Die Innere Ausrüstung
Überlebenstechniken
Es war eine Druckübung im Intensivkurs. So nenne ich einen Handgriff, der in Ruhe sitzt und nun unter Druck aus der Natur gebraucht wird, oft mit einer Wendung.
Diesmal kam die Wendung vom Wind. Er hatte gedreht, und die Seite des Shelters, die vorher im Windschatten gelegen hatte, stand jetzt im Wetter.
Die Teilnehmerin sah zweimal nach oben und prüfte an den Blättern, woher der Wind kam. Dann baute sie ihren Shelter um, allein und ohne Anleitung. Sie knüpfte einen Halbmastwurf, eine Stockschlinge und einen Spannknoten, in einer Reihenfolge, die ihr niemand vorgegeben hatte.
Ich sah zu und griff nicht ein. Eingegriffen hätte ich nur bei einem Sicherheitsrisiko.
Nebenan hatte sich bei einer anderen Teilnehmerin ein Knoten gelöst. Sie half der anderen, ohne ihre eigene Arbeit zu unterbrechen.
Vielleicht kennst du diese Knoten aus Büchern, Videos oder einem Kurs, und vielleicht fragst du dich, ob deine Hände sie auch nach einer kalten Nacht knüpfen würden.
Was tue ich, wenn es zählt?
Die Innere Ausrüstung trainiert fünf Kompetenzbereiche, Belastbarkeit, Lagebeurteilung, Zusammenarbeit und Verantwortung, Überlebenswille und Überlebenstechniken, an derselben Übung, in vier Lernstufen vom Kennenlernen bis zum Anwenden unter Belastung.
Vier dieser Bereiche beschreiben, was der Kopf am Handgriff lernt. Überlebenstechniken sind die Handgriffe selbst, abgerufen unter Druck.
Was Überlebenstechniken sind (und was nicht)
Trainiert werden hier die Handgriffe, abgerufen unter Druck, und dazu das Planen für den Fall, dass etwas misslingt. Gemeint ist eine Lage, in der die gewohnte Hilfe fehlt.
Ein Handgriff ist jede Fertigkeit, die du draußen brauchst. Das Handwerk sind alle Handgriffe zusammen, und Überlebenstechniken sind die Handgriffe unter Druck.
Eine Teilnehmerin hatte einen Knoten am Vortag dreimal richtig gemacht. Nun stand sie unter der Plane, die im Wind schlug, die Schnur war nass, und das Licht ging. Ihre Hände machten den Knoten in zwölf Sekunden, ohne dass sie hinsah.
Der Maßstab ist der Survival-Teil der militärischen Doktrin, vor allem die öffentlichen Handbücher der US Army und der US Air Force. Angepasst habe ich ihn für Zivilisten: ohne Gefangenschaft, ohne Ausweichen vor einem Gegner, mit Ausstieg jederzeit. Ich bin kein Soldat.
Ziel der Überlebensausbildung ist, dass jemand auf die Handgriffe zurückgreifen kann, die er im Training gezeigt hat, wenn es nötig wird. Geübt werden die Grundfertigkeiten in jedem Training und jeder Übung.
In welcher Folge ich die Handgriffe lehre
Ich lehre die Handgriffe in dieser Folge: zuerst gesund bleiben und Verletzungen versorgen, dann Schutz, zuerst durch die Kleidung, dann durch den Shelter, dann Feuer, Wasser finden und aufbereiten, Orientierung, Signal geben und Rettung herbeirufen. Dazu kommen Nahrung, Werkzeug und Knoten, Wetter, Fortbewegung, Ausrüstung und Lagerküche. Die Fertigkeiten gliedern sich in Schutz, Versorgung, Survival-Medizin und Orientierung.
Im Ernstfall ordnet die Lage neu; bei Kälte kann das Feuer vor dem Shelter kommen. Fest steht in den Handbüchern nur, dass die Gesundheit zuerst kommt. Den Plan passt du laufend an, damit Gesundheit, Schutz, Versorgung und Orientierung nach ihrer Priorität gedeckt sind.
Der Körper verträgt Hitze und Kälte nur sehr begrenzt, und die Kleidung ist der erste Schutz. Schützen kann sie nur, wenn sie trocken bleibt und locker in Schichten getragen wird. Feuer wärmt, trocknet nasse Kleidung, macht Wasser trinkbar und gibt mit Licht und Rauch ein Signal.
In einer echten Lage gehört Bescheid geben an den Anfang, auch wenn das Signal in der Folge des Unterrichts zuletzt steht.
Handgriffe statt Vorsätze
Überlebenstechniken sind kein Coaching. Geübt wird am Handgriff, draußen, in vier Lernstufen, nicht mit Sätzen und Vorsätzen am Schreibtisch.
Sie sind auch nicht die Ausrüstung. Ausrüstung kannst du kaufen, und dagegen spricht nichts. Die Innere Ausrüstung nicht.
Bauchgefühl sind sie ebenso wenig. Bauchgefühl trägt nur, wo sich Lagen wiederholen und jeder Versuch sofort zeigt, ob er gelungen ist. Warum, steht dort, wo es um das Entscheiden aus Erfahrung geht.
Und ein Härtetest ist es nicht. Der Druck wird in Stufen aufgebaut, und aussteigen kannst du jederzeit.
Was nach diesen Abgrenzungen bleibt, ist der Handgriff, den deine Hände unter Druck abrufen.
Geübt wird am Handgriff, draußen, in vier Lernstufen, nicht mit Sätzen und Vorsätzen am Schreibtisch.
Das Kursgelände in der Schorfheide, Brandenburg. Foto: Maurice Ressel.
Wenn ein Muster aus einer fremden Lage trägt
Am zweiten Tag des Wochenendes spannst du das Tarp ohne Anleitung, in anderem Gelände als am Vortag, und schläfst die Nacht darunter. Der Platz ist neu, der Handgriff ist derselbe.
Kenntnisse und Handgriffe wendest du so an, wie es die Umgebung verlangt, in der du gerade bist. Ein Handgriff, den du in Ruhe gelernt hast, kann so in einer ähnlichen, neuen Lage tragen.
Dokumentarische Aufnahme auf Leyte, Philippinen, im Januar 2014, drei Monate nach dem Taifun Haiyan. Foto: Maurice Ressel.
Die ersten Minuten, wenn es zählt
In den ersten Minuten einer echten Lage erfasst du zuerst die Lage und gehst nicht los, nur um etwas zu tun. Wie du dabei zuerst zur Ruhe kommst und dann die Lage liest, führt Lagebeurteilung aus.
Sobald die Notlage eintritt, gibst du sofort Bescheid oder ein Signal. Zivil heißt das, den Notruf zu wählen, sobald du Netz hast.
Signalmittel hältst du so, dass sie sofort einsatzbereit sind. Für dich sind das zuerst das Telefon und eine Pfeife, beide griffbereit.
Wer den Ort verlässt, hinterlässt eine Nachricht: wann, wohin, auf welchem Weg, wie es ihm geht und was er dabeihat.
Im Unterricht bleibt das Signal trotzdem am Ende der Folge.
Wie Erfahrene unter Zeitdruck entscheiden
Wenn du eine Lage deutest, beziehst du ein, was frühere Ausbildung und Vorbereitung dich über Gebiet und Lage gelehrt haben.
Erfahrene wägen unter Zeitdruck selten mehrere Möglichkeiten gegeneinander ab, das zeigte sich zuerst bei Feuerwehrleuten im Einsatz. Sie erkennen die Lage als bekannt, nehmen die erste Lösung, die passt, und spielen sie im Kopf kurz durch.
Die Teilnehmerin am Shelter hat den Umbau nicht abgewogen. Sie hat an den Blättern gesehen, dass der Wind gedreht hatte, und die Seite im Wetter erkannt.
Ab dem Intensivkurs bekommst du abends eine Lage auf Papier. Du notierst deine erste Entscheidung und vergleichst sie mit der Antwort erfahrener Praktiker. Dazu sage ich: „Ihr habt nicht dieselbe Antwort wie die Erfahrenen. Genau darum geht es.“
Wann Bauchgefühl trägt
Bauchgefühl ist Erfahrung, die schneller ist als das Nachdenken. Es trägt dort, wo sich Lagen ähnlich wiederholen und jeder Versuch sofort zeigt, ob er gelungen ist. Fehlt eines davon, fühlt es sich genauso sicher an und liegt doch oft daneben.
Am Handgriff ist die Rückmeldung eindeutig: Der Shelter hält oder nicht, der Knoten hält oder nicht, die Richtung stimmt oder nicht. Beim Feuer mit dem Bogenbohrer, ab dem Intensivkurs, zeigt die Glut, ob du es richtig gemacht hast.
Survival ist beides: das Handwerk und der Kopf.
Der Wenn-dann-Plan
Der Wenn-dann-Plan setzt vor dem Handgriff an: vorher festlegen, was du tust, wenn etwas nicht gelingt.
Vor dem Aufbruch denkst du durch, wie Notlagen entstehen könnten, damit du sie erkennst, wenn sie eintreten. Läuft etwas nicht nach Plan, steuerst du gegen. Musst du improvisieren, sammelst du Alternativen und schreibst mögliche Lösungen auf.
Wer vorher festlegt, was er in einer bestimmten Lage tut, setzt sein Vorhaben öfter um als jemand, der sich nur ein Ziel vornimmt. Die feste Form „Wenn …, dann …“ ist eine Entscheidung für den Unterricht, und sie stammt aus dieser Forschung.
Die Karten und das Pre-Mortem
Vor jeder Feldübung, schon im Tageskurs, schreibst du Wenn-dann-Pläne auf eine Karte. Drei gebe ich vor, für die Sicherheit, etwa: „Wenn ich die Orientierung verliere, dann stehen bleiben, hinsetzen, trinken, Karte raus.“
Einen schreibst du selbst, zu deiner eigenen Schwachstelle. Die Pläne sprichst du laut aus. Immer dabei ist ein Plan gegen Starrheit: „Wenn etwas Unerwartetes passiert, dann anhalten und neu beurteilen.“
Nach der Übung frage ich: Welcher Plan hat gegriffen, welcher nicht, und warum? Dazu sage ich: „Der Plan, den du vor dem Druck machst, ist der, der im Druck trägt.“ Beim Shelterbau am Wochenende hast du die Karten wieder dabei.
Ab dem Wochenende kommt das Pre-Mortem dazu: vor dem Start annehmen, der Plan sei gescheitert, und die Gründe sammeln. Ich sage: „Stellt euch vor, der Plan ist gescheitert. Jeder schreibt einen Grund.“ Ihr sammelt die Gründe und schreibt für die drei größten Risiken je einen Wenn-dann-Plan.
Wenn der Körper den Plan überholt
Ein Plan hilft wenig, solange die Stressreaktion den Körper im Griff hat. Unter Stress bereitet sich der Körper auf Kampf, Flucht oder Erstarren vor. Darum spreche ich die Stressreaktion vor der ersten Druckübung an. Was dabei im Körper geschieht, führt Belastbarkeit aus.
Was belegt ist und was nicht
Selbstwirksamkeit, also das Zutrauen in das eigene Können, das Entscheiden aus Erfahrung und Wenn-dann-Pläne sind einzeln erforscht; ihr Zusammenspiel in diesem Training ist nicht gemessen. Die Handbuchstellen zeigen, dass die Handgriffe zum Fach gehören, nicht, dass das Training wirkt.
Die Bausteine, aus denen das Training besteht, stützen sich auf Forschung. Das Ganze, so wie ich es lehre und in Stufen aufbaue, hat niemand in einer Studie geprüft.
Dokumentarische Aufnahme in Herat, Afghanistan, im Frühjahr 2011. Foto: Maurice Ressel.
Zusehen, wie es jemand macht
Beim ersten Feuer mache ich es vor, mit Fehlern und ihrer Korrektur. Eine glatte Vorführung bekommst du nicht. Danach seht ihr einander arbeiten.
Zutrauen in das eigene Können entsteht vor allem aus Aufgaben, die gelungen sind; daneben aus dem Zusehen, wie andere es schaffen, aus Zuspruch und daraus, wie du deinen Körperzustand dabei deutest.
Beim ersten Feuer mache ich es vor, mit Fehlern und ihrer Korrektur.
Was ein Szenario ist
Ein Szenario ist eine gestellte Situation, in der du die Handgriffe anwendest. Es hat eine Ausgangslage mit Auslöser, Ziel und Zeitrahmen, mehrere Aufgaben zugleich, eine Wendung und ein festes Ende, danach die Nachbesprechung. Besprochen wird die Übung, nicht die Lebensgeschichte.
Den Auslöser hat das Szenario mit dem Ernstfall gemein: Eine typische Notlage beginnt mit einem auslösenden Ereignis.
Szenarien gibt es ab dem Intensivkurs, wenn du die Handgriffe einzeln in Ruhe nach dem Standard zeigst, und in der Ausbildung unter Belastung. Eine Prüfung ist ein Szenario nie.
Im Abschluss-Szenario des Intensivkurses nennt die Einweisung Lage, Aufgabe, Meldezeiten und Abbruch, aber keine Schritte. Ich sage: „Das ist Übung. Jeder darf jederzeit ‚Pause‘ sagen.“ Und: „Ihr habt alles geübt. Jetzt geht es darum, es gleichzeitig zu tun.“
Ihr navigiert zu einem unbekannten Punkt. Dort liegt ein „Verletzter“, und zuerst kommt die Erstversorgung. Dann lest ihr die Lage und entscheidet, ob ihr bleibt oder weiterzieht.
Dann baut ihr das Lager unter Zeitdruck, denn die Dunkelheit kommt in 90 Minuten: Schutz, Feuer, Wasser. Dann setzt ihr das Signal. Danach kommt die Nachbesprechung.
Die Druckübung mit dem gedrehten Wind war kein Szenario und auch nicht die Zeit allein draußen. Im Szenario gelten ein festes Gebiet, Funk und Meldezeiten. Weniger Wasser gibt es nie.
Ihr habt alles geübt. Jetzt geht es darum, es gleichzeitig zu tun.
Wie ich Überlebenstechniken lehre
Ich trainiere den Kopf am Handgriff, nicht daneben. Jeder Handgriff sitzt zuerst in Ruhe.
Dann kommt Druck aus der Natur dazu: Regen, Wind, Kälte, Dunkelheit, Zeit, Müdigkeit. Im Kurs sage ich dazu: „Erst können, dann Druck.“ Der Gedanke dahinter: Je wirklichkeitsnäher das Training, desto weniger überwältigend ist eine echte Notlage.
Diesmal stehst du selbst im Wald.
Am Wochenende baust du den Shelter in Stufen. Am ersten Tag spannst du das Tarp mit Anleitung, am zweiten ohne, und am dritten baust du aus Naturmaterial, wenn die Grundlage steht. Die nächste Stufe kommt erst, wenn die vorige gelungen ist. Wer eine Stufe noch nicht schafft, übt sie nach.
Es ist nasse Kälte um den Gefrierpunkt. Bevor du anfängst, ziehst du dich in Schichten an und hältst die Kleidung trocken. Deine Wenn-dann-Karten sind geschrieben und laut ausgesprochen.
Eine Stelle verlangt Sorgfalt, bevor du baust: Du prüfst das Totholz über dem Platz und die Standfestigkeit. Dann spannst du die Plane, spannst sie ab und knüpfst die Knoten mit nasser Schnur.
Ich sage wenig. Wenn ich etwas sage, dann etwa: „Gestern hat dein Shelter bei gutem Wetter gereicht. Heute regnet es. Mal sehen, ob er noch reicht.“
Direkt danach kommt die Nachbesprechung. Dann schreibst du einen neuen Wenn-dann-Plan für die nächste Nacht. Deine Wenn-dann-Pläne stehen vor dem Kurs auf den Karten, und im Kurs schreibst du nach jeder Nachbesprechung ins Feldtagebuch.
Im Intensivkurs folgen auf die Stufen in Ruhe erschwerte Bedingungen, Regen, Zeitdruck, wenig Material, und eine Nacht im eigenen Shelter. Von dort ist der Weg nicht weit zu dem, was die Teilnehmerin tat, als der Wind gedreht hatte.
Erstversorgung im Gelände
In der Folge des Unterrichts steht die Erstversorgung vorn. Sie kommt vor der ersten Druckübung.
Die Erstversorgung hat vier Schritte: vorbeugen, erkennen, lindern, versorgen. Vorbeugen geht vor Versorgen, in mehrtägigen Kursen vor allem mit Hygiene, mit den Füßen und mit abgekochtem Wasser. Sicherheit steht an erster Stelle. Das gilt für Messer und Säge, wenn du müde bist.
Eine lebensbedrohliche Blutung kommt zuerst und wird so schnell wie möglich gestillt. Für eine Unterkühlung muss es nicht sehr kalt sein. Sie kommt schon über dem Gefrierpunkt vor, besonders bei Nässe. Dich selbst und andere zu versorgen, kann in einer Notlage die einzige Hilfe sein.
Im Tageskurs übst du, die Lage zu sichern, den Notruf abzusetzen und eine Blutung zu stillen. Am Wochenende kommen die Erstbeurteilung nach einem festen Schema und die Unterkühlung dazu, im Intensivkurs die Erst- und Zweitbeurteilung, die drei Hauptgefahren Blutung, Atemweg und Unterkühlung und die Frage, wann jemand abtransportiert werden muss. Das ersetzt keinen Erste-Hilfe-Kurs.
Überlebenstechniken in den vier Kursen
Im Kompetenzbereich Überlebenstechniken im Survival Training steigt von Kurs zu Kurs der Druck, unter dem du die Handgriffe übst. Die Handgriffe werden in jedem Kurs vom ersten Tag an geübt.
Die Lernstufe der Überlebenstechniken zeigt, wie weit sie unter Druck gehen, nicht wie viel Handwerk ein Kurs hat. Eine Lernstufe sagt, was im Kurs geschieht, nicht, was jemand danach kann.
Kennenlernen
Du machst dein erstes Feuer, meist die erste gelungene Aufgabe, und schreibst deinen ersten Wenn-dann-Plan.
Einüben
Du baust den Shelter in Stufen. Dazu kommt das Pre-Mortem.
Selbstständig anwenden
Du baust den Shelter unter erschwerten Bedingungen und gehst durch das Abschluss-Szenario. Dazu kommen Bogenbohrer und Nachtnavigation.
Unter Belastung anwenden
Ihr übt das Szenario unter Belastung. Übungen plant und leitet ihr selbst.
Die erste gelungene Aufgabe
„Ziel der Vorbereitung ist das Zutrauen, trotz der Lage und trotz der Angst handeln zu können.“ (ATP 3-50.21, Abs. 1-18) Dieses Zutrauen entsteht vor allem aus Aufgaben, die gelungen sind, nicht aus Zureden.
Feuer am ersten Abend
Die erste gelungene Aufgabe ist meist das erste Feuer am ersten Abend, weil die Rückmeldung sofort und eindeutig ist. Bei Starkregen oder Sturm ist es der Schutz.
Du machst das Feuer mit dem Feuerstahl. Jeder baut sein eigenes, und ich helfe nur bei einem Sicherheitsrisiko. Auf deiner Karte steht dein erster Wenn-dann-Plan: „Wenn mein erster Zunder nicht zündet, dann bereite ich sofort den zweiten vor.“
Wenn es nicht klappt
Dazu sage ich: „Wenn es nicht klappt, liegt es an der Aufgabe, nicht an dir. Wir passen die Aufgabe an.“
Was du mitnimmst
Danach frage ich: „Was ist dir heute gelungen?“ Und ich sage: „Dieses Feuer hast du gemacht. Das nimmst du mit.“ Eigenes Gelingen zeigt sich auch am Shelter, am Knoten und an der Richtung.
Was ist dir heute gelungen?
Feuer mit dem Bogenbohrer im Intensivkurs, auf dem Übungsgelände in der Schorfheide. Foto: Maurice Ressel.
Ruhe, Wissen, Plan und ihre Grenzen
Ruhe, Wissen und Plan bereiten das Tun unter Druck vor, und jedes der drei hat eine Grenze.
Ruhe und Druck
Was in Ruhe sitzt, sitzt unter Druck nicht von selbst. Darum kommt der Druck in Stufen.
Wissen und Tun
Im Kurs sage ich: „Wissen, wie es geht, ist nicht dasselbe wie es tun.“ Zu wissen, wie ein Shelter gebaut wird, heißt nicht, ihn im Regen in der Dämmerung zu bauen.
Woher die Wenn-dann-Form kommt
Die Handbücher verlangen, Notlagen vorher durchzudenken und Wege zu entwickeln, mit Belastungen umzugehen. Die Form „Wenn …, dann …“ steht in keinem von ihnen. Sie kommt aus der Forschung.
Wissen, wie es geht, ist nicht dasselbe wie es tun.
Grenzen und Sicherheit
Der Druck steigt kontrolliert und in Stufen; aussteigen ist jederzeit möglich, ohne Begründung. Das ist eine Regel für den Kurs.
Allein draußen gibt es nur im Intensivkurs (24 Stunden) und in der Ausbildung (48 Stunden), mit Funk, festen Meldezeiten und einem festen, schriftlichen Ablauf bei verpasster Meldung, und nie als Prüfung.
Allein gehst du besser nicht, wenn es sich vermeiden lässt. Im Kurs wird es trotzdem geübt, im gesicherten Rahmen, damit du die Handgriffe auch ohne Gruppe übst. Warum das dazugehört, führt Überlebenswille aus.
Ein Handgriff, der im Kurs unter Druck gelingt, sagt nichts darüber, ob er im Ernstfall hält.
Wer akut unter Traumafolgen oder einer anderen seelischen Erkrankung leidet, holt vorher ärztlichen oder therapeutischen Rat ein. Das Training ersetzt keine Behandlung. Es übt Handgriffe unter Druck, Erinnerungen bearbeitet es nicht.
Ein Schritt für heute
Schreib drei Wenn-dann-Pläne für deine nächste Tour, einen davon gegen Starrheit. Zum Beispiel: „Wenn ich merke, dass ich den Weg verloren habe, dann bleibe ich stehen, trinke etwas und schaue erst dann auf Karte oder Telefon.“ Oder: „Wenn etwas Unerwartetes passiert, dann halte ich an und beurteile neu.“
Dann prüf, ob du für die ersten Minuten dabeihast, was die Handgriffe brauchen: eine trockene Schicht, ein Signalmittel griffbereit, etwa Telefon und Pfeife, und etwas, um eine Blutung zu stillen.
Wie es weitergeht
Überlebenstechniken beginnen schon im Tageskurs, mit dem ersten Feuer als erster gelungener Aufgabe und dem ersten Wenn-dann-Plan. Anfangen kannst du in jedem Kurs, ohne Vorkenntnisse. Wer nicht weiß, wie viel er will, nimmt den Tageskurs.
Alle fünf Kompetenzbereiche gelesen
Du hast jetzt alle fünf Kompetenzbereiche gelesen. Weiter von vorn mit Belastbarkeit, dann Lagebeurteilung, Zusammenarbeit und Verantwortung und Überlebenswille.
Häufige Fragen
Nein, Überlebenstechniken sind kein Coaching. Du übst an Handgriffen, draußen, unter Druck aus der Natur wie Regen, Kälte oder Dunkelheit. Der Druck wächst über vier Lernstufen, vom Kennenlernen bis zum Anwenden unter Belastung.
Nein. Der Maßstab ist der Survival-Teil der militärischen Doktrin, vor allem die öffentlichen Handbücher der US Army und der US Air Force. Angepasst habe ich ihn für Zivilisten: ohne Gefangenschaft, ohne Ausweichen vor einem Gegner, mit Ausstieg jederzeit. Ich bin kein Soldat.
Eine feste Folge geben die Handbücher nicht, sie beschreiben ein Muster, das sich nach der Lage richtet. Im Ernstfall ordnet die Lage neu; bei Kälte kann das Feuer vor dem Shelter kommen. Fest steht in den Handbüchern nur, dass die Gesundheit zuerst kommt.
Den ersten Schutz gibt dir deine Kleidung, und zu Beginn einer Notlage gibst du Bescheid. Die Folge im Kurs ist die Folge des Unterrichts.
Eine Wirkung im Beruf sagt das Training nicht zu, aber manches nimmst du mit. Etwa einen Wenn-dann-Plan vor einer schwierigen Aufgabe. Oder ein Pre-Mortem, bei dem du vor dem Start annimmst, die Aufgabe sei gescheitert, und die Gründe sammelst. Geübt wird beides draußen, am Handgriff.
Nicht in erster Linie, denn die Handbücher, nach denen ich lehre, behandeln die Lage fern von Hilfe.
Die Grenze ist die Hilfe: Solange sie erreichbar ist, fragt Ziviles Ausweichen, ob du deinen Ort verlässt; fehlt sie, bist du im Survival, mit dem Handwerk und der Entscheidung, am Platz zu bleiben oder weiterzuziehen. Dauert das Gehen länger, brauchst du das Handwerk. Ziviles Ausweichen hat mit dem Ausweichen vor einem Gegner nichts zu tun.
Das Training hat vier Kurse, und die Überlebenstechniken haben in jedem ihre Lernstufe: Kennenlernen im Tageskurs, Einüben am Wochenende, selbstständig anwenden im Intensivkurs und unter Belastung anwenden in der Ausbildung. Eine Lernstufe sagt, was im Kurs geschieht, nicht, was jemand danach kann. Einsteigen kannst du in jeden Kurs ohne Vorkenntnisse. Vor Intensivkurs und Ausbildung führen wir ein persönliches Gespräch.
Nein, als Ganzes ist das Training nicht bewiesen. Seine Teile sind einzeln erforscht, ihr Zusammenspiel in diesem Training ist nicht gemessen.
Die Bausteine, aus denen das Training besteht, stützen sich auf Forschung. Das Ganze, so wie ich es lehre und in Stufen aufbaue, hat niemand in einer Studie geprüft. Die Handbücher zeigen, dass die Handgriffe zum Fach gehören, ein Beleg für die Wirkung des Trainings sind sie nicht.
Quellen
Handbücher der Überlebensausbildung: US Army, ATP 3-50.21 (2018), Abs. 1-3 mit Tab. 1-1, 1-4, 1-5, 1-13, 1-14, 1-18, 1-19, 1-22, 1-23, 5-1, 6-1, 6-7, Kap. 2 · US Air Force, AFH 10-644 (2017), Abs. 3.1.1.1, 3.1.3, 3.1.3.1, 4.6.2, 4.18.3, 5.5.1.1, 15.1.6.1, 19.1.1, 19.1.6.1, 21.3, 22.3.2 · US Army, FM 21-76 (1992), abgelöst; aktuell ATP 3-50.21; Kap. 1, 2 und 19. Zitate aus den Handbüchern in meiner Übersetzung.
Forschung: Bandura (1997), Selbstwirksamkeit · Klein, Calderwood und Clinton-Cirocco (1986), Entscheiden unter Zeitdruck bei der Feuerwehr · Klein (1998), Sources of Power · Kahneman und Klein (2009), Bedingungen für Intuition aus Erfahrung · Gollwitzer und Sheeran (2006), Wenn-dann-Pläne.
Maurice Ressel
Survival-Experte · Kriegs- & Krisenfotojournalist · Autor
25 Jahre Survival-Praxis. 15 Jahre als Kriegs- und Krisenfotojournalist in 22 Krisenländern, mit Einsätzen für Ärzte ohne Grenzen, UNICEF und Cap Anamur. IPA Award 2017. Gründer der Wildnisschule Lupus in der Schorfheide.

