Glossar › Wildnis-Survival

Von Maurice Ressel, Survival-Experte – 15 Jahre Felderfahrung in 22 Krisenländern

Wildnis-Survival: Definition, Einordnung und die Systematik des Überlebens

Wildnis-Survival bezeichnet das Überleben in akuten Notlagen im naturräumlichen Umfeld, fernab menschlicher Infrastruktur. Das Bedrohungsprofil ist ökologisch: Exposition, Thermoregulation, Wasser- und Nahrungsmangel, Orientierungsverlust und Verletzung in Gelände, in dem Rettung sich verzögert. Damit grenzt es sich gegen das soziale Profil des Urban Survival und das Feindprofil des Combat Survival ab. Es ist die Kontext-Domäne, die die meisten Menschen meinen, wenn sie „Survival” sagen, und zugleich nur eine von mehreren.

Wildnis-Survival auf einen Blick

Wildnis-Survival ist die Kontext-Domäne des Überlebens mit ökologischem Bedrohungsprofil, abgegrenzt von Urban Survival (sozial) und Combat Survival (Feind).

Keine Institution hat je eine geschlossene Definition publiziert. Die Encyclopædia Britannica reduziert den Begriff auf „Steinzeit-Fertigkeiten”.

Die zivile Linie reicht von Larry Dean Olsen (1967) über Mors Kochanski und Rüdiger Nehberg bis Ray Mears. Die militärische Linie läuft von MI9 (1939) zu SERE.

In Österreich starben 2024 insgesamt 309 Menschen am Berg, die meisten beim Wandern und Bergsteigen (127 Tote). In der Schweiz kamen 111 Menschen im klassischen Bergsport ums Leben.

Die häufigste Todesursache beim Wandern ist Herz-Kreislauf-Versagen mit rund 42 Prozent, nicht der Absturz.

In Deutschland sind nur 0,62 Prozent der Landesfläche als großflächige Wildnis gesichert. Das 2-Prozent-Ziel der nationalen Biodiversitätsstrategie wurde verfehlt.

Was ist Wildnis-Survival?

Wildnis-Survival ist diejenige Domäne des Überlebens, deren Bedrohung aus der natürlichen Umwelt selbst erwächst. Dazu zählen Kälte und Hitze, Dehydration, schwieriges Gelände, Orientierungsverlust und Verletzung fern jeder schnellen Rettung. Nach der Arbeitsdefinition von Ressel (2026) ist nicht die Landschaft das Definitionsmerkmal, sondern das Bedrohungsprofil. Eine Person überlebt hier nicht gegen andere Menschen und nicht gegen einen Feind, sondern gegen die Natur und gegen die eigene Physiologie.

Wildnis ist kein Ort auf der Landkarte, sondern eine Bedingung: Die Hilfe ist zu weit weg, um rechtzeitig zu kommen.

Das wissenschaftlich tragfähigste Kriterium liefert die Wildnismedizin. Die Wilderness Medical Society definiert ihr Feld geografisch (WMS). Versorgung findet demnach dort statt, wo feste oder vorübergehende geografische Hindernisse die Verfügbarkeit von Rettung und medizinischen Ressourcen verringern. Dieses Kriterium ist übertragbar. Eine Hochalm im Frühsommer ist keine Wildnis, solange die Bergrettung in zwanzig Minuten am Hang steht. Dieselbe Alm wird zur Wildnis, wenn Nebel einfällt, der Hubschrauber am Boden bleibt und das Handynetz fehlt.

Sechs ökologische Bedrohungen

Sechs ökologische Bedrohungen prägen die Domäne. Exposition und gestörte Thermoregulation stehen am Anfang, weil der Körper Wärme schneller verliert, als die meisten erwarten. Dehydration folgt, dann Nahrungsmangel, der erst nach Wochen kritisch wird. Hinzu kommen das Gelände selbst mit seiner Sturz- und Absturzgefahr, der Orientierungsverlust und die Verletzung an einem Ort, den kein Rettungswagen erreicht. Keine dieser Bedrohungen trägt eine Absicht. Sie verhandeln nicht, sie täuschen nicht, sie machen keine Fehler, die man ausnutzen könnte. Das unterscheidet die ökologische Gefahr grundlegend von einem menschlichen Gegner und prägt jede Methode, die gegen sie hilft.

Wie kontraintuitiv dieses Profil ist, zeigt eine US-amerikanische Auswertung von Nationalpark-Todesfällen: Hitze fordert dort mehr Leben als Kälte (National Park Service, Auswertung Backpacker). Die meisten Menschen verbinden Survival mit Schnee und Erfrierung, doch die Wüstenparks im Südwesten töten häufiger als die alpinen.

Wie hat sich Wildnis-Survival historisch entwickelt?

Die zivile Linie

Die zivile Survival-Tradition entstand in den späten 1960er Jahren, getrennt von ihrem militärischen Vorläufer. Larry Dean Olsen veröffentlichte 1967 mit „Outdoor Survival Skills” das erste Lehrbuch primitiver Fertigkeiten. Ein Jahr später gründete er den Kurs, aus dem die Boulder Outdoor Survival School hervorging (Olsen, 1967). Sein Ansatz war radikal einfach: Überleben mit dem, was die Natur selbst bereitstellt, ohne moderne Ausrüstung. In Kanada prägte Mors Kochanski den Begriff Bushcraft und brachte ihn 1987 mit seinem gleichnamigen Standardwerk in eine lehrbare Form (Kochanski, 1987).

Im deutschsprachigen Raum geht die Bewegung auf eine Person zurück. Rüdiger Nehberg, von vielen „Sir Vival” genannt, importierte den Begriff Survival Ende der 1960er Jahre aus den USA. Damit begründete er die Survivalbewegung im deutschsprachigen Raum. Seine Expeditionen, oft mit bewusst minimaler Ausrüstung, machten das Thema in Deutschland populär, lange bevor es einen Markt dafür gab. In Großbritannien gründete Ray Mears 1983 seine Schule Woodlore und machte die Disziplin über das Fernsehen einem breiten Publikum zugänglich.

Institutionen und die wissenschaftliche Säule

Parallel formten Institutionen das Feld. Outward Bound entstand 1941 im walisischen Aberdovey, gegründet von Kurt Hahn und Lawrence Holt, zunächst als Charakterschule für junge Seeleute, die nach Torpedierungen überleben sollten. Die National Outdoor Leadership School, kurz NOLS, folgte 1965 unter dem Bergsteiger Paul Petzoldt und bildete bis heute über 360.000 Menschen aus (Stand 2025). Beide verstanden Survival nie als Selbstzweck, sondern als Mittel der Persönlichkeits- und Führungsbildung.

Eine eigene wissenschaftliche Säule kam 1983 hinzu, als Paul Auerbach, Ed Geehr und Ken Kizer die Wilderness Medical Society gründeten. Ihr Fachjournal erscheint seit 1995 als „Wilderness & Environmental Medicine” und machte aus dem Erfahrungswissen der Praktiker ein überprüfbares, klinisches Feld.

Die militärische Linie

Davon klar zu trennen ist die militärische Linie. Sie beginnt 1939 mit der britischen Einheit MI9 unter Norman Crockatt. Über den Koreakrieg führt sie zur heutigen SERE-Ausbildung, deren Schwerpunkt auf Feind, Gefangenschaft und Widerstand liegt. Diese Linie kennt eine Bedrohung, die der zivilen fremd ist: den menschlichen Gegner. Wer abgeschossen über feindlichem Gebiet überleben muss, kämpft nicht nur gegen Kälte und Hunger, sondern gegen eine Macht, die ihn aktiv sucht. Damit ist die Frage gestellt, wie sich die Domänen des Überlebens überhaupt zueinander verhalten.

Welche Arten von Survival gibt es?

Survival zerfällt nach Bedrohungsprofil in drei Kontext-Domänen: ökologisch im Wildnis-Survival, sozial im Urban Survival, feindbestimmt im Combat Survival. Diese Dreiteilung folgt der Logik, nach der auch militärische und institutionelle Quellen ihre Überlebenslehre ordnen. Schärfen lässt sie sich entlang dreier Achsen: der physischen Umgebung, des operativen Kontextes und des Grades an Handlungsfähigkeit der betroffenen Person.

Unter dem Dach des Wildnis-Survival liegen die umgebungsbasierten Subdomänen. Das US-Feldhandbuch FM 3-05.70 ordnet sie nach Klimazonen und widmet jeder ein eigenes Kapitel: Wüste, Tropen, Kälte und See (U.S. Department of the Army, 2002). Daraus ergeben sich die Spokes der Domäne, vom alpinen über das aride und tropische bis zum maritimen und arktischen Überleben. Jede dieser Subdomänen verschiebt den Schwerpunkt der Bedrohung. In der Arktis dominiert die Kälte, in der Wüste die Dehydration, im Hochgebirge das Gelände und die Höhe. Doch alle teilen denselben Kern: Die Gefahr kommt aus der Umwelt, nicht aus dem Menschen.

Die folgende Übersicht zeigt die drei Kontext-Domänen im Vergleich.

Domäne Bedrohungsprofil Gegner Typische Beispiele
Wildnis-Survival ökologisch Natur, eigene Physiologie Verirren im Wald, Unterkühlung am Berg
Urban Survival sozial Infrastruktur-Kollaps, Menschen Belagerung, Blackout, Versorgungsausfall
Combat Survival feindbestimmt militärischer Gegner Absturz über Feindgebiet, Isolation

Das Urban Survival verschiebt das Profil ins Soziale, wo nicht die Natur, sondern der Zusammenbruch von Infrastruktur und Ordnung die Gefahr trägt. Das Combat Survival militärischen Ursprungs kennt mit dem Feind eine dritte Bedrohungsquelle, die in der zivilen Welt kein Gegenstück hat.

Wer „Survival” eingibt, meint fast immer Wildnis-Survival, ohne zu wissen, dass der Begriff weit größer ist. Survival ist nicht das Lagerfeuer im Wald allein. Es ist ein System aus mehreren Domänen, von denen die Wildnis nur die bekannteste ist.

Diese Verengung ist kein Zufall, sondern ein Erbe der populären Darstellung in Film und Fernsehen, die das einsame Überleben in der Natur ins Zentrum rückt. Wer das Feld ernst nimmt, muss die Domäne benennen, in der er sich bewegt. Und diese Domäne bündelt eine Reihe konkreter Fertigkeiten, die das ökologische Bedrohungsprofil direkt beantworten.

Welche Fähigkeiten umfasst Wildnis-Survival?

Sieben Kompetenzsäulen tragen die Disziplin, und jede beantwortet eine bestimmte ökologische Bedrohung. Ihre Priorität folgt der Rule of Threes, einer Merkformel zur groben Staffelung des Überlebens. Sie lautet: rund drei Minuten ohne Atemluft, drei Stunden ohne Schutz in extremer Umgebung, drei Tage ohne Wasser, drei Wochen ohne Nahrung. Die Formel ist keine physiologische Naturkonstante, sondern eine Faustregel, die sich je nach Bedingungen verschiebt. Im Kaltwasser schrumpfen die drei Stunden auf Minuten, in der Wüste die drei Tage auf wenige Stunden.

Schutz, Feuer, Wasser, Nahrung

Schutz und Unterkunft stehen deshalb vorn. Sie wirken gegen Exposition und Auskühlung, die nach der Drei-Stunden-Marke kritisch werden (FM 3-05.70, Kap. 5; ergänzt durch die Hypothermie-Leitlinie der Wilderness Medical Society). Wer nass und windexponiert ist, verliert Körperwärme um ein Vielfaches schneller als in trockener, stiller Luft. Feuer unterstützt die Wärmeregulation, macht Wasser trinkbar, dient als Signal und stützt die Moral, deren Wert in der Notlage kaum zu überschätzen ist. Die Wasserbeschaffung adressiert die Dehydration, deren Tempo unterschätzt wird. Schwere Arbeit in der Sonne bei 43 Grad Celsius kann rund 19 Liter Wasser am Tag erfordern (FM 3-05.70, Kap. 13). Nahrung steht nachrangig, weil der Körper sie am längsten entbehrt, ein Umstand, der dem Laienbild vom Jagen und Sammeln als erster Survival-Aufgabe widerspricht.

Navigation, Signalgebung, Erste Hilfe

Die übrigen drei Säulen richten sich auf Bewegung und Rettung. Navigation beugt dem Orientierungsverlust vor, der häufigsten Ursache, überhaupt in eine Notlage zu geraten. Signalgebung erhöht die Wahrscheinlichkeit, gefunden zu werden. Sie verbindet sich mit den realen Notrufwegen im DACH-Raum: 112 als europäischer Notruf, 140 als Alpinnotruf in Österreich, 1414 für die Rega in der Schweiz. Die Wildnis-Erste-Hilfe schließlich versorgt Verletzung und inneren Notfall. Sie folgt den Leitlinien der Wilderness Medical Society, die für Unterkühlung, Erfrierung und Hitzekrankheit eigene, regelmäßig aktualisierte Empfehlungen führt.

Der Deutsche Alpenverein verzeichnete 2022 eine deutliche Zunahme von Stein- und Eisschlag. Dessen Anteil an den Unfällen stieg von rund drei auf neun Prozent, eine Folge auftauenden Permafrosts und schwindender Gletscher (Deutscher Alpenverein, 2022). Das Gelände selbst verändert sich, und mit ihm die Anforderungen an die Kompetenz.

Doch selbst vollständige Fertigkeiten nützen wenig, wenn der Kopf in der Notlage versagt.

Was passiert psychologisch, wenn man sich verirrt?

Verirren ist zuerst ein kognitives, kein geografisches Problem. Eine verirrte Person kann die eigene Position nicht bestimmen und verfügt über keine wirksame Methode zur Reorientierung (Koester, 2008; Hill). Sie handelt oft gegen das eigene Überleben und läuft weiter, statt anzuhalten. Robert Koester wertete in seiner International Search and Rescue Incident Database über 150.000 Suchfälle aus. Daraus beschrieb er mehr als dreißig Verhaltensprofile vermisster Personen, vom Wanderer über den Demenzkranken bis zum Kind. Jedes Profil zeigt eigene Muster, wie weit und in welche Richtung sich eine Person vom letzten bekannten Punkt entfernt.

Bending the Map

Zwei Phänomene treten dabei immer wieder auf. Beim sogenannten Bending the Map hält die verirrte Person an ihrem mentalen Bild der Umgebung fest. Sie biegt die Wirklichkeit passend, statt das Bild zu korrigieren. Sie geht weiter, obwohl längst klar ist, dass die Karte nicht zur Landschaft passt. Jeden Hügel, jeden Bach deutet sie so um, dass er ins falsche Modell passt. Kenneth Hill beschrieb in seinen Untersuchungen, wie bei hoher emotionaler Erregung die Gedanken zerfallen und selbst einfache Probleme ungelöst bleiben. Das Ergebnis ist ziellose Bewegung, der Weg des geringsten Widerstands, der bergab und ins Dickicht führt, weg von den Wegen, auf denen Suchtrupps zuerst suchen. Hills praktische Empfehlung ist seit Jahrzehnten dieselbe: stehen bleiben, bis die Orientierung zurückkehrt.

John Leach ordnete solches Verhalten in eine Abfolge von Phasen, von der Vorphase über den Aufprall bis zur Erholung und Rettung (Leach, 1994). Er beschrieb dabei Muster wie kognitive Lähmung und stereotypes Handeln, bei dem Menschen sinnlose Tätigkeiten wiederholen, statt zu handeln. Sein oft zitiertes Verteilungsmuster besagt, dass nur ein kleiner Teil der Betroffenen effektiv handelt. Es ist als grobe Näherung zu verstehen: Etwa zehn bis fünfzehn Prozent reagieren wirksam, die Mehrheit bleibt beeinträchtigt. Es handelt sich um ein Modell, nicht um eine präzise gemessene Größe.

Der unverletzte Notfall in der Statistik

Die alpine Statistik im DACH-Raum stützt die Bedeutung dieser kognitiven Schicht. Der Schweizer Alpen-Club unterscheidet drei Begriffe (SAC, 2024). Der Bergnotfall meint jede Inanspruchnahme der Rettung. Der Bergunfall folgt der klassischen Unfalldefinition. Die Blockierung bezeichnet eine unverletzte Person, die aus Erschöpfung oder Überforderung nicht mehr weiterkommt. In Österreich betrafen 2024 rund 31 Prozent aller alpinen Notrufe unverletzte Personen in misslicher Lage (ÖKAS, 2024). In der Schweiz kamen 2024 bei 93 Unfällen 111 Menschen im klassischen Bergsport ums Leben, häufigste Ursache war der Sturz und Absturz (SAC, 2024). Der unverletzte Notfall ist damit kein Randphänomen, sondern ein Kern des Bedrohungsprofils. Oft scheitert die Person nicht an einer Verletzung, sondern an Orientierung, Kraft und Entscheidung.

Was unterscheidet Wildnis-Survival von Bushcraft und anderen Survival-Arten?

Wildnis-Survival und Bushcraft werden oft verwechselt, beschreiben aber Gegensätzliches. Bushcraft zielt auf das Gedeihen in der Natur durch Wissen, Wildnis-Survival auf das nackte Überleben in der Notlage. Ray Mears bezeichnete Survival als nur ein Kapitel der größeren Bushcraft-Geschichte, gleichsam deren Kurzfassung für den Ernstfall. Mors Kochanski brachte denselben Gedanken auf die Formel, je mehr man wisse, desto weniger müsse man tragen (Kochanski, 1987). Bushcraft ist also die Lebensweise, die sich Zeit nimmt, Wildnis-Survival ihre Notfall-Teilmenge, die unter Zeitdruck steht.

Gegenüber den anderen Survival-Domänen entscheidet erneut das Bedrohungsprofil. Das Urban Survival kennt die soziale Gefahr des städtischen Kollapses, in dem Menschen, Plünderung und der Ausfall von Wasser und Strom die Bedrohung tragen. Das Combat Survival kennt den militärischen Gegner. Beide arbeiten gegen Menschen, das Wildnis-Survival gegen die Natur. Diese Trennung ist nicht akademisch. Sie entscheidet, welche Fertigkeiten zählen: In der Wildnis hilft ein Feuer; im belagerten Stadtviertel kann dasselbe Feuer die eigene Position verraten.

Auch die Definitionsversuche selbst gehen auseinander, und jeder hat seine Konsequenz. Die Encyclopædia Britannica reduziert Survival auf Steinzeit-Fertigkeiten und verwechselt damit die Domäne mit einer ihrer Methoden. Die Wilderness Medical Society definiert präzise über die geografische Bedingung, bleibt dabei aber auf das Medizinische beschränkt. Praktiker wie Kochanski und Olsen bestimmen den Begriff über das Fertigkeitsrepertoire, was operativ nützlich, aber zirkulär ist, weil es Survival fast mit Bushcraft gleichsetzt. Die Rule of Threes schließlich erfasst das ökologische Profil implizit, bleibt aber eine Heuristik. Eine tragfähige Definition muss daher beim Bedrohungsprofil ansetzen, nicht bei Methode, Medizin oder Merkformel. Genau hier liegt die Lücke, die das Glossar schließt.

Häufige Fragen zu Wildnis-Survival

Ist Wildnis-Survival dasselbe wie Survival?

Nein. Wildnis-Survival ist die häufigste Lesart des Begriffs, aber nur eine von mehreren Domänen. Survival umfasst ebenso das Urban Survival im städtischen Raum und das Combat Survival militärischen Ursprungs.

Wer „Survival” sagt, meint meist die Wildnis, spricht damit aber nur einen Teil des Feldes an. Die Domänen unterscheiden sich nach dem, wogegen man überlebt: gegen die Natur, gegen den sozialen Kollaps oder gegen einen Feind.

Was ist der Unterschied zwischen Wildnis-Survival und Bushcraft?

Bushcraft ist das Gedeihen in der Natur durch Naturwissen, eine Lebensweise mit Zeit und Muße. Wildnis-Survival ist die Notfall-Teilmenge, in der es ums Überleben unter akuter Bedrohung geht.

Ray Mears nannte Survival treffend nur ein Kapitel der Bushcraft-Geschichte. Wer Bushcraft beherrscht, übersteht eine Notlage leichter, doch die beiden verfolgen verschiedene Ziele.

Welche Survival-Art ist im DACH-Raum am relevantesten?

Im deutschsprachigen Raum dominieren zwei Geländetypen. Der Alpenraum trägt das höchste Risiko durch Absturz, Lawine, Wetter und Höhe. Große Wälder und Mittelgebirge sind der realistische Ort für Orientierungsverlust, Unterkühlung und Erschöpfung.

Echte, großflächig gesicherte Wildnis ist in Deutschland mit 0,62 Prozent der Landesfläche selten (Wildnisbilanzierung, 2024). Für die meisten Menschen beginnt die relevante Wildnis daher nicht in der Ferne, sondern im nächsten großen Waldgebiet.

Was tut man zuerst, wenn man sich in der Wildnis verirrt?

Stehen bleiben. Die verbreitetste Fehlreaktion ist zielloses Weiterlaufen, das die Lage verschärft und die Suche erschwert. Erst die Lage beurteilen, die letzte sichere Position rekonstruieren und einen Notruf absetzen, sofern möglich. Erst dann über Bewegung entscheiden.

Diese Reihenfolge widerspricht dem Impuls, etwas zu tun, doch genau dieser Impuls führt tiefer in die Notlage.

Quellenverzeichnis

Deutscher Alpenverein (2022). DAV-Bergunfallstatistik 2022. München: Deutscher Alpenverein. alpenverein.de

Deutsches Rotes Kreuz (DRK) (o. J.). Bergwacht im DRK: Zahlen und Fakten. drk.de

Hill, K. A. The Psychology of Lost. In: Lost Person Behavior. Nova Scotia.

Koester, R. J. (2008). Lost Person Behavior: A Search and Rescue Guide on Where to Look. Charlottesville: dbS Productions.

Kochanski, M. (1987). Bushcraft: Outdoor Skills and Wilderness Survival. Edmonton: Lone Pine Publishing.

Kuratorium für Alpine Sicherheit (ÖKAS) (2024). Alpinunfälle in Österreich, Jahresrückblick 2024. Innsbruck: ÖKAS. alpinesicherheit.at

Leach, J. (1994). Survival Psychology. London: Macmillan.

Leach, J. (2004). Why people „freeze” in an emergency. Aviation, Space, and Environmental Medicine, 75(6).

Mears, R. Woodlore School of Wilderness Bushcraft. raymears.com

Olsen, L. D. (1967). Outdoor Survival Skills. Provo: Brigham Young University Press.

Schweizer Alpen-Club (SAC) (2024). Bergnotfallstatistik 2024. Bern: SAC. sac-cas.ch

U.S. Department of the Army (2002). FM 3-05.70 (FM 21-76) Survival. Washington, DC: Headquarters, Department of the Army.

Wilderness Medical Society. Clinical Practice Guidelines. Wilderness & Environmental Medicine. wms.org

Wildnisbilanzierung (2024). Erste bundesweite Bilanzierung der Wildnisgebiete in Deutschland. Heinz Sielmann Stiftung, Naturstiftung David, Zoologische Gesellschaft Frankfurt. bfn.de

Zuletzt aktualisiert: Juni 2026

Maurice Ressel, Survival-Experte und Gründer der Wildnisschule Lupus
Über den Autor

Maurice Ressel ist ein deutscher Survival-Experte mit über 25 Jahren Survival-Praxis, Wildnispädagoge, Kriegs- und Krisenfotojournalist (IPA Award 2017) und Autor (Penguin Random House). In über 15 Jahren als Fotojournalist dokumentierte er humanitäre Krisen in 22 Ländern — darunter Kriegsgebiete wie Afghanistan und die Ukraine — und absolvierte 30+ Einsätze mit UNICEF, Ärzte ohne Grenzen und Cap Anamur, darunter sechs Monate bei den Waiãpi im brasilianischen Amazonas.

Die dabei erkannten Muster zur Handlungsfähigkeit unter Druck fasste er in dem Trainingsmodell Die Innere Ausrüstung zusammen. In seinen Kursen verbindet er klassische Wildnis-Skills mit ziviler Ausweich-Kompetenz — Lagebeurteilung, Routenwahl und Vermeidung. Er leitet die Wildnisschule Lupus in der Schorfheide (Brandenburg).

22 Krisenländer | 30+ Einsätze | IPA Award 2017 | Bekannt aus ZDF Terra X und CNN International


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