Dokumentierte Munitionshülsen in einem Krisengebiet — Maurice Ressel, 15 Jahre als Krisenfotojournalist

Meine Geschichte

 

Die Glocken
Münster, 2001

Von Maurice Ressel · Kapitel 1 von 8 · 12 Minuten Lesezeit

Der Schlüssel steckte schon im Schloss, als ich die Glocken hörte.

Münster, September 2001. Sonntagmorgen. Die Hammerstraße lag still. Der Geruch von nassem Stein hing im Eingang. Die Nacht klebte in meiner Kleidung – Techno, Rauch, Schweiß, irgendein Keller in der Innenstadt, vierundzwanzig Stunden her oder länger.

Nachkriegsbau, fünfziger Jahre. Im Eingang schwarze Kacheln, daneben das Schaufenster, mit Pappe verklebt. Ein goldener Türknauf, der nicht zu dieser Fassade passte, aber da hing, als hätte ihn jemand bei einem Umzug vergessen. Dahinter der Hausflur, stockdunkel. Der Geruch von altem Teppich und kaltem Zigarettenrauch, der sich in die Wände gefressen hatte und nie wieder rausgehen würde.

Meine Hand lag am Schlüssel. Das Metall war kalt, obwohl ich ihn seit Minuten hielt. Mein Körper wärmte nichts mehr. Die Augen brannten von einer Nacht ohne Schlaf, und die Beine trugen mich nur noch, weil Beine das tun – weil sie sich bewegen, auch wenn der Kopf leer ist und alles, was noch funktioniert, ein Reflex ist, der keinen Namen hat.

Anfang zwanzig. Am Ende.

Ich hatte alles verloren. Wirklich alles verloren – die Ausbildung, die Freunde, die Wohnung bei meiner Mutter, den letzten Rest von etwas, das man einen Plan hätte nennen können. Seit Wochen kein richtiger Schlaf. Partynächte, Ritalin, Alkohol, Computerspiele bis der Bildschirm schwamm. Kein Freund mehr, kein Mensch, den ich hätte anrufen können. Ich dachte, ich löse mich körperlich auf. Nicht als Bild – als Zustand, als wäre die Haut zu dünn geworden und die Knochen zu leicht, als könnte ein Windhauch mich vom Bürgersteig wehen. Der Magen war leer, seit ich nicht mehr wusste wann, und der Mund trocken, und ich stand vor dieser Haustür wie jemand, der vergessen hat, warum er hier ist.

Die Augen registrierten. Schwarze Kacheln. Goldener Knauf. Pappe im Fenster.

Der Plan war einfach, und er war der einzige Gedanke, den mein Kopf noch greifen konnte: Schlüssel drehen, Tür, Treppe, Bett. Nicht morgen. Nicht nächste Woche. Jetzt sofort das Schloss aufschließen und die Treppe hochsteigen und in dieses Bett fallen und nicht mehr aufstehen. Schlüssel, Tür, Treppe, Bett.

Dann die Glocken.

Sie kamen von hinten.

Die kleine Kirche hinter dem Haus. Von meinem Zimmer aus konnte ich hinübersehen, aber ich war dort noch nie drin gewesen, und ich wusste nicht einmal, welche Gemeinde das war. Ich hatte die Glocken hundertmal gehört, beim Einschlafen, beim Aufwachen, als Hintergrundgeräusch zu den Bildschirmen und den Beats. Aber so hatte ich sie noch nie gehört. Das Geläut traf mich im Brustkorb, bevor es den Kopf erreichte – ein tiefes, schweres Schwingen, das durch den Beton der Hammerstraße vibrierte, durch die schwarzen Kacheln im Eingang, durch meine Schuhsohlen in die Füße und von den Füßen aufwärts in die Brust, wo es sich festsetzte und nicht mehr losließ.

Meine Hand bewegte sich nicht mehr. Der Schlüssel steckte im Schloss, halb gedreht, und die Finger lagen da, als gehörten sie zu jemand anderem. Ich stand vor einer Tür, die ich nicht aufschloss, und ich wusste nicht warum. Keine Entscheidung. Keine Stimme, die sagte: Geh in die Kirche. Kein Gedanke, der einen Namen hatte. Nur die Glocken, die nicht aufhörten, und eine Hand, die aufgehört hatte sich zu bewegen.

Der Schlüssel glitt zurück in die Tasche.

Ich drehte mich um. Die Kirche lag im Morgenlicht – klein, Backsteinmauern, ein Baum davor, die Blätter noch dicht und grün. Fünfzehn Grad vielleicht, die Luft roch nach feuchter Erde und nach einem Sommer, der bald vorbei sein würde. Die Sonne lag auf dem Backstein, aber sie wärmte nichts in mir, und der Baum stand da, als ginge ihn das alles nichts an. Meine Beine bewegten sich. Meine Hände steckten in den Jackentaschen, der Schlüssel lag kalt neben meinen Fingern.

Ich ging los.

· · ·

Die Kirche

Die Kirchentür war schwerer, als ich erwartet hatte. Altes Holz, dunkel gebeizt, Eisenbeschläge. Die Klinke ging nach unten, ein kurzer Widerstand, dann gab sie nach.

Kühlere Luft dahinter. Feucht und still.

Ein Geruch, den ich nicht kannte – altes Holz und Buchbinderleim und etwas Wächsernes, Kerzen vielleicht. Darunter der Stein, kühl und alt, als hätte dieser Raum seinen eigenen Atem.

Kein Weihrauch. Evangelische Kirche.

Ich blieb im Eingang stehen. Der Raum vor mir war klein, viel kleiner als ich gedacht hatte. Zwanzig Bänke, zehn auf jeder Seite, ein schmaler Mittelgang dazwischen, vorne ein schlichter Altar und darüber ein Kreuz an der Wand, das im Morgenlicht schimmerte.

Buntglasfenster links und rechts, und das Licht fiel schräg durch sie hindurch und warf Farbflecken auf den Steinboden – Rot, Blau, Gold –, und die Flecken bewegten sich nicht, und die Luft bewegte sich nicht, und nur der Staub trieb langsam durch die farbigen Lichtbahnen, als hätte jemand die Zeit angehalten und vergessen, sie wieder loszulassen.

Fünfzehn oder zwanzig Menschen in den vorderen Reihen. Dunkle Kleidung, Köpfe geneigt.

Niemand drehte sich um. Niemand sah mich an.

Ich stand in der Tür einer Kirche, in der ich noch nie gewesen war. Die kühle Luft zog an mir vorbei nach draußen, und niemand bemerkte es. Die Partynacht, der Schweiß, die Kleidung, die noch nach Rauch und Keller roch – hier spielte das keine Rolle. Hier roch alles nach Holz.

Ich setzte mich in die letzte Reihe. Ganz am Rand, neben dem Gang, dort wo man aufstehen und gehen kann, ohne an jemandem vorbeizumüssen.

Die Kirchenbank war hart unter mir, kalt durch die Jeans. Der Rücken wurde gerade, weil die Lehne gerade war.

Die Hände auf den Knien. Die Knie still. Der ganze Körper still, zum ersten Mal seit ich nicht mehr wusste wann.

Das Holz nahm mich auf.

Von hier aus konnte ich alles sehen, ohne gesehen zu werden. Die Köpfe der Menschen, die Schultern, die Hände auf den Gesangbüchern, den Pfarrer vorne, der sprach.

Seine Stimme kam und ging. Sie wurde weich an den Wänden und löste sich auf, bevor sie mich erreichte. Ich verstand die Worte nicht. Nur den Klang.

Der Klang war gleichmäßig und ruhig und wollte nichts von mir. Das war mehr, als irgendjemand seit Wochen von mir gewollt hatte – nichts.

Die Gedanken waren weg. Einfach weg.

Ich wusste nicht, wann es passiert war. Ob beim Hinsetzen oder vorher, beim Eintreten. Ob es die Tür gewesen war oder die Luft oder der Geruch von altem Holz.

Aber die Gedanken, die seit Wochen nicht aufgehört hatten – das Kreisen, das Rasen, die Schleifen, die immer wieder an denselben Stellen vorbeiführten –, die waren weg. Nicht leiser geworden. Nicht in den Hintergrund getreten. Weg, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, und wo vorher Lärm gewesen war, war jetzt Stille, und die Stille war nicht leer, sie war erträglich, sie war etwas, in dem man sitzen konnte, ohne dass es wehtat.

Weinen konnte ich nicht mehr. Zu müde dafür. Zu leer.

Aber das war in Ordnung. Die Leere hier war eine andere als die Leere draußen auf der Hammerstraße. Hier war sie ein Raum, in dem nichts von mir verlangt wurde, nicht einmal Trauer.

Ich saß auf dieser harten Bank und atmete, und das Atmen war leicht, und die Luft roch nach Holz und Wachs, und das Licht auf dem Steinboden bewegte sich nicht.

Die Menschen vor mir standen auf, setzten sich wieder hin, standen auf. Eine Zeremonie, die ich nicht verstand und nicht verstehen musste.

Die Hände lagen immer noch auf den Knien, und die Schultern waren tiefer als vorhin, als hätte der Raum das Gewicht aus ihnen herausgezogen.

Dann ein Geräusch. Ein kurzer Schrei, hoch und dünn, der Schrei eines Säuglings.

Sofort wieder still.

Aber etwas hatte sich verändert vorne am Altar, und die Stille danach war eine andere als die Stille davor. Menschen traten zur Seite. Dort, wo eben noch der Pfarrer allein gestanden hatte, bewegten sich jetzt Gestalten.

Ich beugte mich vor. Nicht viel, nur ein paar Zentimeter, gerade genug, um zwischen den Köpfen hindurchsehen zu können.

· · ·

Die Taufe

Vorne am Altar bewegten sich Menschen. Ein weißes Bündel in den Armen einer Frau, die ich nicht kannte. Daneben der Pfarrer, die Hände über einer Schale mit Wasser, und als er sprach, hallten die Worte durch den kleinen Raum. Er sprach sie dreimal, und dreimal nahm er Wasser aus der Schale und ließ es über den Kopf des Kindes laufen. Das Kind schrie nicht. Die Gemeinde war still. Das Wasser tropfte von der Stirn des Kindes in die Schale zurück. Der Pfarrer sprach weiter, und alles an diesem Moment war so alt und so sicher, als hätte es nie aufgehört.

So fängt das Leben an.

Der Gedanke war da, bevor ich ihn dachte. Mit Wasser. Mit einem Namen. Mit Menschen, die zusehen. Da vorne stand jemand, der gerade erst angefangen hatte, und um ihn herum standen Menschen, die ihn hielten, und das Wasser lief über seine Stirn, und alles war Anfang.

Und ich saß in der letzten Reihe, zwanzig Jahre alt und am Ende.

Die Stille brach – nicht die Stille im Raum. Die Stille in mir, die erträgliche, die mich seit Minuten getragen hatte. Sie brach, und was darunter war, war härter als alles, was vorher dagewesen war. Härter als der Lärm, härter als die Schlaflosigkeit, härter als die Nächte vor dem Bildschirm.

Wo bist du mit deinen zwanzig Jahren. Was ist da passiert mit dir.

Die Stimme war meine, aber sie klang nicht wie meine. Sie war knüppelhart, wie jemand, der dich am Kragen packt und schüttelt und nicht loslässt. Keine Frage. Kein Mitleid. Bestandsaufnahme.

Du hast nichts – keinen Abschluss, keine Freunde, keine Wohnung, die dir gehört. Du hast jede Chance verbrannt, die dir jemand gegeben hat. Du hast Menschen weggestoßen, die es gut mit dir meinten, und du sitzt hier auf einer Kirchenbank, und draußen wartet niemand auf dich. Nicht ein Mensch.

Die Hände lagen auf meinen Knien, und die Finger waren still, nicht zitternd – still.

Du musst noch mal von vorne anfangen. Du kannst nicht so weitermachen.

Keine Bitte, kein Vorschlag. Tatsache. So wie man weiß, dass man nicht atmen kann unter Wasser. So wie man weiß, dass Feuer heiß ist und Eis kalt und dass ein Körper, der nicht schläft und nicht isst, irgendwann aufhört zu funktionieren.

Wenn du jetzt nichts machst, dann war’s das mit dir.

Ich saß auf der Kirchenbank, und die Taufe ging weiter, und der Pfarrer sprach, und die Gemeinde antwortete, und ich saß da mit dieser Stimme in mir, die nicht aufhörte und die recht hatte, die so unausweichlich recht hatte, dass es keinen Sinn machte, ihr zu widersprechen.

Weitermachen hieß sterben – nicht als Metapher, als Tatsache, als nächsten Schritt auf einer Strecke, die nur eine Richtung kannte. Oder alles auf Null setzen, sich einliefern lassen, zugeben, dass nichts mehr ging. Dass der Junge mit zwanzig nicht weniger kaputt war als die Menschen, über die er nie hatte nachdenken wollen.

Beide Optionen kosteten alles.

Vorne am Altar wurde das Kind zurück in die Arme der Mutter gelegt. Sie hielt es fest. Sie hielt es, als wäre das selbstverständlich, als wäre Halten das Einfachste der Welt.

Ich stand auf. Nicht langsam. Nicht zögernd. Die Bank knarrte unter mir. Niemand drehte sich um. Durch den Mittelgang, vorbei an den Reihen mit den gesenkten Köpfen, an den Gesangbüchern und den gefalteten Händen. Die Tür. Das Morgenlicht.

Draußen war die Luft kühler als in der Kirche. Ich spürte es auf der Haut, auf den Händen, im Gesicht. Der Baum vor der Kirche stand immer noch da, die Blätter still, und die Hammerstraße lag da, wie ich sie verlassen hatte. Meine Beine trugen mich. Ich ging, ohne zu wissen wohin, aber ich ging, und die Stimme in mir war nicht leiser geworden.

· · ·

Der Anruf

Das Telefonbuch lag auf dem Schreibtisch. Dick. Vergilbt.

Das Zimmer roch nach kaltem Rauch und nach den Nächten der letzten Wochen. Der Aschenbecher auf dem Fensterbrett, halb voll. Der PC summte leise, der Bildschirmschoner zeichnete Linien ins Dunkel. Daneben die CDs – River Runs Red, Life of Agony –, die Musik, die mich durch die schlaflosen Nächte getragen hatte. Das Bett zerknüllt, das Laken grau.

Alles noch da. Alles genau so, wie ich es vor ein paar Stunden verlassen hatte.

Das Telefonbuch war schwer in der Hand. Die Seiten dünn, sie raschelten wie trockene Blätter unter meinen Fingern. Ich blätterte zu P, weiter zu Ps, weiter zu Psychiatrie – LWL-Klinik Münster, schwarze Ziffern auf gelbem Papier.

Der Hörer lag kühl in meiner Hand, das Plastik des Festnetztelefons gegen mein Ohr. Die Tasten klickten unter meinen Fingern, dann das Freizeichen, dreimal, dann eine Stimme – eine Frau, ruhig, professionell.

Ich sagte meinen Namen. Ich sagte: Ich brauche Hilfe. Ich sagte ADHS, dass ich so schnell wie möglich aufgenommen werden wollte, dass ich keine Sekunde mehr warten konnte. Die Worte kamen heraus, ohne Plan, ohne Reihenfolge.

Die Frau am anderen Ende fragte etwas. Ich antwortete. Sie fragte noch etwas. Ich antwortete wieder.

Ihre Stimme blieb die ganze Zeit ruhig, als würden jeden Tag Menschen anrufen und sagen: Ich kann nicht mehr.

Entweder sie weisen mich ein oder ich mach dich platt.

Das war der Satz, der hinter allem stand, während ich sprach. Nicht laut, nicht als Drohung – als Tatsache. Zwei Möglichkeiten. Keine dritte. Und ich hatte die erste gewählt, nicht weil sie die bessere war, sondern weil die zweite kein Weiterleben enthielt.

Sie hatten Platz. Innerhalb von Tagen.

Ich legte auf. Das Klicken des Hörers auf der Gabel war laut in der Stille des Zimmers. Die Hand zitterte nicht. Der Körper war ruhiger als seit Wochen, als hätte der Anruf etwas gelöst, das sich festgekrallt hatte, irgendwo zwischen Brust und Magen.

Das Telefonbuch lag noch offen auf dem Schreibtisch, die Seite mit dem P nach oben – Psychiatrie, Psychologe, Psychotherapie, lauter Wörter für Menschen, die nicht mehr alleine konnten. Jetzt gehörte ich zu ihnen. Keine Erleichterung. Keine Erlösung.

Ich ging zum Fenster. Ich stand dort, wo ich hundertmal gestanden hatte, morgens, abends, nachts, wenn der Schlaf nicht kam und die Stadt draußen weiterlebte, als ginge sie das alles nichts an. Draußen lag der Sonntagmorgen, hell und gleichgültig, die Hammerstraße, Autos, Menschen, die spazieren gingen, und im Glas der Fensterscheibe, wo das Licht so fiel, dass sie zum Spiegel wurde, ein Gesicht – blass, die Augen dunkel, eingesunken, ein Gesicht, das ich kannte und das mir fremd war.

Nur das Spiegelbild in der Fensterscheibe. Nur die Frage, ob es das letzte Mal war, dass ich diesen Menschen sehen würde.

Vorne am Altar wurde ein Kind getauft. Ich saß in der letzten Reihe, zwanzig Jahre alt und am Ende. Am selben Morgen rief ich in der Psychiatrie an — nicht weil ich wusste, dass es richtig war, sondern weil die Alternative kein Weiterleben enthielt.

Maurice Ressel, Survival-Experte und Gründer der Wildnisschule Lupus

Maurice Ressel

Survival-Experte · Kriegs- & Krisenfotojournalist · Autor

25 Jahre Survival-Praxis. 15 Jahre als Kriegs- und Krisenfotojournalist in 22 Krisenländern, mit Einsätzen für Ärzte ohne Grenzen, UNICEF und Cap Anamur. IPA Award 2017. Gründer der Wildnisschule Lupus in der Schorfheide.