Dokumentierte Munitionshülsen in einem Krisengebiet — Maurice Ressel, 15 Jahre als Krisenfotojournalist

Meine Geschichte

 

Epilog

Von Maurice Ressel · Epilog · 4 Minuten Lesezeit · Beginne bei Kapitel 1 →

Sonntagmorgen.

Ich stehe am Fenster und halte eine Kaffeetasse, die längst kalt geworden ist. Der Geruch ist verflogen. Was bleibt, ist das Gewicht der Tasse in meiner Hand und das Licht, das schräg durch die Scheibe fällt und ein Viereck auf den Dielenboden zeichnet, weil die Sonne noch tief steht über den Kiefern.

Draußen spielen Fjäll und Ava im Garten. Fjäll rennt barfuß durch das nasse Gras, die Knie braun vom Klettern, und Ava rennt hinterher, die Arme weit, als könnte sie fliegen, und das Lachen kommt gedämpft durch die Scheibe wie etwas, das von weit her zurückkehrt. Er lässt sich fangen, sie kreischt.

Irgendwo läuten Glocken, Kirchenglocken, der Sonntagsklang, der jede Woche durch das Glas vibriert, bevor ich ihn bewusst höre. Ein gewöhnlicher Klang, ein gewöhnlicher Morgen. Auf dem Rasen picken zwei Türkentauben an den Körnern, die Miri hingestreut hat, graubraunes Gefieder, der schwarze Halbmond im Nacken, die Köpfe leicht geneigt, still.

Mein Blick geht nach links, automatisch.

Silberner Kombi, zu schnell für eine Wohnstraße. Bremsweg bei dieser Geschwindigkeit etwa zwölf Meter. Die Kinder spielen acht Meter vom Zaun. Kein Tor. Es ist kein Gedanke – es ist ein Impuls im Körper, eine Kontraktion in der Brust, die Schultern heben sich und der Griff um die Tasse wird fester, bevor ich weiß warum. Der Hund am Grundstück gegenüber. Schäferhund-Mischling, kein Halsband, Kopf gesenkt. Der Mann auf dem Gehweg. Hände in den Jackentaschen. Nicht sichtbar.

Drei potenzielle Bedrohungen, klassifiziert, bevor die Glocken den zweiten Schlag beendet haben.

Ich atme. Und lenke den Blick zurück.

Fjäll wirft den Kopf in den Nacken und kneift die Augen zusammen, als wäre das Lachen zu groß für sein Gesicht. Ava fällt hin. Knie auf Erde, Hände aufgestützt. Sie schaut zu mir hoch. Sieht, dass ich sie sehe. Steht auf. Rennt weiter.

Hinter mir öffnet sich die Tür, und ich höre Schritte auf den Dielen, barfuß und leicht, und Miri kommt ins Zimmer, ohne etwas zu sagen, und geht ans Fenster, wo ich stehe, und bleibt neben mir stehen. Sie stellt eine frische Tasse neben die kalte auf die Fensterbank, und einen Moment lang stehen sie nebeneinander, die warme und die kalte, dampfend und still. Dann legt sie mir die Hand auf den Unterarm. Kurz. Ohne Druck. Ihre Finger sind warm.

Draußen ruft Ava etwas, und Fjäll antwortet, und die Glocken verklingen.

Sie schaut nicht, was ich sehe. Sie fragt nicht, woran ich denke.

Sie geht. Flur. Küche. Der Wasserhahn.

Draußen fährt der Kombi vorbei, wird langsamer an der Kurve, verschwindet. Der Hund legt sich hin, die Schnauze auf den Pfoten. Der Mann geht weiter – Hände sichtbar jetzt, Einkaufstüte, Brötchen.

Der Blick bleibt, aber ich wähle jetzt, wo er ruht.

· · ·

Der Kanal

Manchmal, nachts, kommt noch der Kanal.

Die Stufen. Das Wasser. Die Frage, die keine Antwort hatte und keine braucht, weil ich sie mit dem Aufstehen beantwortet habe, damals, in jener Nacht am Wasser, und sie seitdem jeden Morgen neu beantworte, wenn ich die Augen öffne und noch da bin. Nicht mit Worten. Mit dem Hierbleiben.

Es kommt ohne Warnung. Ich liege neben Miri, ihr Atem gleichmäßig, ihr Rücken warm gegen meinen Arm, und die Nacht ist still, und dann bin ich am Kanal. Der Stein unter meinen Händen, das Licht auf dem Wasser. Und die Stimme, die sagt: Spring. Nicht laut. Leise. Wie etwas, das man schon so oft gehört hat, dass es beinahe vertraut klingt.

Mein Herz schlägt gegen die Matratze. Ich greife nach dem Laken. Miris Atem hat sich nicht verändert. Sie schläft weiter, und ich liege neben ihr und warte, bis der Stein verschwindet und das Wasser aufhört zu glänzen, und manchmal dauert es nur den Raum zwischen zwei Atemzügen.

Ich stehe dann auf. Die Dielen sind kalt unter meinen Füßen. Gehe in die Küche. Trinke ein Glas Wasser. Das Glas ist kalt, und ich halte es mit beiden Händen, wie man etwas hält, das man braucht. Stehe am Fenster und schaue in den Garten, der im Dunkeln nur Umrisse hat – der Zaun, die Schaukel, der Sandhaufen, den Fjäll gestern aufgetürmt hat und der morgen wieder flach sein wird.

· · ·

Das Echo

Im Garten kippt etwas um. Ava schreit, Fjäll schreit zurück.

Miri kommt aus der Küche, die Augenbrauen hoch, und ruft etwas zu den Kindern, das ich durch die Scheibe nicht verstehe. Fjäll rennt rein, die Hose nass, Gras an den Knien, und Ava hinterher, das Gesicht rot, die Hände an den Seiten, und sie reden gleichzeitig und keiner hört zu.

Miri verdreht die Augen.

Sie sagt etwas zu Fjäll, dann zu Ava, dann wieder zu Fjäll, und dreht sich um, Richtung Küche. Der Wasserkocher klickt. Auf der Fensterbank stehen zwei Tassen nebeneinander, beide kalt, die frische, die Miri gebracht hat, und die andere, die schon vorher da war. Ich habe von keiner getrunken. An meinem Unterarm, wo ihre Hand lag, ist die Stelle noch warm.

So sieht ein Sonntagmorgen aus, wenn man geblieben ist.

Kein Triumph. Kein Moment, in dem alles klar wird. Nur kalter Kaffee und streitende Kinder und eine Frau, die die Augen verdreht, und ein Mann am Fenster, der den Garten sieht und den Zaun und die Schaukel und manchmal, für einen Atemzug, die Stufen.

Die Glocken läuten noch immer. Manchmal höre ich sie.

Maurice Ressel, Survival-Experte und Gründer der Wildnisschule Lupus

Maurice Ressel

Survival-Experte · Kriegs- & Krisenfotojournalist · Autor

25 Jahre Survival-Praxis. 15 Jahre als Kriegs- und Krisenfotojournalist in 22 Krisenländern, mit Einsätzen für Ärzte ohne Grenzen, UNICEF und Cap Anamur. IPA Award 2017. Gründer der Wildnisschule Lupus in der Schorfheide.