Dokumentierte Munitionshülsen in einem Krisengebiet — Maurice Ressel, 15 Jahre als Krisenfotojournalist

Meine Geschichte

 

Das Wandbild

Von Maurice Ressel · Kapitel 8 von 8 · 14 Minuten Lesezeit

Die Uhren tickten.

Nicht synchron, jede in ihrem eigenen Rhythmus, versetzt, ein leises Klappern, das die ganze Wohnung füllte wie ein Flüstern aus vielen Mündern gleichzeitig. Kuckucksuhren, Wanduhren, Standuhren, acht oder zehn oder mehr, und zusammen ergaben sie einen Chor, der weiterzählte, obwohl sein Dirigent gegangen war. Mein Großvater zog sie alle auf. Bis zuletzt.

Er war drei Wochen tot.

Amadeus stand hinter mir im Flur, die Autoschlüssel noch in der Hand. Wir hatten nicht viel gesagt auf der Fahrt von Münster raus nach Roxel, weil es nichts zu sagen gab, was nicht schon in der Stille zwischen uns lag. Meine Mutter hatte angerufen, kurz, wie immer: Opa hat dir was hinterlassen. Komm vorbei, räum die Wohnung aus. Und dann aufgelegt, bevor ich fragen konnte, was.

Pinas Allee 45, erster Stock. Das rote Backsteinhaus mit dem Efeu an der Fassade, die ausgetretenen Steinstufen im Treppenhaus, der Geruch, der mich traf, noch bevor ich die Tür ganz aufhatte. Abgestandene Luft, die seit Wochen nicht bewegt worden war, und darunter das Vertraute: alte Bücher, Papier und Leder, das sich in die Regale gefressen hatte, in die Seiten, in die Fasern des Teppichbodens. Möbelpolitur. Und noch etwas, schwächer, aber da, in den Sofakissen, in den Gardinen, im Stoff des Chesterfield-Sofas, auf dem meine Oma immer gesessen und ferngesehen hatte: kalter Zigarettenrauch.

Ihr Geruch – sie war anderthalb Monate vor ihm gegangen, und nichts war geblieben außer diesem Rauch in den Kissen.

Auf dem Tisch neben dem Sofa lag noch ihr rosa Zigarettenetui mit den Blumen darauf und das schwarze Feuerzeug daneben, als hätte sie gerade den Raum verlassen. Sie sagte immer, das Rauchen sei das Einzige, was sie noch habe. Das solle man ihr nicht nehmen.

Die Uhren tickten weiter.

Ich kannte jeden Zentimeter dieser Wohnung, hatte hier mein halbes Leben verbracht, erst als Kind, dann als Jugendlicher, wenn es zu Hause nicht mehr ging und ich irgendwohin musste, wo jemand da war, der nicht schrie und nicht schlug und nicht verschwand. Dann als Erwachsener, der seinen Großvater besuchte und mit ihm auf der Parkbank saß und nichts sagte, weil mit Opa nichts gesagt werden musste.

Amadeus ging nach rechts, Richtung Küche, und ich ging geradeaus, durch den Flur, zum ehemaligen Esszimmer. Dort hatte meine Oma ihre Puppen gehabt, tausend Stück, Porzellan und Stoff und Teddybären, in Regalen vom Boden bis zur Decke, und mittendrin eine lebensgroße Schaufensterpuppe im weißen Brautkleid, vor der ich mich als Kind jedes Mal gefürchtet hatte.

Das Zimmer war leer.

Keine Puppen. Kein Brautkleid. Keine Regale. Nur nackte Wände und der Abdruck der Möbel auf dem Teppichboden, helle Rechtecke, wo die Regale gestanden hatten. Mein Großvater räumte alles aus, in den anderthalb Monaten, die er allein gewesen war. Er sagte, er müsse es tun, sonst könne er nicht weiterleben. Und dann hatte er es getan. Und dann war er gestorben.

An der rechten Wand hing etwas. Meine Schritte stoppten, bevor ich verstand, warum.

Fotos. Hunderte. An die Wand gepinnt mit Stecknadeln, in Kreisen angeordnet, eines neben dem anderen, übereinander, wie ein riesiges Mandala. Schwarz-Weiß-Aufnahmen und Farbfotos, alte und neue, große und kleine, mein Großvater als junger Mann, meine Oma mit rotbraunen Haaren, ich als Kind, Miri und ich mit dem Baby, Freunde, die ich nicht kannte, Familie, längst vergessene. Hunderte Gesichter, Hunderte Momente, die er gesammelt und an diese Wand gepinnt hatte, als wäre das seine Antwort auf das leere Zimmer.

In der Mitte hing ein Zeitungsartikel. WESTFALEN-Zeitung, 2013. Mein Bild. Mein Name. Mein erstes Afghanistan. Ein Journalist fragte mich damals, warum ich das mache, warum ich in Krisengebiete fahre, mit der Kamera, allein. Ich sagte: Weil ich einen Sinn suche.

Die Überschrift lautete:

WOZU HAST DU GELEBT?

Mein Großvater hatte diese sechs Worte in die Mitte seiner Wand gepinnt. Hatte seine Familie drumherum gehängt. Hatte das leere Puppenzimmer seiner toten Frau genommen und diese Frage hineingestellt, mit Stecknadeln und Hunderten von Fotos und einem Zeitungsartikel seines Enkels.

Er hatte geantwortet. Die Bilder waren seine Antwort. Familie. Das, was bleibt, wenn alles andere geht.

Jetzt war ich dran.

Die Uhren tickten. Amadeus war irgendwo hinter mir, ich hörte seine Schritte in einem anderen Raum, gedämpft durch die geschlossene Tür. Er kam nicht. Er gab mir Raum.

Die Frage hing an der Wand und wartete.

· · ·

Wozu hast du gelebt?

Meine Knie gaben nach.

Ich kippte nach vorn, und der Boden traf meine Kniescheiben, hart, und der Schmerz war kurz und scharf – dann war er weg, weil alles andere lauter wurde.

Ich weinte.

Es kam aus dem Magen, aus der Brust, aus einem Ort, den ich fünfzehn Jahre lang zugehalten hatte, weil man nicht weint, wo Kugeln fliegen, und nicht weint, wo die Kamera laufen muss, und nicht weint, weil Weinen nichts ändert. Es kam trotzdem. Laut. Unkontrolliert. Ich kniete vor dem Wandbild meines Großvaters, und die Fotos verschwammen, die Hunderte Gesichter, sein Gesicht, ihr Gesicht, mein Gesicht, und in der Mitte die sechs Worte, die ich nicht mehr lesen konnte, weil ich nichts mehr sehen konnte.

Die Uhren tickten. Sie hörten nicht auf.

Ich presste die Stirn auf den Boden. Der Boden war kalt und roch nach Politur und den Jahrzehnten, die über ihn gelaufen waren. Amadeus war hinter der geschlossenen Tür. Er hat mich noch nie so weinen hören. Er kam nicht rein. Er ließ mich.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort lag. Irgendwann kam der Atem zurück, flach zuerst, dann tiefer, und mit dem Atem kam etwas anderes – etwas Heißes, Drängendes, das von innen gegen die Rippen drückte. Ein unbändiger Wunsch, zu antworten. Nicht zu verstehen. Nicht zu trauern. Zu antworten.

Aber ich wusste nicht wie.

Ich stand auf. Die Knie brannten. Ich wischte mir das Gesicht mit dem Ärmel ab, und der Ärmel war nass, und ich wischte weiter, bis nichts mehr kam. Dann öffnete ich die Tür zum Flur. Amadeus stand in der Küche, die Hände auf der Arbeitsplatte, und sah mich an. Ich sah ihn an. Keiner von uns sagte etwas. Dann fingen wir an zu arbeiten.

Wir räumten drei Tage.

Amadeus und ich fuhren mit dem Auto durch Münster, den Kofferraum voller Bücher, Kiste für Kiste, tausend Stück oder mehr. Wir brachten sie zu den öffentlichen Tauschregalen in der Stadt – dieselben Regale, an denen mein Großvater selbst immer stehengeblieben war, um zu schauen, was die Leute hineingestellt hatten, und manchmal etwas mitzunehmen und manchmal etwas hinzustellen. Jetzt stellten wir seine Bücher hinein, das Riemann-Musiklexikon, Gimbutas’ Die Sprache der Göttin, ein Kräuterbuch von 1577, und jedes Buch, das ich in die Hand nahm, roch nach ihm, nach Papier und Leder und den Jahren, die er damit verbracht hatte, es zu lesen.

Die Kisten waren schwer. Mein Rücken schmerzte am zweiten Tag, und meine Hände rochen nach altem Papier und Staub, und der Geruch ging nicht weg. Wir trugen Kisten die Treppe hinunter und luden sie ins Auto und fuhren los und kamen zurück und trugen die nächsten. Wir sortierten. Amadeus nahm Sachen mit. Ich nahm Sachen mit. Wir redeten, wer was bekommt, und verbrachten Stunden in den Zimmern, gingen Schubladen durch, Dokumente, Fotos, die nicht an der Wand hingen, und hielten Dinge in den Händen und sagten nichts und legten sie in Kisten. Mit jeder Stunde wurde die Wohnung leerer und das Ticken der Uhren lauter, weil die Bücher und die Möbel nicht mehr da waren, die den Klang geschluckt hatten.

Die Frage an der Wand hatte nichts mehr, das sie überdeckte.

Abends fuhr ich zu meinem Bruder und schlief dort. Morgens kamen wir zurück nach Roxel. Die Regale leer. Die Schubladen leer. Die Wände mit hellen Rechtecken, wo Bilder gehangen hatten, die jetzt in Kisten lagen. Nur das Wandbild hing noch. Und die Uhren. Und der Geruch, der sich nicht ausräumen ließ.

Am dritten Abend lag ich auf Amadeus’ Couch und starrte an die Decke und wusste es. So klar wie ein Druck hinter der Stirn, so deutlich wie der Geruch von Politur und kaltem Rauch, der noch in meiner Kleidung hing.

Ich musste allein zurück.

· · ·

Die letzte Nacht allein

Am letzten Tag blieb ich allein.

Amadeus fuhr am Nachmittag, und als die Haustür hinter ihm ins Schloss fiel, änderte sich die Wohnung. Das Ticken blieb dasselbe, aber die Stille dazwischen wurde größer, weil die kleinen Laute eines zweiten Menschen fehlten – sein Räuspern, seine Schritte auf dem Teppich, sein Atem im Nebenzimmer. Was blieb, waren die Uhren und ich.

Ich ging in den Keller und holte das letzte Essen aus der Kühltruhe meiner Oma. Es war das Letzte, was sie zubereitet hatte, und ich aß es allein in der Küche, am Tisch, und es schmeckte kalt und nach etwas, das nicht mehr wiederkommen würde. Ich aß alles auf, weil es das Letzte war. Dann wusch ich den Teller und stellte ihn in den leeren Schrank, und das Geräusch von Porzellan auf Holz war lauter, als es hätte sein sollen.

Ich ging ins Wohnzimmer. Das rosa Zigarettenetui meiner Oma lag noch auf dem goldenen Deckchen, neben dem Glas-Aschenbecher und dem schwarzen Feuerzeug, und ich setzte mich auf den Boden, weil es keinen Stuhl mehr gab, und nahm eine Zigarette heraus und zündete sie an. Ich hatte kein Licht gemacht. Der Rauch stieg in der Dunkelheit nach oben, warm diesmal, nicht kalt wie der Geruch in den Kissen, und die Glut leuchtete orange, und ich saß da und rauchte die Zigarette meiner toten Großmutter und hörte den Uhren zu.

Meine Oma hat sich mit den eigenen Gedanken umgebracht.

Das wusste ich seit Jahren. Du kannst dich mit deinen eigenen Gedanken ins Universum heben oder in die Hölle bringen, und sie war in die Hölle gegangen, langsam, über Jahre, und am Ende war das Rauchen das Einzige gewesen, was ihr geblieben war, und sie hatte gesagt, das solle man ihr nicht nehmen. Jetzt rauchte ich ihre Zigarette in ihrer leeren Wohnung und drückte die Glut im Aschenbecher aus und blieb sitzen im Dunkeln, und die Uhren tickten weiter.

Ich ging ins Zimmer meines Großvaters und legte mich auf den Boden. Keine Matratze, kein Bett, nur der Boden unter meinem Rücken und eine Decke, die ich in einem Schrank gefunden hatte. Ich habe auf Steinböden geschlafen in meinem Leben, auf Sand, auf Lehm, auf Erde, die nach Regen roch, und dieser Teppichboden in Roxel war keiner, der mich hätte wach halten können.

Aber ich schlief nicht.

Mein Kopf war vernebelt und schwer, die Gedanken kamen und gingen ohne Ordnung, die Nacht dehnte sich und wurde lang und wurde länger. Aber eine Sache war klar – so klar wie das Ticken in den leeren Zimmern, so deutlich wie der Rauch, der noch in meinen Fingern hing.

Die Frage war nie an meinen Großvater gerichtet gewesen.

Er hatte sie nicht gestellt. Er hatte sie beantwortet – mit Stecknadeln und Fotos und dem Leben, das er gelebt hatte. Die Frage hing dort für den, der nach ihm kam.

WOZU HAST DU GELEBT?

Ich lag auf dem Boden, und der Boden drückte gegen meine Schulterblätter, und die Uhren tickten, und die Frage stand im Zimmer nebenan an der Wand und verlangte eine Antwort, die man nicht aufsagt, sondern die man lebt. Jeden Tag. Bis es einen nicht mehr gibt.

Ich konnte schweigen. Die Tür morgen zuziehen und nach Hause fahren und die Frage dort lassen, wo sie hing, in einem Zimmer, das bald jemand anderem gehören würde. Die sechs Worte als Erinnerung behalten – ein Zeitungsartikel, Stecknadeln, Papier.

Oder ich konnte antworten.

Die Uhren tickten. Irgendwann wurde es heller hinter den Gardinen. Ich hatte nicht geschlafen. Mein Rücken war steif, und meine Augen brannten, und draußen wurde es langsam Tag über Roxel.

Ich wusste, was ich tun würde.

Im Zimmer nebenan stand der Schreibtisch meines Großvaters. Sein Papier. Seine Stifte in den Messingbechern. Der Notenständer mit Prelude von Johann Nikolaus Fischer. Kein Millimeter, der nicht mit etwas zugestellt war.

Aber Platz genug, um zu schreiben.

· · ·

Der Codex und der weinende Clown

Ich setzte mich an seinen Schreibtisch.

Der Stuhl war zu niedrig, oder der Tisch zu hoch, und meine Knie stießen gegen die Platte von unten. Das Clavichord stand links an der Wand, die Kassetten in ihren Reihen daneben, hunderte, beschriftet in seiner Handschrift. Neben dem Notenständer stand der fischförmige Stifthalter aus Messing, und daneben die Becher mit seinen Stiften, und ich nahm einen heraus – blauer Kugelschreiber, die Mine kam sofort – und zog ein Blatt Papier unter einem Stapel hervor.

Mein Kopf war vernebelt. Seit Tagen. Der Nebel, der nach dem Weinen gekommen war und nach der schlaflosen Nacht nicht gegangen war, lag über allem, über den Gedanken, über der Sprache, über der Fähigkeit, einen Satz zu Ende zu denken.

Aber meine Hand bewegte sich.

Ich schrieb. Nicht weil ich wusste, was. Sondern weil die Hand sich bewegte und der Stift über das Papier ging und die Worte kamen, eines nach dem anderen, wie ein Protokoll, das sich selbst diktiert.

Das Erste, was ich schrieb: Kümmere dich um deine Familie.

Es stand da, bevor ich darüber nachgedacht hatte. Vier Worte. Im Fenster stand das Modell-Segelschiff meines Großvaters, und das Morgenlicht kam durch die Gardine und durch die Segel und warf ein Muster auf die Tischplatte, und an der Wand hinter mir hing die Frage, und die Frage hatte gewartet, und jetzt schrieb ich.

Die Punkte kamen. Über Gesundheit und darüber, mobil zu bleiben. Über das, was vergessen wurde, und wie man es in die Herzen der Menschen trägt. Über Ideen. Über das Lebendige, das man ehrt und nur nimmt, wenn man es braucht. Über Liebe. Über Bauchgefühl und wohin es einen führt, wenn man ihm folgt.

Die Uhren tickten in den anderen Zimmern, durch die offene Tür hörte ich sie – diesen Chor aus Zählern und Zeigerwerken, der weitermachte, obwohl niemand mehr da war, für den er die Zeit maß. Irgendwann würden sie stehen bleiben, eine nach der anderen, und niemand würde sie wieder aufziehen. Ich schrieb: Du hast nur wenig Zeit auf dieser Erde. Vergeude sie nicht mit Dingen, die du nicht machen willst.

Über Verantwortung für die Menschen, die einem anvertraut sind. Über die Natur – das Jagen, das Fischen, das Wissen, das draußen liegt und das man ehren muss.

Dann der letzte Satz, den ich auf das Papier setzte, bevor ich den Stift auf die Tischplatte legte:

Vergiss nicht, woher du kommst. Sei dankbar, bescheiden und bodenständig – denn die einfachsten Dinge halten am längsten.

Zwölf Punkte. Ein Blatt Papier, blauer Kugelschreiber, die Handschrift eines Mannes, der seit Tagen nicht richtig geschlafen hatte.

Ich wusste nicht, dass das, was dort auf dem Papier lag, Jahre später an der Wand einer Wildnisschule hängen würde. Dass Menschen, die ich noch nicht kannte, danach fragen würden. Ich saß in einer leeren Wohnung in Roxel, die in wenigen Wochen jemand anderem gehören würde, und schrieb mit dem Stift meines Großvaters auf seinem Papier, und ich nannte es den Codex Kliemert, nach seinem Familiennamen, weil alles, was dort stand, aus dem kam, was er mir beigebracht hatte – nicht durch Worte, sondern durch die Art, wie er gelebt hatte.

Sinn ist keine Theorie, die man sich ausdenkt. Sinn ist eine Antwort, die man lebt. Und die Menschen, die einen umgeben, sind das, was am Ende wirklich bleibt. Mein Großvater hatte das nie gesagt. Er hatte es getan – mit Stecknadeln und Fotos und einem leeren Puppenzimmer und einer Frage in der Mitte.

Ich legte das Blatt auf den Schreibtisch, neben den fischförmigen Stifthalter, neben das Notenblatt auf dem Notenständer, neben die hundert Dinge, die er dort hingestellt hatte und die jetzt stehen bleiben würden, weil niemand mehr käme, der sie verrückte. Dann stand ich auf. Die Knie waren steif. Der Rücken brannte, dort, wo der Boden die ganze Nacht gegen meine Schulterblätter gedrückt hatte.

Ich ging durch die Wohnung. Zimmer für Zimmer. Die leeren Regale. Die hellen Rechtecke an den Wänden. Das Wandbild im ehemaligen Esszimmer – die Fotos, die Stecknadeln, die sechs Worte in der Mitte, die ich jetzt nicht mehr ansehen musste, weil die Antwort auf dem Schreibtisch lag. Die Uhren tickten. Der Geruch von Politur und kaltem Rauch hing in allem, was geblieben war, und ich berührte nichts mehr, weil es nichts mehr zu berühren gab.

Tasche. Schlüssel. Jacke.

Ich machte die Tür zu.

Das Schloss klickte. Dahinter tickten die Uhren weiter, gedämpft jetzt, durch das Holz, und dann nur noch die Stille des Treppenhauses und mein eigener Atem und das Knarren der Stufen unter meinen Schuhen.

Auf dem Weg nach unten blieb ich stehen.

An der Treppenwand, hoch oben, wo man den Kopf in den Nacken legen muss, hing ein Gemälde in einem hellen Holzrahmen. Ein Clown. Weißes Gesicht, rote Nase. Dunkle Augen, die nach unten schauten. Graublaue Haare unter einem kleinen Hut. Die Farben waren gedämpft – Lila, Grau, Olivgrün – als hätte jemand die Welt leiser gemalt.

Er weinte.

Aber er stand noch.

Ich stand im Treppenhaus, die Hand am Holzgeländer, und sah zu ihm hoch. Hinter der geschlossenen Tür tickten die Uhren. Auf dem Schreibtisch lag der Codex. An der Wand hing die Frage. Und die Antwort war geschrieben, in blauer Tinte, auf dem Papier meines Großvaters, mit seinem Stift, an seinem Tisch.

Sie musste jetzt gelebt werden.

Ich ging die Treppe hinunter und trat auf die Straße. Draußen war es hell über Roxel.

Das Wandbild

Von Maurice Ressel · Kapitel 8 von 8 · 14 Minuten Lesezeit

Die Uhren tickten.

Nicht synchron, jede in ihrem eigenen Rhythmus, versetzt, ein leises Klappern, das die ganze Wohnung füllte wie ein Flüstern aus vielen Mündern gleichzeitig. Kuckucksuhren, Wanduhren, Standuhren, acht oder zehn oder mehr, und zusammen ergaben sie einen Chor, der weiterzählte, obwohl sein Dirigent gegangen war. Mein Großvater zog sie alle auf. Bis zuletzt.

Er war drei Wochen tot.

Amadeus stand hinter mir im Flur, die Autoschlüssel noch in der Hand. Wir hatten nicht viel gesagt auf der Fahrt von Münster raus nach Roxel, weil es nichts zu sagen gab, was nicht schon in der Stille zwischen uns lag. Meine Mutter hatte angerufen, kurz, wie immer: Opa hat dir was hinterlassen. Komm vorbei, räum die Wohnung aus. Und dann aufgelegt, bevor ich fragen konnte, was.

Pinas Allee 45, erster Stock. Das rote Backsteinhaus mit dem Efeu an der Fassade, die ausgetretenen Steinstufen im Treppenhaus, der Geruch, der mich traf, noch bevor ich die Tür ganz aufhatte. Abgestandene Luft, die seit Wochen nicht bewegt worden war, und darunter das Vertraute: alte Bücher, Papier und Leder, das sich in die Regale gefressen hatte, in die Seiten, in die Fasern des Teppichbodens. Möbelpolitur. Und noch etwas, schwächer, aber da, in den Sofakissen, in den Gardinen, im Stoff des Chesterfield-Sofas, auf dem meine Oma immer gesessen und ferngesehen hatte: kalter Zigarettenrauch.

Ihr Geruch – sie war anderthalb Monate vor ihm gegangen, und nichts war geblieben außer diesem Rauch in den Kissen.

Auf dem Tisch neben dem Sofa lag noch ihr rosa Zigarettenetui mit den Blumen darauf und das schwarze Feuerzeug daneben, als hätte sie gerade den Raum verlassen. Sie sagte immer, das Rauchen sei das Einzige, was sie noch habe. Das solle man ihr nicht nehmen.

Die Uhren tickten weiter.

Ich kannte jeden Zentimeter dieser Wohnung, hatte hier mein halbes Leben verbracht, erst als Kind, dann als Jugendlicher, wenn es zu Hause nicht mehr ging und ich irgendwohin musste, wo jemand da war, der nicht schrie und nicht schlug und nicht verschwand. Dann als Erwachsener, der seinen Großvater besuchte und mit ihm auf der Parkbank saß und nichts sagte, weil mit Opa nichts gesagt werden musste.

Amadeus ging nach rechts, Richtung Küche, und ich ging geradeaus, durch den Flur, zum ehemaligen Esszimmer. Dort hatte meine Oma ihre Puppen gehabt, tausend Stück, Porzellan und Stoff und Teddybären, in Regalen vom Boden bis zur Decke, und mittendrin eine lebensgroße Schaufensterpuppe im weißen Brautkleid, vor der ich mich als Kind jedes Mal gefürchtet hatte.

Das Zimmer war leer.

Keine Puppen. Kein Brautkleid. Keine Regale. Nur nackte Wände und der Abdruck der Möbel auf dem Teppichboden, helle Rechtecke, wo die Regale gestanden hatten. Mein Großvater räumte alles aus, in den anderthalb Monaten, die er allein gewesen war. Er sagte, er müsse es tun, sonst könne er nicht weiterleben. Und dann hatte er es getan. Und dann war er gestorben.

An der rechten Wand hing etwas. Meine Schritte stoppten, bevor ich verstand, warum.

Fotos. Hunderte. An die Wand gepinnt mit Stecknadeln, in Kreisen angeordnet, eines neben dem anderen, übereinander, wie ein riesiges Mandala. Schwarz-Weiß-Aufnahmen und Farbfotos, alte und neue, große und kleine, mein Großvater als junger Mann, meine Oma mit rotbraunen Haaren, ich als Kind, Miri und ich mit dem Baby, Freunde, die ich nicht kannte, Familie, längst vergessene. Hunderte Gesichter, Hunderte Momente, die er gesammelt und an diese Wand gepinnt hatte, als wäre das seine Antwort auf das leere Zimmer.

In der Mitte hing ein Zeitungsartikel. WESTFALEN-Zeitung, 2013. Mein Bild. Mein Name. Mein erstes Afghanistan. Ein Journalist fragte mich damals, warum ich das mache, warum ich in Krisengebiete fahre, mit der Kamera, allein. Ich sagte: Weil ich einen Sinn suche.

Die Überschrift lautete:

WOZU HAST DU GELEBT?

Mein Großvater hatte diese sechs Worte in die Mitte seiner Wand gepinnt. Hatte seine Familie drumherum gehängt. Hatte das leere Puppenzimmer seiner toten Frau genommen und diese Frage hineingestellt, mit Stecknadeln und Hunderten von Fotos und einem Zeitungsartikel seines Enkels.

Er hatte geantwortet. Die Bilder waren seine Antwort. Familie. Das, was bleibt, wenn alles andere geht.

Jetzt war ich dran.

Die Uhren tickten. Amadeus war irgendwo hinter mir, ich hörte seine Schritte in einem anderen Raum, gedämpft durch die geschlossene Tür. Er kam nicht. Er gab mir Raum.

Die Frage hing an der Wand und wartete.

· · ·

Wozu hast du gelebt?

Meine Knie gaben nach.

Ich kippte nach vorn, und der Boden traf meine Kniescheiben, hart, und der Schmerz war kurz und scharf – dann war er weg, weil alles andere lauter wurde.

Ich weinte.

Es kam aus dem Magen, aus der Brust, aus einem Ort, den ich fünfzehn Jahre lang zugehalten hatte, weil man nicht weint, wo Kugeln fliegen, und nicht weint, wo die Kamera laufen muss, und nicht weint, weil Weinen nichts ändert. Es kam trotzdem. Laut. Unkontrolliert. Ich kniete vor dem Wandbild meines Großvaters, und die Fotos verschwammen, die Hunderte Gesichter, sein Gesicht, ihr Gesicht, mein Gesicht, und in der Mitte die sechs Worte, die ich nicht mehr lesen konnte, weil ich nichts mehr sehen konnte.

Die Uhren tickten. Sie hörten nicht auf.

Ich presste die Stirn auf den Boden. Der Boden war kalt und roch nach Politur und den Jahrzehnten, die über ihn gelaufen waren. Amadeus war hinter der geschlossenen Tür. Er hat mich noch nie so weinen hören. Er kam nicht rein. Er ließ mich.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort lag. Irgendwann kam der Atem zurück, flach zuerst, dann tiefer, und mit dem Atem kam etwas anderes – etwas Heißes, Drängendes, das von innen gegen die Rippen drückte. Ein unbändiger Wunsch, zu antworten. Nicht zu verstehen. Nicht zu trauern. Zu antworten.

Aber ich wusste nicht wie.

Ich stand auf. Die Knie brannten. Ich wischte mir das Gesicht mit dem Ärmel ab, und der Ärmel war nass, und ich wischte weiter, bis nichts mehr kam. Dann öffnete ich die Tür zum Flur. Amadeus stand in der Küche, die Hände auf der Arbeitsplatte, und sah mich an. Ich sah ihn an. Keiner von uns sagte etwas. Dann fingen wir an zu arbeiten.

Wir räumten drei Tage.

Amadeus und ich fuhren mit dem Auto durch Münster, den Kofferraum voller Bücher, Kiste für Kiste, tausend Stück oder mehr. Wir brachten sie zu den öffentlichen Tauschregalen in der Stadt – dieselben Regale, an denen mein Großvater selbst immer stehengeblieben war, um zu schauen, was die Leute hineingestellt hatten, und manchmal etwas mitzunehmen und manchmal etwas hinzustellen. Jetzt stellten wir seine Bücher hinein, das Riemann-Musiklexikon, Gimbutas’ Die Sprache der Göttin, ein Kräuterbuch von 1577, und jedes Buch, das ich in die Hand nahm, roch nach ihm, nach Papier und Leder und den Jahren, die er damit verbracht hatte, es zu lesen.

Die Kisten waren schwer. Mein Rücken schmerzte am zweiten Tag, und meine Hände rochen nach altem Papier und Staub, und der Geruch ging nicht weg. Wir trugen Kisten die Treppe hinunter und luden sie ins Auto und fuhren los und kamen zurück und trugen die nächsten. Wir sortierten. Amadeus nahm Sachen mit. Ich nahm Sachen mit. Wir redeten, wer was bekommt, und verbrachten Stunden in den Zimmern, gingen Schubladen durch, Dokumente, Fotos, die nicht an der Wand hingen, und hielten Dinge in den Händen und sagten nichts und legten sie in Kisten. Mit jeder Stunde wurde die Wohnung leerer und das Ticken der Uhren lauter, weil die Bücher und die Möbel nicht mehr da waren, die den Klang geschluckt hatten.

Die Frage an der Wand hatte nichts mehr, das sie überdeckte.

Abends fuhr ich zu meinem Bruder und schlief dort. Morgens kamen wir zurück nach Roxel. Die Regale leer. Die Schubladen leer. Die Wände mit hellen Rechtecken, wo Bilder gehangen hatten, die jetzt in Kisten lagen. Nur das Wandbild hing noch. Und die Uhren. Und der Geruch, der sich nicht ausräumen ließ.

Am dritten Abend lag ich auf Amadeus’ Couch und starrte an die Decke und wusste es. So klar wie ein Druck hinter der Stirn, so deutlich wie der Geruch von Politur und kaltem Rauch, der noch in meiner Kleidung hing.

Ich musste allein zurück.

· · ·

Die letzte Nacht allein

Am letzten Tag blieb ich allein.

Amadeus fuhr am Nachmittag, und als die Haustür hinter ihm ins Schloss fiel, änderte sich die Wohnung. Das Ticken blieb dasselbe, aber die Stille dazwischen wurde größer, weil die kleinen Laute eines zweiten Menschen fehlten – sein Räuspern, seine Schritte auf dem Teppich, sein Atem im Nebenzimmer. Was blieb, waren die Uhren und ich.

Ich ging in den Keller und holte das letzte Essen aus der Kühltruhe meiner Oma. Es war das Letzte, was sie zubereitet hatte, und ich aß es allein in der Küche, am Tisch, und es schmeckte kalt und nach etwas, das nicht mehr wiederkommen würde. Ich aß alles auf, weil es das Letzte war. Dann wusch ich den Teller und stellte ihn in den leeren Schrank, und das Geräusch von Porzellan auf Holz war lauter, als es hätte sein sollen.

Ich ging ins Wohnzimmer. Das rosa Zigarettenetui meiner Oma lag noch auf dem goldenen Deckchen, neben dem Glas-Aschenbecher und dem schwarzen Feuerzeug, und ich setzte mich auf den Boden, weil es keinen Stuhl mehr gab, und nahm eine Zigarette heraus und zündete sie an. Ich hatte kein Licht gemacht. Der Rauch stieg in der Dunkelheit nach oben, warm diesmal, nicht kalt wie der Geruch in den Kissen, und die Glut leuchtete orange, und ich saß da und rauchte die Zigarette meiner toten Großmutter und hörte den Uhren zu.

Meine Oma hat sich mit den eigenen Gedanken umgebracht.

Das wusste ich seit Jahren. Du kannst dich mit deinen eigenen Gedanken ins Universum heben oder in die Hölle bringen, und sie war in die Hölle gegangen, langsam, über Jahre, und am Ende war das Rauchen das Einzige gewesen, was ihr geblieben war, und sie hatte gesagt, das solle man ihr nicht nehmen. Jetzt rauchte ich ihre Zigarette in ihrer leeren Wohnung und drückte die Glut im Aschenbecher aus und blieb sitzen im Dunkeln, und die Uhren tickten weiter.

Ich ging ins Zimmer meines Großvaters und legte mich auf den Boden. Keine Matratze, kein Bett, nur der Boden unter meinem Rücken und eine Decke, die ich in einem Schrank gefunden hatte. Ich habe auf Steinböden geschlafen in meinem Leben, auf Sand, auf Lehm, auf Erde, die nach Regen roch, und dieser Teppichboden in Roxel war keiner, der mich hätte wach halten können.

Aber ich schlief nicht.

Mein Kopf war vernebelt und schwer, die Gedanken kamen und gingen ohne Ordnung, die Nacht dehnte sich und wurde lang und wurde länger. Aber eine Sache war klar – so klar wie das Ticken in den leeren Zimmern, so deutlich wie der Rauch, der noch in meinen Fingern hing.

Die Frage war nie an meinen Großvater gerichtet gewesen.

Er hatte sie nicht gestellt. Er hatte sie beantwortet – mit Stecknadeln und Fotos und dem Leben, das er gelebt hatte. Die Frage hing dort für den, der nach ihm kam.

WOZU HAST DU GELEBT?

Ich lag auf dem Boden, und der Boden drückte gegen meine Schulterblätter, und die Uhren tickten, und die Frage stand im Zimmer nebenan an der Wand und verlangte eine Antwort, die man nicht aufsagt, sondern die man lebt. Jeden Tag. Bis es einen nicht mehr gibt.

Ich konnte schweigen. Die Tür morgen zuziehen und nach Hause fahren und die Frage dort lassen, wo sie hing, in einem Zimmer, das bald jemand anderem gehören würde. Die sechs Worte als Erinnerung behalten – ein Zeitungsartikel, Stecknadeln, Papier.

Oder ich konnte antworten.

Die Uhren tickten. Irgendwann wurde es heller hinter den Gardinen. Ich hatte nicht geschlafen. Mein Rücken war steif, und meine Augen brannten, und draußen wurde es langsam Tag über Roxel.

Ich wusste, was ich tun würde.

Im Zimmer nebenan stand der Schreibtisch meines Großvaters. Sein Papier. Seine Stifte in den Messingbechern. Der Notenständer mit Prelude von Johann Nikolaus Fischer. Kein Millimeter, der nicht mit etwas zugestellt war.

Aber Platz genug, um zu schreiben.

· · ·

Der Codex und der weinende Clown

Ich setzte mich an seinen Schreibtisch.

Der Stuhl war zu niedrig, oder der Tisch zu hoch, und meine Knie stießen gegen die Platte von unten. Das Clavichord stand links an der Wand, die Kassetten in ihren Reihen daneben, hunderte, beschriftet in seiner Handschrift. Neben dem Notenständer stand der fischförmige Stifthalter aus Messing, und daneben die Becher mit seinen Stiften, und ich nahm einen heraus – blauer Kugelschreiber, die Mine kam sofort – und zog ein Blatt Papier unter einem Stapel hervor.

Mein Kopf war vernebelt. Seit Tagen. Der Nebel, der nach dem Weinen gekommen war und nach der schlaflosen Nacht nicht gegangen war, lag über allem, über den Gedanken, über der Sprache, über der Fähigkeit, einen Satz zu Ende zu denken.

Aber meine Hand bewegte sich.

Ich schrieb. Nicht weil ich wusste, was. Sondern weil die Hand sich bewegte und der Stift über das Papier ging und die Worte kamen, eines nach dem anderen, wie ein Protokoll, das sich selbst diktiert.

Das Erste, was ich schrieb: Kümmere dich um deine Familie.

Es stand da, bevor ich darüber nachgedacht hatte. Vier Worte. Im Fenster stand das Modell-Segelschiff meines Großvaters, und das Morgenlicht kam durch die Gardine und durch die Segel und warf ein Muster auf die Tischplatte, und an der Wand hinter mir hing die Frage, und die Frage hatte gewartet, und jetzt schrieb ich.

Die Punkte kamen. Über Gesundheit und darüber, mobil zu bleiben. Über das, was vergessen wurde, und wie man es in die Herzen der Menschen trägt. Über Ideen. Über das Lebendige, das man ehrt und nur nimmt, wenn man es braucht. Über Liebe. Über Bauchgefühl und wohin es einen führt, wenn man ihm folgt.

Die Uhren tickten in den anderen Zimmern, durch die offene Tür hörte ich sie – diesen Chor aus Zählern und Zeigerwerken, der weitermachte, obwohl niemand mehr da war, für den er die Zeit maß. Irgendwann würden sie stehen bleiben, eine nach der anderen, und niemand würde sie wieder aufziehen. Ich schrieb: Du hast nur wenig Zeit auf dieser Erde. Vergeude sie nicht mit Dingen, die du nicht machen willst.

Über Verantwortung für die Menschen, die einem anvertraut sind. Über die Natur – das Jagen, das Fischen, das Wissen, das draußen liegt und das man ehren muss.

Dann der letzte Satz, den ich auf das Papier setzte, bevor ich den Stift auf die Tischplatte legte:

Vergiss nicht, woher du kommst. Sei dankbar, bescheiden und bodenständig – denn die einfachsten Dinge halten am längsten.

Zwölf Punkte. Ein Blatt Papier, blauer Kugelschreiber, die Handschrift eines Mannes, der seit Tagen nicht richtig geschlafen hatte.

Ich wusste nicht, dass das, was dort auf dem Papier lag, Jahre später an der Wand einer Wildnisschule hängen würde. Dass Menschen, die ich noch nicht kannte, danach fragen würden. Ich saß in einer leeren Wohnung in Roxel, die in wenigen Wochen jemand anderem gehören würde, und schrieb mit dem Stift meines Großvaters auf seinem Papier, und ich nannte es den Codex Kliemert, nach seinem Familiennamen, weil alles, was dort stand, aus dem kam, was er mir beigebracht hatte – nicht durch Worte, sondern durch die Art, wie er gelebt hatte.

Sinn ist keine Theorie, die man sich ausdenkt. Sinn ist eine Antwort, die man lebt. Und die Menschen, die einen umgeben, sind das, was am Ende wirklich bleibt. Mein Großvater hatte das nie gesagt. Er hatte es getan – mit Stecknadeln und Fotos und einem leeren Puppenzimmer und einer Frage in der Mitte.

Ich legte das Blatt auf den Schreibtisch, neben den fischförmigen Stifthalter, neben das Notenblatt auf dem Notenständer, neben die hundert Dinge, die er dort hingestellt hatte und die jetzt stehen bleiben würden, weil niemand mehr käme, der sie verrückte. Dann stand ich auf. Die Knie waren steif. Der Rücken brannte, dort, wo der Boden die ganze Nacht gegen meine Schulterblätter gedrückt hatte.

Ich ging durch die Wohnung. Zimmer für Zimmer. Die leeren Regale. Die hellen Rechtecke an den Wänden. Das Wandbild im ehemaligen Esszimmer – die Fotos, die Stecknadeln, die sechs Worte in der Mitte, die ich jetzt nicht mehr ansehen musste, weil die Antwort auf dem Schreibtisch lag. Die Uhren tickten. Der Geruch von Politur und kaltem Rauch hing in allem, was geblieben war, und ich berührte nichts mehr, weil es nichts mehr zu berühren gab.

Tasche. Schlüssel. Jacke.

Ich machte die Tür zu.

Das Schloss klickte. Dahinter tickten die Uhren weiter, gedämpft jetzt, durch das Holz, und dann nur noch die Stille des Treppenhauses und mein eigener Atem und das Knarren der Stufen unter meinen Schuhen.

Auf dem Weg nach unten blieb ich stehen.

An der Treppenwand, hoch oben, wo man den Kopf in den Nacken legen muss, hing ein Gemälde in einem hellen Holzrahmen. Ein Clown. Weißes Gesicht, rote Nase. Dunkle Augen, die nach unten schauten. Graublaue Haare unter einem kleinen Hut. Die Farben waren gedämpft – Lila, Grau, Olivgrün – als hätte jemand die Welt leiser gemalt.

Er weinte.

Aber er stand noch.

Ich stand im Treppenhaus, die Hand am Holzgeländer, und sah zu ihm hoch. Hinter der geschlossenen Tür tickten die Uhren. Auf dem Schreibtisch lag der Codex. An der Wand hing die Frage. Und die Antwort war geschrieben, in blauer Tinte, auf dem Papier meines Großvaters, mit seinem Stift, an seinem Tisch.

Sie musste jetzt gelebt werden.

Ich ging die Treppe hinunter und trat auf die Straße. Draußen war es hell über Roxel.

Maurice Ressel, Survival-Experte und Gründer der Wildnisschule Lupus

Maurice Ressel

Survival-Experte · Kriegs- & Krisenfotojournalist · Autor

25 Jahre Survival-Praxis. 15 Jahre als Kriegs- und Krisenfotojournalist in 22 Krisenländern, mit Einsätzen für Ärzte ohne Grenzen, UNICEF und Cap Anamur. IPA Award 2017. Gründer der Wildnisschule Lupus in der Schorfheide.