Die Innere Ausrüstung
Belastbarkeit
In 15 Jahren als Krisenfotojournalist in 22 Ländern habe ich gesehen, worauf es unter Druck ankommt; das war kein Survival Training, sondern Dokumentation.
Im September 2010 war ich als Fotojournalist in Karukh, einer Ortschaft eine Autostunde nördlich von Herat, im Westen Afghanistans. Nach Unruhen brachte mich mein Begleiter zu einem Freund seiner Familie.
Die Lehmziegelmauern seines Innenhofs standen höher als das Auto. Das Tor aus gewelltem Stahlblech schloss sich, Metall auf Metall. In diesem Hof blieb ich sieben Tage.
Die Innere Ausrüstung trainiert fünf Kompetenzbereiche, Belastbarkeit, Lagebeurteilung, Zusammenarbeit und Verantwortung, Überlebenswille und Überlebenstechniken, an derselben Übung, in vier Lernstufen vom Kennenlernen bis zum Anwenden unter Belastung.
Am Tor hielt ich die Luft an und lag still, statt aufzuspringen. Danach atmete ich aus, und mein Körper bewegte sich wieder.
Das Tor aus gewelltem Stahlblech schloss sich, Metall auf Metall.
Dann wartete ich. Im Hof geschah nichts mehr, Tag für Tag.
Aus dem Nachbarhof brummte ein Diesel, und die Spannung in meinem Körper blieb. Meine Schultern fielen auch nach drei Tagen nicht. Ich schlief, aber der Schlaf an diesem fremden Ort trug nicht, und am Morgen begann das Warten wieder.
Meine Hände taten in dieser Zeit das Alltägliche, das in einem Haus zu tun ist. Sie hielten den Becher.
Das Stillhalten am Tor war eine Reaktion meines Körpers, weder Fehler noch Verdienst, und in den Tagen danach blieb er unter Spannung, als nichts mehr geschah. Ich hatte eine Unterkunft und einen Gastgeber, deshalb war es keine Survival-Lage. Hält die Belastung an, wie in diesen Tagen, kommt Erschöpfung.
Draußen, wo die gewohnte Hilfe fehlt, meldet dein Körper vieles von selbst: Herzklopfen, schnelle Atmung, Zittern. Anderes meldet er nicht rechtzeitig. Durst zeigt nicht, wie viel Wasser fehlt, und auf Kälteschäden prüft ihr euch im Kurs gegenseitig.
Was passiert in meinem Körper?
Was Belastbarkeit ist (und was sie nicht ist)
Im Kompetenzbereich Belastbarkeit im Survival Training übst du, wahrzunehmen und zu benennen, was Druck mit deinem Körper macht, und dabei handlungsfähig zu bleiben.
Geübt wird das am Handgriff. Ein Handgriff ist jede Fertigkeit, die du draußen brauchst, etwa Wasser aufbereiten.
Der Maßstab ist der Survival-Teil der militärischen Doktrin, vor allem die öffentlichen Handbücher der US Army und der US Air Force. Angepasst habe ich ihn für Zivilisten: ohne Gefangenschaft, ohne Ausweichen vor einem Gegner, mit Ausstieg jederzeit. Ich bin kein Soldat.
Was der Körper unter Druck von selbst tut, heißt Stressreaktion. Die Stressreaktion hält nicht lange an, danach kommt Erschöpfung.
Ein Handgriff ist jede Fertigkeit, die du draußen brauchst, etwa Wasser aufbereiten.
Zur Belastbarkeit gehört, die eigenen Grenzen zu kennen, seelisch und körperlich. Im Kurs sind das die Grenzen bei Kälte, Hunger und wenig Schlaf.
Belastbarkeit ist keine Härte
Belastbarkeit heißt nicht, Schmerz und Kälte zu übergehen. Schmerz ist ein Warnsignal, er zeigt, dass etwas Aufmerksamkeit braucht. Aussteigen gehört zur Belastbarkeit.
Belastbarkeit ist keine Gefühlssteuerung
Gefühle zu steuern ist ein Baustein der Lagebeurteilung. Belastbarkeit bleibt beim Körper, bei dem, was er tut, und bei dem, was er meldet.
Belastbarkeit ist keine Atempraxis
Atmung ist hier ein Werkzeug, vor oder während eines Handgriffs. Das Handbuch der US Air Force rät, sich jederzeit mit etwas Sinnvollem zu beschäftigen. Im Kurs ist das die Aufgabe für die Hände, an der die Atemübung steht.
Der Atemanker, mit dem du übst, zur Ruhe zu kommen, bevor du die Lage liest, gehört zur Lagebeurteilung.
Ein See in der Schorfheide in Brandenburg. Foto: Maurice Ressel.
Kälte als Druck aus der Natur
Im Kurs ist es dein Körper, den du beobachtest. Der Druck kommt dort aus der Natur, in diesem Bereich vor allem aus Kälte und Nässe, und die Aufgaben dazu stelle ich. Nässe und Wind kühlen den Körper schneller aus, als die Lufttemperatur zeigt.
Wer einen Fluss queren muss, sucht eine andere Stelle, statt hindurchzuschwimmen, um keine Unterkühlung zu riskieren. Im Kurs geht deshalb niemand ganz ins kalte Wasser. Die Kälte holst du dir an die Hände, bei einem Handgriff am Bach.
Du stehst an einem Bach im Kursgebiet. Meist ist es Winter, nasskalt, um den Gefrierpunkt, und der Tag ist kurz.
Hier machst du, ab dem Tageskurs, die Körperinventur: den eigenen Körper der Reihe nach wahrnehmen.
Der Handgriff dazu heißt Wasser finden und aufbereiten. Du suchst am Bach die Stelle, an der du schöpfen kannst, und dabei kommen deine Hände ins kalte Wasser.
Du stehst still und spürst deine eigene Reaktion, an den Händen, im Brustkorb, in den Beinen, während ich am Rand stehe und beobachte. Die Kälte senkt die Durchblutung der Hände, und die Finger werden ungeschickter. Du schätzt, wie schnell dein Herz schlägt, und vergleichst danach.
Die Hände nimmst du heraus, wann du willst. Ich sage dazu: „Rausnehmen, wenn es genug ist, ist eine Entscheidung, keine Schwäche.“ Dann trocknest du die Hände ab und wärmst sie in den Achseln.
Danach sage ich: „Was ihr gerade gespürt habt — das schnellere Herz, die schnellere Atmung — ist die erste Stufe: Erregung. Das ist Bereitschaft.“
In der Nachbesprechung, dem Gespräch nach der Übung, frage ich: „Wie hoch habt ihr geschätzt?“ Und: „Wann wolltet ihr raus?“
Ich frage auch, wer auf den Nachbarn geachtet hat, denn am Bach steht keiner allein. Besprochen wird die Übung, nicht die Lebensgeschichte.
Die Kälte senkt die Durchblutung der Hände, und die Finger werden ungeschickter.
Ich trainiere den Kopf am Handgriff, nicht daneben.
Worauf sich Belastbarkeit stützt
Unter Druck wird die Atmung schneller, Herzschlag und Blutdruck steigen. „Der Körper bereitet sich darauf vor, zu kämpfen, zu fliehen oder zu erstarren. Das löst Reaktionen aus, die sich nicht lange aufrechterhalten lassen“ (ATP 3-50.21).
Zu den körperlichen Zeichen der Angst gehören Zittern, angespannte Muskeln, ein schnellerer Puls und Müdigkeit.
Bei Gefahr durchläuft der Körper von selbst eine Abfolge, zu der die drei Reaktionen gehören. Welche kommt, entscheidet nicht der Wille, und auch das Stillhalten kann eine Schutzreaktion sein. In der Forschung heißt diese Abfolge Defense Cascade. Sie ist gut erforscht.
Survival ist beides: das Handwerk und der Kopf. Die Handbuchstellen zeigen, dass ein Inhalt zum Fach gehört, nicht, dass das Training wirkt. Die Bausteine, aus denen das Training besteht, stützen sich auf Forschung. Das Ganze, so wie ich es lehre und in Stufen aufbaue, hat niemand in einer Studie geprüft.
Zurück in Karukh
In Karukh hielten meine Hände sieben Tage lang den Becher, während meine Schultern oben blieben. Mein Körper tat beides zugleich, das Alltägliche und das Warten, im selben Hof und an denselben Tagen.
Provinz Herat, Frühjahr 2011. Einschüsse in einer Lehmziegelmauer. Foto: Maurice Ressel.
Grenzen kennenlernen
Kälte
Für eine Unterkühlung muss es nicht sehr kalt sein, sie kommt schon bei mäßiger Kälte und Nässe. Das erste Zeichen ist Zittern, später kommen Ungeschick und langsames, unklares Denken. Auf Kälteschäden prüft ihr euch gegenseitig.
Durst zeigt an, dass der Körper Wasser braucht, aber nicht, wie viel. Bei Kälte merkst du den Verlust noch weniger. Im Kurs trinkst du, bevor der Durst kommt.
Müdigkeit und wenig Schlaf
Schlaf an einem fremden Ort und bei Lärm macht müde, reizbar und angespannt. Wer zu wenig schläft, tut eher unvorsichtige oder gefährliche Dinge.
Bei Überlastung fallen Entscheidungen schwer, du vergisst Dinge, machst eher Fehler und ziehst dich von den anderen zurück. An dir selbst merkst du schlecht, wie sehr das Urteil nachlässt. Deshalb achtet ihr aufeinander, auf Zeichen von Teilnahmslosigkeit.
Wenn alles zusammenkommt
Wenig Essen, zu wenig Trinken und wenig Ruhe machen anfälliger für Unterkühlung. Andere Belastungen zur selben Zeit, etwa Kälte oder Hunger, verstärken die Müdigkeit.
Deine körperliche Verfassung verändert, wie lange du Kälte, wenig Schlaf und wenig Essen trägst. Deine lernst du im Kurs kennen. Im Intensivkurs und in der Ausbildung wird das Essen weniger. Weniger Wasser gibt es nie.
Nach der Übung
Unter dem Druck einer Notlage übersiehst du leicht eigene Verletzungen, deshalb gehst du danach deinen Körper durch. Wie du eine Verletzung versorgst, gehört zu den Überlebenstechniken.
Ab dem Wochenende kommt jeden Abend die stille Runde, wenn die Gruppe am Feuer sitzt. Du gehst deinen Körper durch, in dieser Reihenfolge: Füße, Beine, Rücken, Schultern, Hände, Brustkorb, Atem.
Niemand bewertet. Wer etwas teilen will, teilt es, und niemand muss.
Ab dem zweiten Abend frage ich: „Wie viel Reserve hast du für morgen?“ Gemeint ist, was du dir für morgen einteilst.
Im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Foto: Maurice Ressel.
Atmen auf dem Marsch
Ab dem Wochenende gehst du mit Gepäck durch das Kursgebiet. Du übst, Last, Tempo und Pausen nach deinem Körper einzuteilen. Dazu schätzt du vorher deine Kraft zum Gehen und Tragen ein und rastest, bevor deine Leistung deutlich nachlässt.
Ihr seid dabei als Gruppe unterwegs, und wie ihr eure Kraft gemeinsam einteilt, gehört zu Zusammenarbeit und Verantwortung.
Am geplanten Halt nehmt ihr die Rucksäcke ab. Du atmest zweimal kurz durch die Nase ein und einmal lang durch den Mund aus, auf Englisch Physiological Sigh, und das dreimal.
Ich sage dazu: „Zwei rein, einer raus.“ Dann ist es kurz still, und ich frage: „Was hat sich verändert?“ Danach geht es weiter. Wer zum Hyperventilieren neigt, atmet langsamer und macht weniger Runden.
Die zweite Atemübung steht vor einem Handgriff unter Zeitdruck, etwa dem Feuermachen. Du atmest im Viereck, auf Englisch Box Breathing: vier Zählzeiten ein, halten, aus, halten. Nach der Hälfte der Zeit, die ihr für das Feuer habt, sage ich: „Stopp, drei Atemzüge.“ Gemeint ist das Atmen im Viereck.
Wie ich Belastbarkeit in den Kursen lehre
In jedem Kurs, auch im Tageskurs, gibt es das Kurzbriefing, die kurze Ansage zur Stressreaktion vor der ersten Übung unter Druck. Ich sage: „Unter Druck reagiert euer Körper mit Kampf, Flucht oder Erstarren. Das ist normal.“ Deshalb steht Belastbarkeit schon im Tageskurs auf der Lernstufe Einüben.
Ab dem Wochenende folgt nach einem ausführlichen Briefing die Nachtübung: Navigation oder Shelter-Aufbau im Dunkeln, einzeln oder zu zweit. Ich bleibe in Rufweite, und das Codewort zum Aussteigen gilt.
Danach frage ich: „Was hat euer Körper gerade getan? Welche Stufe war das?“ Und: „Was hat euch wieder in Bewegung gebracht?“ Wie man nachts das Gelände liest und warum im Ernstfall vieles fürs Bleiben spricht, gehört zur Lagebeurteilung.
Im Intensivkurs und in der Ausbildung gibt es die 24-Stunden-Übung, einen zusammenhängenden Block aus Shelter, Navigation, Feuer und Erster Hilfe. Vorher schreibst du zwei oder drei Körperzeichen auf, an denen du deine Grenze bei Kälte, Hunger und Müdigkeit erkennen willst, und einen Wenn-dann-Plan für den Ausstieg.
Ein Wenn-dann-Plan heißt: vorher festlegen, was du tust, wenn ein bestimmter Moment kommt. Mein Beispiel: „Wenn ich nicht mehr aufhören kann zu zittern, dann sage ich es der Kursleitung und gehe ans Feuer.“
Das Aufschreiben folgt zwei Gedanken: die eigene Leistungsfähigkeit aus Erfahrung einschätzen und Belastungen vorwegnehmen und vorher Wege entwickeln, mit ihnen umzugehen.
Gekürzt wird höchstens das Essen, und das sage ich vorher. Es gelten feste Meldezeiten. Danach folgen Nachbesprechung, Erholung und eine zweite Nachbesprechung mit der Frage: „Wo lag deine Grenze, und hast du sie rechtzeitig gesehen?“
Die 24-Stunden-Übung ist nicht die Zeit allein draußen. Allein draußen bist du nur im Intensivkurs, 24 Stunden, und in der Ausbildung, 48 Stunden.
Du hast Funk, feste Meldezeiten und einen festen, schriftlichen Ablauf für den Fall einer verpassten Meldung. Allein draußen ist nie Prüfung. Den Grund für diesen gesicherten Rahmen führt der Bereich Überlebenswille aus.
Eine Lernstufe sagt, was im Kurs geschieht, nicht, was jemand danach kann.
Körperinventur nach Kälte
Vor dem Druck hörst du, was der Körper tut, nach der Kälte benennst du es.
Die Stressreaktion benennen
Du benennst die Stressreaktion auch im Dunkeln und sagst selbst, welche Stufe es war.
Die eigene Grenze vorher aufschreiben
Zeichen und Plan legst du selbst fest, bevor die Belastung beginnt.
Das Kurzbriefing selbst halten
Du benennst die Stressreaktion für die anderen, unter eigener Belastung.
Wenn es zu viel wird
Ein schneller Herzschlag ist kein Versagen. Angst ist eine normale Reaktion auf Gefahr.
Ab dem Intensivkurs gibt es als Angebot eine gestellte Verletztenlage. Einer beobachtet dabei die Körpersprache der anderen, ob jemand aufgedreht ist oder erstarrt. Ich sage dazu: „Wenn jemand neben dir erstarrt, ist das keine Schwäche, sondern Information.“ Was die Gruppe dann tut, gehört zu Zusammenarbeit und Verantwortung.
Im Kurs normal sind höherer Puls, schnellere Atmung, Aufregung, Tränen nach einer Druckübung und Zittern nach Kälte, das mit Wärme nachlässt.
Die Übung wird unterbrochen, wenn jemand auf Ansprache nicht reagiert, wenn das Zittern nicht aufhört oder wenn in der Kälte Verwirrtheit auftritt.
Wird es dir zu viel, sagst du es und steigst aus, ab dem Wochenende auch mit dem Codewort. Du wirst gewärmt. Dann folgen die Nachbesprechung und ein Wenn-dann-Plan für das nächste Mal.
Der Druck steigt kontrolliert und in Stufen; aussteigen ist jederzeit möglich, ohne Begründung. Diesen Ausstieg sieht der Kurs in jeder Übung vor, als eine seiner Regeln.
Wer seinen Körper im Kurs kennenlernt, kennt ihn damit nicht für jede Lage. Die Übungen ersetzen keinen Erste-Hilfe-Kurs.
Wer akut unter Traumafolgen oder einer anderen seelischen Erkrankung leidet, holt vorher ärztlichen oder therapeutischen Rat ein. Das Training ersetzt keine Behandlung.
Im Kurs wird nichts verarbeitet und nichts diagnostiziert, und niemand fragt in der Gruppe nach der Lebensgeschichte. Reagiert jemand stark, frage ich nicht weiter nach, bleibe da und spreche danach allein mit ihm.
Die Schorfheide-Chorin im Winter. Foto: Maurice Ressel.
Ein Schritt für heute
Drei kleine Proben gehen ohne Kurs. Bei allen dreien nimmst du wahr, statt dich zu prüfen.
Vor einem schwierigen Moment
Bevor es schwierig wird, benennst du, wo du den Druck im Körper merkst. Dann atmest du im Viereck oder zweimal kurz ein, einmal lang aus.
Beim nächsten nasskalten Gang
Wenn du das nächste Mal bei nasskaltem Wetter draußen unterwegs bist, gehst du deinen Körper durch: Hände, Zittern, Durst. Den ersten Schluck nimmst du früh, ohne auf das Gefühl zu warten.
Ein eigener Wenn-dann-Plan
Leg für den Moment, in dem es genug ist, einen eigenen Wenn-dann-Plan fest. Meiner lautet: „Wenn es nass und kalt wird, dann ziehe ich die Handschuhe an, bevor die Finger klamm werden.“
Wie es weitergeht
Am Bach kommen deine Hände ins kalte Wasser.
Belastbarkeit beginnt schon im Tageskurs, mit dem Kurzbriefing vor der ersten Übung unter Druck und der Körperinventur am Bach. Anfangen kannst du in jedem Kurs, ohne Vorkenntnisse. Wer nicht weiß, wie viel er will, nimmt den Tageskurs.
Du hast den ersten Kompetenzbereich gelesen
Dein Körper ist ein Teil der Lage, in der du stehst. Weiter geht es mit Lagebeurteilung: Was passiert um mich herum?
Häufige Fragen
Bei einer Stressreaktion stellt sich dein Körper von selbst auf Kampf, Flucht oder Erstarren ein. Herzschlag und Atmung werden schneller. Solche Mechanismen bringt jeder Mensch mit, und sie helfen, sich an Belastung anzupassen. Die Stressreaktion hält nicht lange an, danach kommt Erschöpfung.
Wer sich vorbereiten will, geht regelmäßig draußen und trägt dabei Last. Wie lange du Kälte, wenig Schlaf und wenig Essen trägst, hängt auch von deiner Verfassung ab. Im Brief vor dem Kurs schreibe ich: „Wenn du weißt, dass du bei Kälte, Hunger oder wenig Schlaf schnell an Grenzen kommst, sag es vorher.“
Für sich allein steht die Atemübung im Kurs nicht, sie dient als Werkzeug: vor dem Feuermachen und beim Halt auf dem Marsch. Am Halt atmest du zweimal kurz ein und einmal lang aus, vor dem Feuer im Viereck. Die Hände haben dabei eine sinnvolle Aufgabe.
In den Survival-Teilen der Handbücher steht keine Atemtechnik. Die Leitlinie bleibt: Kopf am Handgriff.
Zuerst zitterst du, später werden die Bewegungen ungeschickt und das Denken langsam und unklar. Dafür muss es nicht sehr kalt sein, mäßige Kälte und Nässe reichen.
Bei den anderen achtest du auf dieselben Zeichen, und ihr prüft euch gegenseitig. Im Kurs gilt Zittern, das mit Wärme nachlässt, als normal. Hört es nicht auf oder kommt Verwirrtheit dazu, wird die Übung unterbrochen, und wer friert, wird gewärmt. Einen Erste-Hilfe-Kurs ersetzt das nicht.
Mit wenig Schlaf neigst du eher zu unvorsichtigen oder gefährlichen Handlungen. Dabei gilt: Wie sehr dein Urteil nachlässt, merkst du an dir selbst schlecht. Darum hat im Kurs jeder auch die anderen im Blick, besonders bei Zeichen von Teilnahmslosigkeit. Dazu kommt, dass Kälte, wenig Essen, wenig Trinken und wenig Schlaf sich gegenseitig verstärken.
Anfangen kannst du in jedem Kurs, ohne Vorkenntnisse und mit jeder Verfassung. Vor Intensivkurs und Ausbildung gibt es ein persönliches Gespräch, und die Voraussetzungen stehen in der Kursübersicht. Aussteigen ist jederzeit möglich, ohne Begründung. Im Brief vor dem Kurs schreibe ich: „Dein Körper wird in diesem Training reagieren. Das ist gewollt.“
Wer akut unter Traumafolgen oder einer anderen seelischen Erkrankung leidet, holt vorher ärztlichen oder therapeutischen Rat ein. Das Training ersetzt keine Behandlung. Eine Vorbereitungsphase vor dem Kurs ist dagegen keine Bedingung für die Teilnahme.
Quellen
Handbücher der Überlebensausbildung: US Army, ATP 3-50.21 (2018), Abs. 1-11, 1-13, 1-14, 1-18, 1-22, 7-3, 7-4; Kap. 2 (Vorbeugung, Kälteschäden, Unterkühlung, Austrocknung, Wärmeübertragung) · US Air Force, AFH 10-644 (2017), Abs. 2.2.1, 4.5, 4.9, 4.9.1, 4.9.4, 4.9.6, 4.9.7, 4.9.8.1, 4.12, 4.12.4, 4.12.5, 4.13, 4.14, 4.14.1, 4.14.2, 4.18.1.4, 4.18.3, 4.18.4, 4.19.1, 4.20, 5.6.3.2, 5.6.3.3.3 · US Army, FM 21-76 (1992), abgelöst; aktuell ATP 3-50.21, Kap. 1, Kap. 2 und das Kapitel zur Kälte. Zitate aus den Handbüchern in meiner Übersetzung.
Forschung: Kozlowska u. a. (2015), Defense Cascade · Van Dongen u. a. (2003), Schlafmangel · Balban u. a. (2023), Atemübungen · Gollwitzer und Sheeran (2006), Wenn-dann-Pläne.
Maurice Ressel
Survival-Experte · Kriegs- & Krisenfotojournalist · Autor
25 Jahre Survival-Praxis. 15 Jahre als Kriegs- und Krisenfotojournalist in 22 Krisenländern, mit Einsätzen für Ärzte ohne Grenzen, UNICEF und Cap Anamur. IPA Award 2017. Gründer der Wildnisschule Lupus in der Schorfheide.

