Die Innere Ausrüstung
Zusammenarbeit und Verantwortung
Ein Wald in der Schorfheide, nach kurzer Nacht. Die Gruppe soll den Weg finden. Zwei Wege kommen in Frage, und für jeden gibt es Gründe. Ich stehe am Rand und sage nichts.
Noch ist nichts entschieden. Dann sagt einer über einen anderen aus der Gruppe: „Der hat das schon mal gemacht.“
Die anderen gehen los.
Einer von ihnen hat bei dieser Route ein ungutes Gefühl. Er geht mit, und er sagt nichts.
Den Moment kennst du vielleicht von einer Wanderung mit Freunden oder aus einer Besprechung. Jemand klingt sicher, alle gehen los, und du gehst mit, obwohl du zweifelst. Oder du merkst nicht, dass einer hinten still geworden ist.
Wie verhalte ich mich in der Gruppe, wenn es darauf ankommt?
Die Innere Ausrüstung trainiert fünf Kompetenzbereiche, Belastbarkeit, Lagebeurteilung, Zusammenarbeit und Verantwortung, Überlebenswille und Überlebenstechniken, an derselben Übung, in vier Lernstufen vom Kennenlernen bis zum Anwenden unter Belastung.
Was du in diesem Bereich übst
Im Kurs übst du, wie du dich draußen in einer Gruppe verhältst, wenn alle müde sind, mit Blick auf eine Lage, in der die gewohnte Hilfe fehlt. Dazu gehören vier Teile: wer führt, wer was übernimmt, die Kraft einteilen und auf die anderen achten.
Geübt wird am Handgriff. Ein Handgriff ist jede Fertigkeit, die du draußen brauchst, etwa den Weg mit Karte und Kompass finden. Danach folgt die Nachbesprechung. Besprochen wird die Übung, nicht die Lebensgeschichte.
Führung durch Absprache, nicht durch Rang.
Absprache heißt: Die Gruppe klärt, wer führt und wie sie entscheidet. Ist das geklärt, wird klar geführt.
Verhalten zeigt sich im Tun
Wie du dich in einer Gruppe verhältst, zeigt sich am Handgriff, nach kurzer Nacht und bei Kälte, mehr als in dem, was du über dich sagst.
Warum der Bereich so heißt
Der Name beschreibt, was man sehen kann. Er bewertet niemanden.
Dass ein Training Charakter aufbaut, zeigt die Forschung nicht.
Geübt wird Verhalten in der Gruppe. Werte und Haltung bleiben trotzdem Teil des Bereichs, als Verantwortung, die du für dich und die Gruppe trägst. Sie zeigen sich am Verhalten: Zusagen halten, Lasten teilen, auf andere achten.
Der erste der vier Teile ist die Frage, wer führt.
Eine Piste in der Herat-Region, 2010 bis 2012, rechts Rupert Neudeck. Foto: Maurice Ressel.
Wer führt
Auf einer Piste entschied ein Fahrer, wann wir warteten, wann wir weiterfuhren und wann er nein sagte. Wir folgten ihm.
In 15 Jahren als Krisenfotojournalist in 22 Ländern habe ich gesehen, worauf es unter Druck ankommt; das war kein Survival Training, sondern Dokumentation.
Die Hilfe war da. Eine Survival-Lage war es nicht.
Der Maßstab ist der Survival-Teil der militärischen Doktrin, vor allem die öffentlichen Handbücher der US Army und der US Air Force. Angepasst habe ich ihn für Zivilisten: ohne Gefangenschaft, ohne Ausweichen vor einem Gegner, mit Ausstieg jederzeit. Ich bin kein Soldat.
In den Handbüchern übernimmt der Ranghöchste die Führung und lenkt die Gruppe. Das Handbuch der US Air Force beschreibt auch, dass in einer Gruppe nach dem Ereignis jemand hervortreten kann, der die anderen anleitet und beruhigt. Wer führt, muss sich ein Bild von den Kräften der anderen machen.
Im Kurs gibt es keinen Rang. An seine Stelle treten das Wissen und die Erfahrung in der Gruppe.
Im Kurs kann die Führung wechseln, wenn die Lage wechselt. Einer führt beim Weg finden, eine andere beim Wasser aufbereiten. Absprache heißt nicht, dass alle einverstanden sein müssen. Nach demselben Handbuch hat eine Gruppe, die sich an ihre Absprachen hält, bessere Chancen als eine, die es nicht tut.
Dazu sage ich: „Führen heißt hier: zuhören, dann entscheiden, dann sagen, warum.“ Wer im Kurs so führt, heißt Tagesführung, die Person, die an einem Kurstag die Gruppe führt.
Vor jeder größeren Entscheidung, ob Route, Lagerplatz oder Pause, gibt es die kurze Runde.
Woher die vier Teile kommen
Die vier Teile habe ich aus den Handbüchern aufgebaut. Das Überleben allein und das Überleben in der Gruppe gehören beide zum Fach. Unterstützung, Zusammenarbeit und gute Führung zählen zu dem, was wichtig ist. Je enger eine Gruppe zusammenhält, desto leichter kommt sie mit der Lage zurecht.
Wer was übernimmt
Im Handbuch arbeitet die Gruppe zusammen, damit alle Aufgaben gerecht verteilt sind. Erfahrung und Kenntnisse aller in der Gruppe werden dort voll genutzt.
Im Kurs fragt die Tagesführung den Zustand ab, nach Kälte, Füßen, Kraft und Schlaf. Danach verteilt sie Lasten und Aufgaben. Wer weniger trägt, übernimmt etwas anderes: die Navigation, das Wasser, die Zeit im Blick.
Kraft einteilen
Das Handbuch rät, dass jeder einschätzt, wie weit seine Kraft zum Gehen, Tragen, Heben und Arbeiten reicht, und danach plant und handelt. Last, Tempo und Dauer sollen im Gleichgewicht sein. Im Kurs übst du, sie ins Gleichgewicht zu bringen.
Auf die anderen achten
Als erste Zeichen, dass jemand nicht mehr kann, nennt das Handbuch: Er gibt innerlich auf, wird still, redet nicht mehr, hat keinen Appetit und zieht sich aus der Gruppe zurück. Was Kälte und Erschöpfung am Körper zeigen, führt Belastbarkeit aus.
Wer entscheidet, ob gegangen wird, bedenkt den eigenen Zustand und den der anderen. Wer losgeht, soll wenn möglich zu zweit gehen, denn allein unterwegs zu sein ist gefährlich. Die Hilfe, die ihr euch selbst und gegenseitig gebt, kann die einzige sein. Die Handgriffe der Erstversorgung führt Überlebenstechniken aus.
Den größten Halt unter starkem Druck kann eine eng verbundene Gruppe geben. Panik kann sich in einer Gruppe schnell ausbreiten. Das Handbuch rät, mit gutem Beispiel voranzugehen, denn Ruhe und sichtbare Selbstbeherrschung stecken an.
Schweigen kann ein körperliches Warnzeichen sein, eines der ersten, dass jemand nicht mehr kann.
Die Forschung zu Charakterstärken beschreibt Haltungen wie Fairness oder Ausdauer, die sich im Handeln zeigen. Dieser Bereich übernimmt daraus nur den Blick auf das Verhalten, keinen Katalog.
Zu ihm passt diese Forschung, doch belegt ist er schwächer als die anderen vier. Ihn eigens zu führen, habe ich für den Unterricht entschieden. Die Handbücher machen die Gruppe zum Teil des Fachs. Über dieses Training sagen sie nichts.
Die Bausteine, aus denen das Training besteht, stützen sich auf Forschung. Das Ganze, so wie ich es lehre und in Stufen aufbaue, hat niemand in einer Studie geprüft.
Verlass dich nicht darauf, dass andere in der Gruppe den Weg im Blick behalten. (FM 21-76, Kap. 1)
Das Tempo der Gruppe und die Verantwortung füreinander
Im Handbuch richtet sich das Tempo der Gruppe nach dem Langsamsten. Pausen bleiben dort kurz, weil das Losgehen nach dem Auskühlen zusätzlich Kraft kostet. Zugleich rät das Handbuch, zu rasten, bevor die Leistung deutlich nachlässt.
Was das am eigenen Körper heißt, führt Belastbarkeit aus. Je größer die Gruppe, desto langsamer kommt sie nach dem Handbuch voran.
Im Kurs sage ich dazu: „Die Gruppe ist so sicher wie der Erschöpfteste in ihr.“
Zur Gruppe gehört Verantwortung füreinander. Nach dem Handbuch gehört dazu, einen guten Einfluss auf die anderen zu nehmen. Zum Überleben gehört, zu den anderen in der Gruppe zu stehen. Es geht um dein Leben und um das der anderen, die von dir abhängen.
Diese Verantwortung zeigt sich an dem, was du tust, etwa daran, dass du Lasten teilst.
Wenn jemand zurückfällt, dann tauschen wir Last und Platz in der Reihe.
Meine Rolle in der Übung
In der Übung beobachte ich zuerst und benenne danach. Solange sie läuft, gebe ich wenig Hinweise. Ausgewertet wird in der Nachbesprechung.
Für den Druck sorgen Zeit, Kälte, Nässe, Dunkelheit und Müdigkeit, die Aufgaben dazu stelle ich. Im Intensivkurs und in der Ausbildung kommen weniger Essen und weniger Ausrüstung dazu. Ich leite jeden Kurs allein, und die Gruppe arbeitet als eine Gruppe, ohne getrennte Kleingruppen.
Vorher lege ich das Zeitlimit für die Entscheidung fest und die Umkehrzeit. Für die Umkehrzeit habe ich einen Wenn-dann-Plan, lege also vorher fest, was geschieht, wenn etwas nicht gelingt: Ist sie erreicht, kehren wir um.
Ich greife ein, wenn Verirrung droht, wenn das Wetter kippt oder das Tageslicht nicht reicht. Ich greife auch ein bei Verletzung oder Erkrankung, bei Anzeichen von Unterkühlung oder Erschöpfung, wenn die Gruppe sich auseinanderzieht oder jemand zurückfällt und wenn jemand aussteigt.
Die Gruppenlinie
So beginnt es oft. Du stehst in der Gruppe, nach kurzer Nacht, und ihr müsst eine Route wählen. Die Gruppenlinie ist die Übung, in der die Gruppe eine echte Routenfrage selbst entscheidet.
Der Handgriff ist, den Weg mit Karte und Kompass zu finden, zum nächsten Wasserpunkt oder Lagerplatz. Es gibt zwei vertretbare Wege, und keiner ist als der richtige vorgegeben. Es geht darum, wie ihr entscheidet und wer führt.
Ich trainiere den Kopf am Handgriff, nicht daneben.
Ich nenne die Aufgabe, das Zeitlimit für die Entscheidung und die Umkehrzeit. Dann gehe ich ans Ende der Gruppe und schweige.
Du stehst mitten unter den anderen. Wer spricht zuerst, wer zögert, wer schaut auf die Karte, wer friert schon? Dann fallen Sätze wie „Ist auch ein Weg.“ oder „Ich bin neu hier, die anderen wissen mehr.“ Die Gruppe entscheidet und geht. Besprochen wird erst, wenn die Route begonnen hat.
„Verlass dich nicht darauf, dass andere in der Gruppe den Weg im Blick behalten.“ (FM 21-76, Kap. 1) Sind andere bei dir, rät das Handbuch, dafür zu sorgen, dass auch sie wissen, wo ihr seid.
Im Alltag kann man Entscheidungen meiden und andere für sich planen lassen. In einer Notlage geht das selten gut. Wie du die Lage bei der Wegwahl liest und dass du zuerst zur Ruhe kommst, führt Lagebeurteilung aus.
Ab dem Intensivkurs bekommt die Tagesführung morgens Aufgaben und Bedingungen: die Zeit bis zur Dunkelheit, den Wasserbedarf, das Ziel. Vor jeder größeren Entscheidung, ob Route, Lagerplatz oder Pause, gibt es die kurze Runde. Jede Stimme kommt einmal zu Wort, dann entscheidet die Tagesführung und sagt, warum. Abends übergibt sie an die nächste Tagesführung, mit einem Satz: „Was ich morgen anders machen würde.“
Am Wochenende läuft die Gruppenlinie, ohne dass sie ausführlich besprochen wird, und eine Person führt einen Abschnitt; im Intensivkurs folgt eine kurze Erklärung, und in der Ausbildung laufen die Entscheidungen über die Tagesführung.
Ihr bleibt eine Gruppe, und vom Ende aus sehe ich alle. Weniger Wasser gibt es nie.
Was in der Nachbesprechung gefragt wird
In der Nachbesprechung frage ich zuerst nach dem Körper: kalt, müde, hungrig? Schweigen kann ein körperliches Warnzeichen sein, eines der ersten, dass jemand nicht mehr kann. Deshalb deuten wir es zuerst so.
Dann geht es um die Absprache. Wer hat gesprochen, wer nicht, wer hat wen mitgenommen? Zum Schluss legt die Gruppe einen Wenn-dann-Plan für das nächste Mal fest, etwa: „Wenn jemand zurückfällt, dann tauschen wir Last und Platz in der Reihe.“
Fragen zur Zusammenarbeit kommen in den Nachbesprechungen aller Bereiche vor, nicht nur nach dieser Übung. Ich frage dann etwa: „Wer hatte Zweifel, und wer hat sie ausgesprochen?“ Oder: „Was hätte die Gruppe gebraucht, das niemand gesagt hat?“
Besprochen wird das Verhalten, nie die Person.
In einem bekannten Versuch gaben viele nach, wenn die ganze Gruppe etwas Falsches sagte. Ein Einzelner, der widersprach, machte es den anderen leichter, bei ihrer eigenen Sicht zu bleiben.
Wie Einwände Platz bekommen
Im Intensivkurs schreibt vor einer Entscheidung jeder seine Meinung auf, bevor gesprochen wird. Eine Person bekommt den Auftrag, Einwände zu suchen. Wer nicht erwartet, für einen Einwand bestraft zu werden, bringt ihn eher vor.
In der Nachbesprechung sage ich: „Gruppendruck ist ein Mechanismus, keine Schwäche. Die Frage ist, was ihr als Gruppe dagegen einrichtet.“
Ab dem fünften Tag im Intensivkurs gebt ihr euch paarweise Rückmeldung unter Gleichen. Jeder sagt nur, welches Verhalten er beim anderen in einer bestimmten Szene beobachtet hat, und ein Gruppengespräch darüber gibt es nicht.
Das Übungsgelände in der Schorfheide bei Nacht. Foto: Maurice Ressel.
Was das Training in diesem Bereich nicht tut
Dass Werteklärung und die Arbeit an den eigenen Stärken im Alltag helfen, ist untersucht. Ob sie im schlimmsten Fall helfen, weiß die Forschung nicht.
Ich schreibe keine Werte vor, urteile nicht moralisch und bearbeite keine Konflikte darüber, wer jemand ist. Ich frage: „Was hast du gerade gemacht?“
Reagiert jemand stark, vertiefen wir das nicht in der Gruppe. Ich spreche dann allein mit ihm, damit er aus der Gruppe heraus ist. Bearbeitet wird dabei nichts.
Die Werte-Übung
In der Werte-Übung wählst du auf einer Zielscheibe einen Wert, dem du näherkommen willst, auch für die Gruppe. Der Wert zeigt sich im Verhalten, etwa darin, dass du Zusagen hältst. Die Übung besprechen wir nicht in der Gruppe. Dafür ist sie zu persönlich.
Rückblick am Abend
Der Rückblick am Abend ist ein festes Ritual. Am Wochenende stelle ich eine Frage: „Was hast du heute angesprochen, was nicht?“
Im Intensivkurs schreibst du jeden Tag fünf Minuten in dein eigenes Heft, zu Fragen, die wechseln und vom Tag in dieser Gruppe handeln. Die Hefte lese ich nicht. Dazu sage ich: „Fünf Minuten. Ehrlich. Nicht, was sich gut anhört, was stimmt.“
Deine eigenen Grundsätze
Eine erste Fassung deiner eigenen Grundsätze schreibst du am letzten Tag des Intensivkurses. In der Ausbildung überarbeitest du sie in jedem Block.
Darin stehen drei Werte und drei Verhaltensweisen, für dich und für die Gruppe, dazu ein Satz, den dir jemand sagen darf, wenn du davon abweichst, und ein Wenn-dann-Plan. Jeder Grundsatz zeigt sich an einem Verhalten, etwa daran, dass du Lasten teilst. Vorlesen ist freiwillig.
Zusammenarbeit und Verantwortung in den vier Kursen
Wie viel Raum der Kompetenzbereich Zusammenarbeit und Verantwortung im Survival Training bekommt, hängt vom Kurs ab. Eine Lernstufe sagt, was im Kurs geschieht, nicht, was jemand danach kann.
Keine Lernstufe
In der Nachbesprechung kann eine Frage zur Zusammenarbeit vorkommen. Einen Namen bekommt der Bereich dort nicht.
Kennenlernen
Hier erlebst du die Gruppenlinie.
Einüben
Jeden Tag übernimmt eine andere Person die Tagesführung.
Selbstständig anwenden
Ihr übernehmt die Tagesführung bei Kälte, nach kurzer Nacht und im Szenario, einer gestellten Lage mit Auslöser, Ziel und Zeitrahmen, die nie eine Prüfung ist. Die Nachbesprechungen leiten die Teilnehmer selbst.
Gesteigert wird erst, wenn es in Ruhe gelingt: zuerst bei gutem Wetter und ausgeschlafen, dann nach kurzer Nacht oder bei Regen.
Was Zusammenarbeit und Verantwortung nicht ist
Der Bereich ist kein Coaching. An der Persönlichkeit wird nicht gearbeitet, und ein Persönlichkeitsprofil gibt es nicht. Geübt wird am Handgriff und in Lernstufen.
Er ist auch kein Führungsseminar: Führungsstile kommen nicht vor. Führung heißt hier, wer führt und wie das abgesprochen ist, und was du davon in Alltag und Beruf mitnimmst, ist deine Sache.
Und er ist kein Teambuilding: keine Spiele, keine Vertrauensübungen, keine gestellten Aufgaben mit Eingeweihten, und ein Gruppengefühl ist nicht das Ziel. Jede Gruppenaufgabe ist ein echter Handgriff mit echtem Zweck, ob Weg, Wasser oder Shelter.
Keine Bewertung, keine Therapie
Bewertet wird nicht die Person. Es gibt keinen Katalog von Tugenden und keine Moral. Werte zeigen sich hier nur am Verhalten. Eine Therapie ist das Training ebenso wenig. Nichts aus deiner Lebensgeschichte wird bearbeitet.
Grenzen und Sicherheit
Der Druck steigt kontrolliert und in Stufen; aussteigen ist jederzeit möglich, ohne Begründung. Diese Regel gehört zum Kurs. Für den Ernstfall gilt sie nicht.
Die Sicherheit bleibt in jeder Gruppenaufgabe bei der Kursleitung, auch wenn die Gruppe oder die Tagesführung führt. Ich überstimme jede Entscheidung, die die Sicherheit berührt.
Allein draußen bist du nur im Intensivkurs, 24 Stunden lang, und in der Ausbildung, 48 Stunden lang. Du hast dabei Funk, feste Meldezeiten und einen festen, schriftlichen Ablauf bei verpasster Meldung. Eine Prüfung ist das nie. Geübt wird es im gesicherten Rahmen, obwohl draußen sonst gilt, wenn möglich zu zweit zu gehen. Warum, führt Überlebenswille aus.
Was eine Gruppe im Kurs gut abspricht, sagt nichts darüber, wie sie im Ernstfall entscheidet. Das Training übt Verhalten in der Gruppe. Es hat nicht das Ziel, zu verändern, wer jemand ist, und innere Konflikte bearbeitet es nicht.
Wer akut unter Traumafolgen oder einer anderen seelischen Erkrankung leidet, holt vorher ärztlichen oder therapeutischen Rat ein. Das Training ersetzt keine Behandlung.
Auf dem Übungsgelände in der Schorfheide. Foto: Maurice Ressel.
Ein erster Schritt für heute
Für die nächste Unternehmung mit anderen gibt es drei kleine Proben, ganz ohne Kurs. Was du davon mitnimmst, liegt bei dir.
Beobachten, wer spricht
Bei der nächsten Entscheidung in einer Gruppe, ob auf einer Wanderung, bei einem Ausflug oder in einer Besprechung, beobachtest du nur, solange nichts Gefährliches passiert. Wer spricht, wer schweigt, wer folgt?
Werte gegen Verhalten prüfen, für dich und für andere
Überleg dir, was du in einer Gruppe tun willst, wenn es eng wird, etwa auf andere achten. Füll dafür diese Form aus: „Heute will ich ___ für die Gruppe tun, weil mir ___ wichtig ist. Wenn ___, dann ___.“ Nach der nächsten gemeinsamen Unternehmung siehst du nach, ob du es getan hast.
Eine Absprache ausdrücklich machen
Vor dem Losgehen bei der nächsten gemeinsamen Unternehmung fragst du ausdrücklich: Wer hat den Weg im Blick, wann wird umgekehrt, wer achtet auf wen?
Als Wenn-dann-Plan heißt das: „Wenn wir losgehen, dann frage ich zuerst: Wer hat den Weg im Blick?“
Was als Nächstes kommt
Dass Menschen auf dich zählen, kann auch ein Grund sein, durchzuhalten. Dem geht der nächste Bereich nach, Überlebenswille, mit der Leitfrage: „Warum halte ich durch?“
Wo du einsteigst
Zusammenarbeit und Verantwortung beginnt am Wochenende, mit der Gruppenlinie. Anfangen kannst du in jedem Kurs, ohne Vorkenntnisse.
Du hast den dritten Kompetenzbereich gelesen
Zurück zu Belastbarkeit, wenn du Kälte und Erschöpfung beim anderen erkennen willst, zu Lagebeurteilung, wenn es um die Lage bei der Wegwahl geht, oder zur Übersicht Die Innere Ausrüstung.
Häufige Fragen
Nein, das verspricht dieses Training nicht, und die Forschung zeigt auch nicht, dass ein Training so etwas aufbaut. Geübt wird, wie du dich in der Gruppe verhältst, und zwar an Handgriffen, sodass man es sehen kann. Deshalb heißt der Bereich Zusammenarbeit und Verantwortung.
Nein, geübt wird, wie eine Gruppe draußen entscheidet. Führung durch Absprache, nicht durch Rang. Gemeint ist: Zuerst vereinbart die Gruppe, wer die Führung hat, und danach führt diese Person eindeutig. Manches davon nimmst du vielleicht in Alltag und Beruf mit. Zusagen kann ich das nicht.
Nein, in der Nachbesprechung geht es um die Übung, zuerst um den Körper, danach um die Absprache. Eine Frage lautet etwa: „Wie habt ihr entschieden: abgesprochen oder jemandem gefolgt?“ Wenn jemand schweigt, suchen wir den Grund zuerst im Körper. Werte schreibe ich niemandem vor. Besprochen wird die Übung, nicht die Lebensgeschichte.
Nein, niemand wird dazu gedrängt. Wer nicht Tagesführung sein will, übernimmt eine Teilaufgabe, zum Beispiel die Navigation. Mehr Druck kommt erst dazu, wenn eine Aufgabe unter ruhigen Bedingungen klappt. Und für die Sicherheit bleibt die Kursleitung zuständig, auch wenn jemand aus der Gruppe führt.
Bist du der Langsamste, richtet sich das Tempo der Gruppe nach dir. Die Tagesführung fragt ab, wie es dir geht, und verteilt Lasten und Aufgaben danach. Als Regel im Kurs gilt außerdem: Du kannst jederzeit aussteigen, ohne Begründung. Um die körperliche Seite geht es im Bereich Belastbarkeit.
Nein, du kannst in jedem Kurs ohne Vorkenntnisse anfangen. Eine Lernstufe hat dieser Bereich ab dem Wochenende, im Tageskurs noch keine. Vor dem Intensivkurs und der Ausbildung führen wir ein persönliches Gespräch, und die Ausbildung läuft in Blöcken.
Quellen
Handbücher der Überlebensausbildung: US Air Force, AFH 10-644 (2017), Abs. 3.1.3, 4.4, 4.7.1, 4.9, 4.9.4, 4.12, 4.12.4, 4.12.5, 4.13, 4.18.3, 4.20, 19.1.1, 19.2.1, 19.2.2.1, 19.2.2.2, 19.2.2.4 · US Army, ATP 3-50.21 (2018), Einleitung, Abs. 1-11, 1-15, 1-18, 7-2 · US Army, FM 21-76 (1992), abgelöst; aktuell ATP 3-50.21, Kap. 1. Zitate aus den Handbüchern in meiner Übersetzung.
Forschung: Peterson und Seligman (2004), Charakterstärken · Chopik u. a. (2020), Journal of Personality 89 · Brookes (2003), Kritik an der Outdoor-Pädagogik · Asch (1956), eine Gegenstimme in der Gruppe · Bond und Smith (1996), Gruppendruck im Kulturvergleich, Metaanalyse · Edmondson (1999), Einwände in Arbeitsgruppen · Gollwitzer und Sheeran (2006), Wenn-dann-Pläne, Metaanalyse.
Maurice Ressel
Survival-Experte · Kriegs- & Krisenfotojournalist · Autor
25 Jahre Survival-Praxis. 15 Jahre als Kriegs- und Krisenfotojournalist in 22 Krisenländern, mit Einsätzen für Ärzte ohne Grenzen, UNICEF und Cap Anamur. IPA Award 2017. Gründer der Wildnisschule Lupus in der Schorfheide.

