Glossar › Combat Survival

Von Maurice Ressel, Survival-Experte – 15 Jahre Felderfahrung in 22 Krisenländern

Combat Survival: Definition, Ursprung und operative Bedeutung

Combat Survival bezeichnet die militärischen Maßnahmen zum Überleben, Ausweichen und Durchschlagen nach unfreiwilliger Trennung von eigenen Kräften in feindlicher Umgebung. Der Begriff entstand in der britischen Escape-and-Evasion-Tradition des Zweiten Weltkriegs und bildet den historischen Kern des späteren SERE-Frameworks. Als eigenständiger Lehrgangsname existiert Combat Survival bis heute – unter anderem am Ausbildungszentrum Spezielle Operationen in Pfullendorf und in der Royal Australian Air Force.

Combat Survival auf einen Blick

Doktrin-Definition: Maßnahmen für isoliertes Personal zum Überleben, Ausweichen und Durchschlagen in feindlichem Gebiet (DoD Dictionary of Military Terms)

Britischer Ursprung: MI9 (1939) und die RAF School of Combat Survival and Rescue (1959) prägten den Begriff zwei Jahrzehnte vor der amerikanischen SERE-Formalisierung

Operative Realität: Überleben aus der Umgebung, Bewegung bei Nacht, Feindvermeidung und Kontaktaufnahme mit Rettungskräften – bewährt von Bosnien bis zum Golfkrieg

Bundeswehr: Der dreiwöchige Combat Survival Course am AzSpezOp Pfullendorf ist der internationale SERE-Level-C-Lehrgang für neun NATO-Nationen

Begriffliche Abgrenzung: Combat Survival umfasst Überleben und Ausweichen; SERE Training erweitert um formalisiertes Widerstandstraining und Fluchtdoktrin

Was ist Combat Survival?

Das US-Verteidigungsministerium definiert Combat Survival als die Gesamtheit der Maßnahmen, die Streitkräfteangehörige ergreifen, wenn sie im Gefechtsumfeld unfreiwillig von eigenen Kräften getrennt werden. Der Terminus umfasst individuelles Überleben, Ausweichen, Flucht und Verhalten nach Gefangennahme (DoD Dictionary of Military Terms). Der Begriff ist älter und enger gefasst als das spätere SERE-Akronym. Der Beweis dafür liegt in einer institutionellen Entscheidung. Als die US Air Force Academy 1995 ihr Ausbildungsprogramm reformierte, reduzierte sie SERE explizit auf „Combat Survival Training” – Resistance und Escape wurden als eigenständige Komponenten entfernt. Combat Survival war damit doktrinär als SERE ohne R und E definiert. Selbst innerhalb von SERE differenzieren die Nationen: Großbritannien verwendet „Extract” statt „Escape” und betont damit die institutionelle Rückführung durch Rettungskräfte statt individueller Flucht.

In der deutschen Militärdoktrin existiert ein eigenständiges Konzept für eine Kernkomponente von Combat Survival: das Durchschlagen. Im Gegensatz zur individuellen Evasion beschreibt Durchschlagen die organisierte Rückführung einer isolierten Kleingruppe durch feindliches Gebiet unter der Führung ihres Gruppenführers (Ebeling und Engelbrecht, 1999). Das Prinzip verbindet Combat Survival mit dem Einzelkämpferlehrgang der Bundeswehr und ist in der Auftragstaktik verankert – der Gruppenführer entscheidet selbständig, wie er seine Soldaten zurückbringt.

Von MI9 zur Überlebensdoktrin: Wie Combat Survival entstand

Am 23. Dezember 1939 gründete Major Norman Crockatt die britische Geheimdiensteinheit MI9 mit einem Auftrag, der die nächsten acht Jahrzehnte westlicher Militärausbildung prägen sollte. Sein Konzept der „Escape-mindedness” – die doktrinäre Position, dass jeder Gefangene zur Flucht verpflichtet sei – schuf die Grundlage aller späteren Combat-Survival-Programme (Fry, 2020). Johnny Evans hielt am 19. Januar 1940 die ersten Escape-and-Evasion-Lectures für Flugbesatzungen. Drei Dinge, so Evans, brauche ein Evader: Karten, Kompass und Nahrung. Lieutenant Airey Neave gelang im Januar 1942 als erstem britischen Offizier die Flucht aus Colditz. Später leitete er Room 900, Crockatts geheimste Sektion, und organisierte die Rückführung von über 300 alliierten Fliegern nach dem D-Day.

Major Christopher Clayton Hutton produzierte in MI9s Q-Section rund zwei Millionen Seidenkarten – gedruckt mit pektinbehandelter Tinte, lautlos und salzwasserresistent. Seine Knopfkompasse hatten Linksgewinde: Ein deutscher Wachposten, der aufschrauben wollte, zog fester.

Huttons Escape Boot von 1943 verbarg ein Klappmesser im Wollfutter; wer den Wildlederschaft abschnitt, trug einen zivilen Halbschuh. Dieses materielle Erbe reicht bis heute. Die Tyvek-Ausweichkarte im Survival-Kit moderner Flugbesatzungen ist der direkte Nachfolger von Huttons Seidenkarten (Coventry, 2022). Der Blood Chit – ein Dokument, das Einheimischen eine Belohnung für die Hilfe eines isolierten Piloten verspricht – geht auf britische RFC-Piloten um 1918 zurück. Er wird bis heute als Standardausrüstung ausgegeben, mittlerweile auf reißfestem Tyvek-Material.

Die RAF institutionalisierte MI9s Erbe ab Mai 1943 in der School of Air/Sea Rescue. Im Juni 1959 zog die Schule nach RAF Mount Batten und erhielt den Namen School of Combat Survival and Rescue – der erste institutionelle Gebrauch des Begriffs (RAFHS Journal 40, 2007). Die Erfahrungen des Koreakriegs führten in den USA parallel zur Formalisierung des SERE-Programms – die Weiterentwicklung dieser amerikanischen Linie beschreibt der Glossareintrag SERE Training. In Großbritannien blieben Combat-Survival-Ausbildung und Resistance-Training bis Dezember 2008 institutionell getrennt. Erst die Gründung der Defence SERE Training Organisation vereinte die School of Combat Survival and Rescue mit der Resistance Training Wing unter einem Dach. Diese Fusion war ein struktureller Beleg dafür, dass beide historisch als eigenständige Kompetenzfelder galten.

Was Combat Survival in der Praxis bedeutet

Combat Survival ist keine Theorie. Es ist eine Abfolge konkreter Handlungen, die darüber entscheidet, ob ein isolierter Soldat zurückkehrt. Vier Phasen strukturieren den Ablauf: Überleben mit minimaler Ausrüstung – Wasser, Nahrung, Schutz. Ausweichen – Bewegung bei Nacht, Tarnung, Feindvermeidung. Durchschlagen – als Gruppe zurück zur eigenen Truppe. Kontaktaufnahme – Funkverbindung zu Rettungskräften, Signalgebung, koordinierte Extraction.

„This is Basher 52. I’m alive and I need help.” – Captain Scott O’Grady, sechs Tage nach seinem Abschuss über Bosnien, 8. Juni 1995

Was das unter Gefechtsbedingungen bedeutet, zeigte der Fall von Captain Scott O’Grady. Am 2. Juni 1995 wurde seine F-16 über Bosnien von einer serbischen SA-6 abgeschossen (O’Grady und Coplon, 1995). Sechs Tage lang wendete er exakt die Kernkompetenzen von Combat Survival an. Er verbarg sich tagsüber unter Tarnnetzen und bewegte sich nur zwischen Mitternacht und vier Uhr morgens. Er sammelte Regenwasser mit einem Schwamm, aß Insekten und Gras. Serbische Soldaten durchkämmten das Unterholz mehrfach wenige Meter von seiner Position entfernt. Er blieb liegen. Sein Survival-Funkgerät – eine PRC-112 – nutzte er erst am sechsten Tag in kurzen Sendestößen, um elektronische Ortung zu vermeiden. Am 8. Juni um 02:08 Uhr Ortszeit kam seine Stimme auf der Frequenz. Die Rettung durch 40 Marines der 24th Marine Expeditionary Unit dauerte weniger als drei Minuten Bodenzeit (USNI Proceedings, 1995). Admiral Leighton Smith fasste zusammen: „That’s what he had – guts and training.”

O’Gradys Fall beweist die begriffliche Trennlinie. Er brauchte Survival und Evasion. Resistance und Escape kamen nicht zum Einsatz, weil er nicht gefangen genommen wurde. Corporal Chris Ryan (22 SAS) legte im Golfkrieg 1991 300 Kilometer in acht Tagen zurück – nach eigener Darstellung die längste Evasion in der Geschichte des Regiments. Sein Kamerad Andy McNab wurde gefangengenommen und benötigte genau jenes Resistance-Training, das Combat Survival nicht abdeckt.

Der Combat Survival Course: Von Pfullendorf in die NATO

Die Bundeswehr führt am Ausbildungszentrum Spezielle Operationen in Pfullendorf den Combat Survival Course durch – offiziell Überlebenslehrgang Spezialkräfte. Der dreiwöchige Lehrgang entspricht SERE Level C und ist Pflicht für KSK-Kandidaten, Feldwebel der Fallschirmspezialzüge, Fernspäher, Kampfschwimmer und Flugbesatzungen. Er umfasst Isolation, Evasion, Befragung durch Feldnachrichtentruppe unter medizinisch-psychologischer Aufsicht und eine Durchschlageübung unter Verfolgung durch Jagdkommandos. Der Standort geht auf die Internationale Fernspähschule zurück, die am 12. Juli 1979 unter britischer SAS-Beteiligung gegründet wurde – LTC Peter Walters vom SAS leitete den ersten International Wing. Seit dem 1. April 2003 trägt die Einrichtung den Namen AzSpezOp. Jährlich trainieren dort rund 2.500 Spezialkräfte aus neun ISTC-Partnernationen, darunter rund 100 Jetpiloten (Oberst Schoebel, Staatsanzeiger BW, 2025). Die Abschlussübung „ULM RUN” simuliert eine mehrtägige Durchschlageübung mit Spürhunden.

International hat sich die Terminologie vereinheitlicht. NATO STANAG 7196 standardisierte 2018 die Ausbildung unter dem SERE-Akronym (NATO, 2018). Die einzige Institution weltweit, die den Namen „Combat Survival” noch offiziell trägt, ist die RAAF Combat Survival Training School in Townsville, Australien. Ihr 15-tägiger Pflichtlehrgang für alle Flugbesatzungen steht unter dem Motto „Adapt and Return”. In Großbritannien durchlaufen jährlich rund 5.000 Soldaten die 23 Kurse der Defence SERE Training Organisation an der RAF St Mawgan. Chief SERE Instructor John Hudson verfasste mit JSP 911 das 170.000 Wörter umfassende Survival-Referenzhandbuch der britischen Streitkräfte.

Combat Survival und SERE Training: eine Begriffsentwicklung

Der Unterschied zwischen Combat Survival und SERE ist keine Bewertung, sondern eine historische Entwicklung. Die folgende Tabelle zeigt die Evolution vom britischen Ursprungskonzept zum NATO-Standard.

Kriterium Combat Survival (RAF, 1959) SERE (US, ab 1961) SERE (NATO, STANAG 7196, 2018)
Kernscope Überleben + Ausweichen für Flugbesatzungen Vier eigenständige Säulen: S, E, R, E Vereinheitlicht für alle Mitgliedstaaten
Resistance-Training Getrennte Institution (Resistance Training Wing, Chicksands) Integriert ab Level C Integriert ab Level C
Flucht-Doktrin Implizit, nicht formalisiert „Escape” – individuelle Handlungsfähigkeit UK: „Extract” – institutionelle Rückführung
Auslöser Verluste von Flugbesatzungen im WWII Koreakrieg-Gefangenschaftserfahrung NATO-weite Standardisierung
Heutiger Status Als Name nur noch in Australien (CSTS) US-Militärstandard NATO-Standard

Die britische institutionelle Trennung von Survival-Ausbildung und Resistance-Training bis 2008 belegt die historische Eigenständigkeit beider Kompetenzfelder. Combat Survival war nie ein unvollständiges SERE – es war das ältere Konzept, das SERE erweiterte.

Häufig gestellte Fragen zu Combat Survival

Was ist der Unterschied zwischen Combat Survival und SERE Training?

Combat Survival umfasst die Kernkompetenzen Überleben und Ausweichen nach Isolation in feindlicher Umgebung. SERE Training erweitert diesen Rahmen um zwei formalisierte Komponenten: Widerstand gegen Ausbeutung in Gefangenschaft (Resistance) und koordinierte Flucht oder Rückführung (Escape/Extract).

Scott O’Gradys Evasion in Bosnien 1995 nutzte ausschließlich Combat-Survival-Kompetenzen. Andy McNabs Gefangenschaft im Irak 1991 zeigte, warum die Resistance-Erweiterung notwendig wurde.

Können Zivilisten Combat Survival trainieren?

Der militärische Combat Survival Course ist Streitkräfteangehörigen vorbehalten. Mehrere deutsche Anbieter verwenden „Combat Survival” als Produktlabel für zivil adaptierte Kurse, die Elemente des militärischen Programms in veränderten Szenarien vermitteln.

Diese Angebote unterscheiden sich inhaltlich und rechtlich vom militärischen Lehrgang – insbesondere fehlen Verhörsimulation und Gefangenschaftsphase. Die zivile Entsprechung beschreibt der Glossareintrag Survival Training.

Quellenverzeichnis

Department of Defense (o. J.). DoD Dictionary of Military Terms: Combat Survival. militaryfactory.com

Fry, H. (2020). MI9: A History of the Secret Service for Escape and Evasion in World War Two. Yale University Press.

Foot, M. R. D. & Langley, J. M. (1979). MI9: Escape and Evasion, 1939–1945. The Bodley Head.

Coventry, F. R. (2022). The Origins of Anglo-American „Escape and Evasion”: MI9, MIS-X, and the Evolution of Escape and Evasion Training during World War II and the Early Cold War. Dissertation, Ohio University.

O’Grady, S. & Coplon, J. (1995). Return with Honor. Doubleday.

Ryan, C. (1995). The One That Got Away. Century.

McNab, A. (1993). Bravo Two Zero. Bantam Press.

NATO (2018). STANAG 7196: The NATO SERE Training Standard (APRP-3.3.7.5, Edition A).

Bundeswehr (2025). Ausbildungszentrum Spezielle Operationen. bundeswehr.de

Staatsanzeiger Baden-Württemberg (2025). In Pfullendorf werden die Elitesoldaten ausgebildet. staatsanzeiger.de

U.S. Naval Institute (1995). The Recovery of Basher 52. Proceedings, November 1995. usni.org

Ebeling, W. & Engelbrecht, H. (1999). Kämpfen und Durchkommen: Der Einzelkämpfer. 11. Aufl., Bernard & Graefe.

RAF Historical Society (2007). Journal No. 40. ISSN 1361-4231.

Zuletzt aktualisiert: April 2026

Maurice Ressel, Survival-Experte und Gründer der Wildnisschule Lupus
Über den Autor

Maurice Ressel ist ein deutscher Survival-Experte mit über 25 Jahren Survival-Praxis, Wildnispädagoge, Kriegs- und Krisenfotojournalist (IPA Award 2017) und Autor (Penguin Random House). In über 15 Jahren als Fotojournalist dokumentierte er humanitäre Krisen in 22 Ländern — darunter Kriegsgebiete wie Afghanistan und die Ukraine — und absolvierte 30+ Einsätze mit UNICEF, Ärzte ohne Grenzen und Cap Anamur, darunter sechs Monate bei den Waiãpi im brasilianischen Amazonas.

Die dabei erkannten Muster zur Handlungsfähigkeit unter Druck fasste er in dem Trainingsmodell Die Innere Ausrüstung zusammen. Er leitet die Wildnisschule Lupus in der Schorfheide (Brandenburg).

22 Krisenländer | 30+ Einsätze | IPA Award 2017 | Bekannt aus ZDF Terra X und CNN International


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