Glossar › SERE Training

Von Maurice Ressel, Survival-Experte – 15 Jahre Felderfahrung in 22 Krisenländern

SERE Training: Definition, Geschichte und wissenschaftliche Einordnung

SERE Training (Survival, Evasion, Resistance, Escape) ist ein militärisches Hochrisiko-Ausbildungsprogramm, das ausgewähltes Personal systematisch auf vier Szenarien vorbereitet: Überleben in feindlicher Umgebung, Vermeidung von Gefangennahme, Widerstand gegen Ausbeutung in Gefangenschaft und Flucht aus feindlicher Kontrolle. Begründet durch Executive Order 10631 (1955) und empirisch validiert als Stress-Inokulations-Paradigma, ist SERE heute NATO-weit standardisiert.

SERE Training auf einen Blick

Akronym: Survival, Evasion, Resistance, Escape – vier Kompetenzbereiche in einem Ausbildungsprogramm.

Ursprung: Koreakrieg-Erfahrungen (1950–1953) mit über 7.000 US-Kriegsgefangenen und einer Mortalitätsrate von rund 40 Prozent.

Drei Stufen: Level A (Basiswissen für alle Soldaten), Level B (erweitert), Level C (Vollausbildung mit simulierter Gefangenschaft und Verhör).

Forschungsbasis: Messbare neurobiologische Stressadaptation – Neuropeptid Y und DHEA/Cortisol-Ratio als Resilienzmarker (Morgan et al., 2000).

NATO-Standard: STANAG 7226 (2017) standardisiert Conduct After Capture für alle Mitgliedstaaten.

Was ist SERE Training und wie ist es entstanden?

Joint Publication 3-50 definiert SERE als Handlungen isolierten Personals zur Bewahrung von Gesundheit, Mobilität, Sicherheit und Ehre – mit dem Ziel der Rückkehr in eigene Kontrolle (JP 3-50, 2019). Die Doktrinschrift formuliert nüchtern. Was sie nicht erwähnt: über 7.000 amerikanische Kriegsgefangene und eine Sterberate, die formalisierte Gegenwehr erzwang.

Von den US-Soldaten, die im Koreakrieg in nordkoreanische und chinesische Gefangenschaft gerieten, starben je nach Quellengrundlage zwischen 39 und 43 Prozent (ATP 3-50.21, 2018). 21 Gefangene verweigerten nach Kriegsende die Repatriierung. Der Soziologe Albert D. Biderman wies nach, dass die chinesischen Methoden keine mysteriöse „Gehirnwäsche” waren, sondern systematische Koerzionstechniken – Isolation, induzierte Schwächung, demonstrierte Allmacht, erzwungene Trivialhandlungen (Biderman, 1957). Die politische Antwort auf seinen Befund folgte 1955.

Executive Order 10631 (17. August 1955) – der Code of Conduct – bildet bis heute die rechtliche Grundlage aller SERE-Programme.

Präsident Eisenhower unterzeichnete am 17. August 1955 Executive Order 10631, den Code of Conduct for Members of the Armed Forces. Die Verordnung verpflichtete die Streitkräfte, gefährdetes Personal auf Gefangenschaft vorzubereiten. Bereits 1951 hatte die USAF auf der Stead Air Force Base in Nevada eine Survival School gegründet; bis 1961 formalisierte sie ihr Curriculum zum ersten vollständigen SERE-Programm (Doran, Hoyt und Morgan, 2012). Nach der Schließung von Stead AFB 1966 verlagerte sich der Standort nach Fairchild Air Force Base in Washington, wo die 336th Training Group bis heute ausbildet.

Kein einzelner Mensch prägte die Army-SERE-Ausbildung stärker als Colonel James N. „Nick” Rowe. Am 29. Oktober 1963 im Mekong-Delta gefangen genommen, überlebte er fünf Jahre in Dschungelgefangenschaft der Vietcong. Nach seiner Flucht am 31. Dezember 1968 gründete er die Army-SERE-Schule am Camp Mackall, die heute seinen Namen trägt. Rowe wurde am 21. April 1989 in Manila ermordet.

DoD Instruction 1300.21 formalisierte 2001 das heute gültige Drei-Stufen-System. Level A richtet sich an alle Streitkräfteangehörigen, Level B an Personal mit mittlerem Gefangenschaftsrisiko. Level C – die intensivste Form mit simulierter Gefangenschaft und Verhör – ist Flugbesatzungen, Spezialkräften und Militärattachés vorbehalten.

Was dieses Ausbildungsprogramm im Körper der Teilnehmer auslöst, dokumentierte ab 2000 ein Forschungsprogramm an der Yale University.

Was sagt die Forschung über SERE Training?

Charles A. Morgan III, Psychiater an der Yale University und am National Center for PTSD, nutzte SERE-Kurse als das, was Doran, Hoyt und Morgan (2012) ein natürliches Modell für akuten, unkontrollierbaren Stress nannten. Die Publikationen seines Forschungsprogramms sammelten über 19.000 Zitationen.

Morgan III untersuchte 70 aktive Soldaten, davon 38 aus Spezialeinheiten und 32 konventionelle Infanteristen. Die Special-Forces-Soldaten wiesen während und nach der Verhörsimulation signifikant höhere Konzentrationen von Neuropeptid Y auf, einem Neuropeptid, das mit Stressresilienz assoziiert ist (Morgan et al., Biological Psychiatry, 2000). Höheres NPY korrelierte mit besserer Verhaltensleistung unter Verhör und geringerer Dissoziation. Bei Special-Forces-Soldaten normalisierte sich der NPY-Spiegel innerhalb von 24 Stunden. Bei konventionellen Soldaten blieb er depletiert.

Die Cortisolanstiege während SERE gehören zu den höchsten je beim Menschen dokumentierten – über dem Niveau offener Herzchirurgie.

Die Cortisolanstiege während der SERE-Gefangenschaftsphase gehörten laut Doran, Hoyt und Morgan (2012) zu den höchsten je beim Menschen dokumentierten – in Einzelfällen über dem Niveau offener Herzchirurgie. Eine weitere Studie aus dem Morgan-Programm zeigte, dass das Verhältnis von DHEA zu Cortisol kognitive Genauigkeit und Dissoziationsresistenz unter Stress vorhersagt (Morgan et al., Archives of General Psychiatry, 2004). 96 Prozent der untersuchten SERE-Teilnehmer berichteten während der akuten Belastungsphase dissoziative Symptome; Special-Forces-Soldaten zeigten signifikant niedrigere Werte als Infanteristen (Morgan et al., American Journal of Psychiatry, 2001).

Doran, Hoyt und Morgan verglichen den Mechanismus mit einer Impfung: Stress-Inokulation aktiviere die Bewältigungsmechanismen bei einer Belastung, die hoch genug sei, um sie zu mobilisieren, aber nicht so hoch, dass sie dauerhaft überfordert würden. Das Prinzip funktioniert. Langzeitbeobachtungen zeigten, dass SERE-Absolventen keine Stress-Sensibilisierung entwickelten, sondern sich normal erholten. Eine 2025 publizierte Studie mit 47 Spezialkräftesoldaten ergänzte das Bild: Epinephrin stieg während des SERE-Kurses auf 409,7 pg/ml gegenüber 316,1 pg/ml in der Kontrollgruppe (p<0,001). Eine negative Korrelation zwischen Epinephrin und Dienstzeit deutete auf neurobiologische Habituation hin (Grzesik-Pietrasiewicz et al., Scientific Reports, 2025).

Wie SERE Training sich von verwandten Ausbildungsformaten abgrenzt, lässt sich allerdings nicht neurobiologisch beantworten.

SERE Training, Einzelkämpferlehrgang und ziviles Survival Training im Vergleich

Drei Ausbildungsformate werden häufig verwechselt. Was sie trennt, ist die Gegner-Komponente. Ziviles Survival Training vermittelt Fertigkeiten für das Überleben ohne menschlichen Gegner: Feuer, Wasser, Shelter, Navigation. SERE setzt einen menschlichen Gegner voraus – die Komponenten Evasion, Resistance und Escape existieren nur, weil jemand sucht, verhört oder festhält.

Der deutsche Einzelkämpferlehrgang, seit 1957 an der Infanterieschule in Hammelburg durchgeführt, fokussiert auf taktische Führungskompetenz: einen isolierten Verband durch feindliches Gebiet führen, Jagdkampf, Durchhaltevermögen unter Extrembelastung. Seit der Neugestaltung 2021 enthält der Lehrgang ein SERE-Aufnahmeverfahren, doch der Schwerpunkt bleibt infanteristisch. Parallel dazu führt die Bundeswehr am Ausbildungszentrum Spezielle Operationen in Pfullendorf eigene SERE-Level-C-Kurse für Spezialkräfte und fliegendes Personal durch. Auf NATO-Ebene standardisiert STANAG 7226 (2017) die Ausbildungsinhalte unter dem Begriff Conduct After Capture.

Im zivilen Bereich adaptiert das Hostile Environment and First Aid Training (HEFAT), 1993 vom ehemaligen Royal Marine Paul Rees konzipiert, Elemente des SERE-Ansatzes für Journalisten und NGO-Mitarbeiter. Die Resistance- und Escape-Simulationen entfallen aus rechtlich-ethischen Gründen – der Fokus verschiebt sich von Gefangenschaftsresilienz zu Prävention und Situationsbewusstsein.

Kriterium SERE Training (US) Einzelkämpferlehrgang (Bw) Ziviles Survival Training
Fokus Gefangenschaftsresilienz, Verhörwiderstand Taktische Führung, Jagdkampf Überlebenstechniken ohne Gegnerbezug
Gegner-Komponente Zentral (Evasion, Resistance, Escape) Vorhanden, aber sekundär Nicht vorhanden
Psychologisches Training Stress-Inokulation, simulierte Verhöre Belastungserprobung Situational Awareness, ggf. Stressbewältigung
Zielgruppe Hochrisiko-Personal (Piloten, SOF, Attachés) Offiziere, Unteroffiziere Infanterie Zivilisten, Journalisten, NGO-Mitarbeiter
Rechtsrahmen Code of Conduct, DoDI 1300.21 Bundeswehr-Vorschriften Keiner

Gegenüber zivilen Formaten ist die Abgrenzung klar. Innerhalb des militärischen Kontextes erwies sie sich nach dem 11. September 2001 als weit schwieriger.

Die Kontroverse: SERE-Techniken und Enhanced Interrogation

Im Dezember 2001 schlugen die Psychologen James Mitchell und Bruce Jessen – beide mit SERE-Hintergrund – dem CIA vor, die Widerstandstechniken des SERE-Curriculums umzukehren: Was Soldaten lernen auszuhalten, sollte bei Terrorverdächtigen systematisch angewendet werden. Bidermans Koerzions-Chart, ursprünglich als Analyse feindlicher Methoden entstanden, wurde zur Blaupause für das Enhanced Interrogation-Programm (SASC Report, 2008).

SERE-Techniken waren für Widerstandstraining konzipiert, nicht zur Gewinnung verlässlicher Informationen.

Der Untersuchungsbericht des Senate Armed Services Committee stellte 2008 fest, dass SERE-Techniken für Widerstandstraining konzipiert worden seien, nicht zur Gewinnung verlässlicher Informationen. Mehrere SERE-Psychologen – darunter Jerald Ogrisseg (Air Force) und Lt. Colonel Morgan Banks (Army) – hatten formal vor dem Missbrauch gewarnt. Ein JPRA-Memorandum von 2002 hatte die eigenen Techniken als potenziell folteräquivalent bezeichnet. Mitchell Jessen & Associates erhielten bis zur Vertragsauflösung 2009 insgesamt 81 Millionen Dollar von der CIA (SSCI Report, 2014).

Die Kontroverse offenbart ein systemimmanentes Problem: Jedes Widerstandstraining, das gegnerische Methoden simuliert, um Resilienz aufzubauen, kann mit umgekehrtem Vorzeichen als Angriff eingesetzt werden. Die institutionellen Schutzmaßnahmen des SERE-Programms – psychologische Screening-Verfahren, Codewörter, geschulte Sicherheitsbeobachter – existieren, weil die Programmarchitekten dieses Risiko von Anfang an erkannten (Doran, Hoyt und Morgan, 2012).

Häufig gestellte Fragen zu SERE Training

Was bedeutet SERE?

SERE steht für Survival, Evasion, Resistance und Escape – vier Kompetenzbereiche einer militärischen Ausbildung, die vom Überleben in feindlicher Umgebung bis zur Flucht aus Gefangenschaft reichen.

Können Zivilisten SERE Training absolvieren?

Das militärische SERE Level C ist Angehörigen der Streitkräfte vorbehalten. Zivile Adaptationen wie das Hostile Environment and First Aid Training (HEFAT) vermitteln Survival- und Evasion-Elemente, verzichten aber auf Resistance- und Escape-Simulationen.

Einige kommerzielle Anbieter nutzen „SERE” als Label für kombinierte Überlebens- und Selbstschutztrainings, die sich inhaltlich und rechtlich vom militärischen Programm unterscheiden.

Was ist der Unterschied zwischen SERE Training und Survival Training?

Ziviles Survival Training konzentriert sich auf das Überleben ohne Gegnereinwirkung: Wasseraufbereitung, Feuermachen, Shelterbau, Orientierung. SERE Training integriert drei weitere Komponenten – Evasion (Ausweichen), Resistance (Verhörwiderstand) und Escape (Fluchtplanung) –, die alle einen menschlichen Gegner voraussetzen.

Die psychologische Belastung durch simulierte Gefangenschaft und Verhöre macht SERE zu einer fundamental anderen Ausbildungserfahrung.

Gibt es SERE Training in Deutschland?

Die Bundeswehr führt SERE-Level-C-Kurse am Ausbildungszentrum Spezielle Operationen in Pfullendorf für Spezialkräfte und fliegendes Personal durch. Der Einzelkämpferlehrgang an der Infanterieschule Hammelburg ist ein eigenständiges Format mit Überschneidungen – seit 2021 enthält er ein SERE-Aufnahmeverfahren –, fokussiert aber auf taktische Führung und Jagdkampf, nicht auf systematische Gefangenschaftsresilienz.

Beide Programme existieren parallel.

Quellenverzeichnis

Biderman, A. D. (1957). Communist attempts to elicit false confessions from Air Force prisoners of war. Bulletin of the New York Academy of Medicine, 33(9). PMC 1806204

Department of the Army (2018). ATP 3-50.21: Survival.

Doran, A. P., Hoyt, G. & Morgan, C. A. III (2012). Survival, Evasion, Resistance, and Escape (SERE) Training. In: Kennedy, C. H. & Zillmer, E. A. (Hrsg.), Military Psychology: Clinical and Operational Applications, 2. Aufl. New York: Guilford Press.

Executive Order 10631 (1955). Code of Conduct for Members of the Armed Forces. National Archives

Grzesik-Pietrasiewicz, M. et al. (2025). The impact of SERE training on selected neurotransmitter secretion in special forces soldiers. Scientific Reports, 15, 21853. DOI: 10.1038/s41598-025-06270-9

Joint Chiefs of Staff (2019). JP 3-50: Personnel Recovery.

Morgan, C. A. III, Wang, S., Mason, J. et al. (2000). Hormone profiles in humans experiencing military survival training. Biological Psychiatry, 47(10), 891–901. DOI

Morgan, C. A. III, Wang, S., Southwick, S. M. et al. (2000). Plasma neuropeptide-Y concentrations in humans exposed to military survival training. Biological Psychiatry, 47(10), 902–909.

Morgan, C. A. III, Rasmusson, A. M., Hazlett, G. et al. (2004). Relationships among plasma DHEA-S and cortisol levels, symptoms of dissociation, and objective performance. Archives of General Psychiatry, 61, 819–825.

Morgan, C. A. III, Southwick, S. M., Steffian, G. et al. (2001). Dissociative symptoms in humans experiencing acute uncontrollable stress. American Journal of Psychiatry.

Senate Armed Services Committee (2008). Inquiry Into the Treatment of Detainees in U.S. Custody. National Security Archive

Senate Select Committee on Intelligence (2014). Committee Study of the CIA’s Detention and Interrogation Program (Executive Summary).

STANAG 7226 (2017). Conduct After Capture (CAC) Training. NATO.

U.S. Department of Defense (2001). DoDI 1300.21: Code of Conduct (CoC) Training and Education. DPAA


Über den Autor

Maurice Ressel ist Survival-Experte mit 15 Jahren Felderfahrung in 22 Krisenländern, Fotojournalist (IPA Award 2017) und Autor bei Penguin Random House. Er leitet die Wildnisschule Lupus in Brandenburg und bildet Zivilpersonen in Survival, Bushcraft und psychologischer Handlungsfähigkeit aus. Seine Arbeit verbindet praktische Wildnisfertigkeiten mit wissenschaftlich fundierter Krisenpsychologie.

Vollständiges Expertenprofil → /survival-experte/

Survival Training in der Praxis erleben → Kurse bei der Wildnisschule Lupus

Zuletzt aktualisiert: März 2026

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