meiner eigenen Stadt. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden konnte ich in einem Land sein, das mich brauchte, mit Kamera, Auftrag, einer Rolle, die funktionierte. Ich konnte den Gurt der Kamera um den Hals legen und durch den Sucher schauen und alles war wieder klar, Komposition, Licht, Linien, und dahinter verschwand der Rest. Ich war immer gegangen. Wenn es zu eng wurde – raus. Wenn es zu nah wurde – weg. Neuer Ort, neues Projekt, neuer Grund, nicht hier zu sein.

Oder ich konnte bleiben.

Das Wasser floss weiter, und die Trauerweiden hingen über dem Ufer, und ihre Zweige berührten die Oberfläche und ließen sie wieder los und berührten sie wieder.

Ich suchte den alten Mechanismus. Das Ding in mir, das immer funktioniert hatte, das mich durch Afghanistan getragen hatte, unter dem Tor, die Füße über mir, das mich in der Danakil-Wüste aufrecht gehalten hatte bei zweiundfünfzig Grad, und das mich im Amazonas auf den Beinen gehalten hatte, als alles um mich herum versank. Ich griff danach wie nach einem Werkzeug im Dunkeln. Ich wusste, es war da. Es musste da sein. Zweiundzwanzig Länder lang hatte es funktioniert.

Es antwortete nicht.

Ich saß da und wartete, wie ich in Afghanistan gewartet hatte, unter dem Tor, flach auf dem Boden, und es kam nichts. Kein Schalter, der umlegte. Kein Modus, der ansprang. Nur das Wasser und die Möwen und die Boule-Kugeln, die klackten, und das Lachen von weit weg, wie hinter einer Scheibe.

Ich saß auf der Stufe und suchte, und was kam, war nicht der Mechanismus, sondern ein Bild. Ein weißer Plastikstuhl, drei Beine im Schutt, eines in der Luft. Ein alter Mann mit fünf Enkeln, barfuß, in den Trümmern. Und sein Gesicht. In meinem Kopf war ein Raum ohne Boden und ohne Wände, und in diesem Raum saß ein alter Mann auf einem kaputten Stuhl und lächelte. Glücklich. Alles kaputt, und er wusste, was er hatte.

Was bleibt, wenn alles zerstört ist.

Familie.

Nicht als Idee, nicht als Wort, nicht als Konzept, sondern als etwas im Körper, als Herzschlag, hundertvierzig Schläge pro Minute, und ich hörte ihn wieder, das Galoppieren aus dem Lautsprecher, den Herzschlag meines Sohnes, der nichts von mir wusste und nichts von meiner Angst und nichts von den drei Schlägen, die mich auf diese Stufe gedrückt hatten.

Und Miri. Die die ganze Zeit da gewesen war, während ich nicht da gewesen war. Fünf Jahre lang hatte sie getragen, was ich nicht tragen konnte, und ich hatte es nicht gesehen, weil ich nicht da war, um es zu sehen. Sie saß jetzt allein in der Wohnung am Cottbusser Damm, mit einem Kind im Bauch, dessen Vater auf einer Steinstufe am Landwehrkanal saß und nicht wusste, ob er aufstehen konnte.

Man könnte das vieles nennen. Mut. Entscheidung. Oder man könnte es nennen, was es war – Arbeit. Ich hatte auf meine innere Stimme, diese negative Stimme, nie gehört. Ich hatte wie mit einer Brechstange gegen mich gearbeitet, jahrelang, gegen jede Wand, die ich selbst gebaut hatte. Und die Angst war nicht weg. Das Konkurrenzdenken war nicht weg. Die Angst vor der gleichen Kindheit war nicht weg. Die Angst vor dem Kreislauf war nicht weg. Keine davon verschwand, während ich auf der Stufe saß und das algengrüne Wasser beobachtete, das weiterfloss, weil Wasser keine Wahl hat.

Ich hatte eine.

Es gab kein Protokoll dafür, kein Handbuch, keine Technik, die ich in zweiundzwanzig Ländern gelernt hatte und die hier funktioniert hätte. Es war nicht Heilung. Es war nicht Einsicht. Es war Arbeit, jeden Tag, gegen alles in mir, das schrie, dass ich es nicht konnte und nicht verdiente und dass es besser wäre zu gehen.

Die Schatten lagen jetzt lang über den Stufen. Das Wasser war dunkler. Die Boule-Spieler packten ein. Irgendwo auf dem Kanal tuckerte ein Schiff, und die Wellen schwappten gegen die Stufen, und ich spürte das Wasser an meinen Schuhsohlen.

Kein Blitz. Kein Moment der Klarheit. Nur ein Körper, der irgendwann aufhörte, auf der Stufe zu sitzen. Die Hände legten sich auf den warmen Stein und drückten sich hoch. Die Knie spürten es, und das Schienbein, das noch wehtat von der Laterne, und die Hitze auf der Haut, und der Geruch von warmem Stein. Die Welt kam zurück – der Kanal, die Trauerweiden, die Möwen, das Licht, das jetzt tiefer stand und alles in Gold tauchte. Meine Hände rochen nach Stein.

Ich stand auf.

Nicht weil die Angst aufgehört hatte. Nicht weil ich eine Antwort hatte. Nicht weil ich wusste, dass es gut werden würde. Ich stand auf, weil Sitzenbleiben das Muster war und Aufstehen das Einzige, was ich dagegen tun konnte.

Ich ging nicht weg. Ich ging zurück.

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Der Beweis

Fjäll ist neun.

Er sitzt am Esstisch und guckt mich an. Nicht so, wie Kinder normalerweise gucken – kurz, dann weg, dann wieder hin. Er guckt mir in die Augen und hört nicht auf. Zehn Sekunden. Fünfzehn. Ein Kind guckt nicht so lange, kein Kind, das ich kenne, und er weiß nicht, woher er das hat. Ich weiß es.

Bei meinen türkischen Freunden, damals in Münster, hast du nicht länger als drei Sekunden in die Augen geguckt. Länger war eine Ansage, eine Herausforderung, ein Versprechen, dass gleich etwas passiert. Wenn du länger geguckt hast, haben sie eine reingehauen. Ich hatte es hundertmal gesehen, und ich hatte es selbst gemacht, und der Reflex saß so tief, dass er sich nicht um Jahrzehnte kümmerte. Die Regel stand nirgends. Du hast sie gelernt, indem du sie gebrochen hast.

Was guckst du.

Der Satz kam hoch, sofort, automatisch, wie ein Reflex, der nicht weiß, dass dreißig Jahre vergangen sind. Und dann der Impuls dahinter, der ältere, der tiefere – Konkurrenz, Dominanz, Kontrolle. Ein neunjähriger Junge saß mir gegenüber, und mein Körper reagierte, als wäre es ein Gegner. Das Geschirr stand auf dem Tisch, die Gläser, die Krümel vom Abendessen. Mein Sohn saß da und guckte mich an, und ich spürte es in den Händen und im Kiefer und in den Schultern, die sich hochzogen.

Ich bin der Boss im Haus. Ich bin der Alpha Wolf.

Ich schrie es. Laut. Am Esstisch. Abends, nach einem Tag, an dem ich unten gearbeitet hatte und er oben ausgerastet war und ich schon müde war und er nicht aufhörte. Es war die alte Stimme, die Stimme, die ich am Kanal gelassen zu haben glaubte. Sie war nicht weg. Sie war nie weg. Und ich stand da, am Esstisch, in meinem eigenen Haus, in meiner eigenen Familie, und der Krieger stand neben mir und schrie mit meiner Stimme.

Ava fing an zu weinen. Meine Tochter. Drei Jahre alt, und sie stand neben dem Tisch und weinte.

Großer Riese, geh weg.

Das war der Moment, den ich am Kanal gefürchtet hatte, der Kreislauf, und er stand im Raum, so deutlich wie das Geschirr und die Gläser und die Krümel. Mein Sohn, der mich provoziert. Meine Tochter, die weint. Ich, der schreit.

Aber ich stand nicht auf und ging.

Ich nahm Fjäll in den Arm und streichelte ihm den Kopf, und sein Haar war unter meiner Hand, warm und fein, und er ließ es zu, obwohl er vorher so wütend gewesen war, und ich ließ es zu, obwohl alles in mir noch zitterte. Abends haben wir uns versöhnt. Wir hatten das vorher nicht oder selten gemacht – nach dem Schreien kam Stille, und nach der Stille kam der nächste Tag, und niemand sprach darüber. Nicht das Schreien war neu – das Danach war neu. Das Zurückkommen, das Eingestehen, das In-den-Arm-Nehmen, obwohl der Impuls noch im Körper saß.

Der Kreislauf ist nicht durchbrochen. Er wird jeden Tag neu entschieden. Manchmal fällt die Entscheidung richtig. Manchmal nicht. Manchmal fällt sie erst beim zweiten Anlauf, nach dem Schreien, nach dem Alpha Wolf, nach dem Riesen, der gehen soll. Es gibt keinen Tag, an dem es aufhört. Die Brechstange arbeitet noch, jeden Tag, und manchmal merke ich es erst, wenn der Riese schon im Raum steht und meine Tochter weint. Aber ich gehe nicht. Das ist der Unterschied zu allem, was vorher war. Ich bleibe im Raum, mit dem Geschirr und den Krümeln und dem Weinen und dem Zittern, und ich gehe nicht.

Später, als Fjäll schläft, stehe ich in seiner Tür. Sein Atem geht ruhig. Die Decke hebt und senkt sich.

Ich schließe die Tür. Leise.

Maurice Ressel, Survival-Experte und Gründer der Wildnisschule Lupus

Maurice Ressel

Survival-Experte · Kriegs- & Krisenfotojournalist · Autor

25 Jahre Survival-Praxis. 15 Jahre als Kriegs- und Krisenfotojournalist in 22 Krisenländern, mit Einsätzen für Ärzte ohne Grenzen, UNICEF und Cap Anamur. IPA Award 2017. Gründer der Wildnisschule Lupus in der Schorfheide.